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Du willst es nicht – dein Gehirn will es

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Du willst etwas, was als gar nicht mehr angenehm wahrgenommen wird. Die Theorie von Robinson und Berridge setzt genau dort an. Ich möchte hier näher auf diese Theorie eingehen. Während Panksepp Sucht als eine Fehlregulation emotionaler Systeme beschreibt, formulieren Robinson und Berridge eine radikale These. Sucht hat nicht primär mit Genuss zu tun. Im Zentrum steht nicht das „Mögen“, sondern das „Wollen“. Ihre Forschung basiert vor allem auf Tierexperimenten sowie auf der Untersuchung dopaminerger Systeme und deren Veränderung durch wiederholten Drogenkonsum. Die zentrale Frage, die sie dabei leitet, ist ebenso einfach wie tiefgreifend: Warum wird Konsum zwanghaft, selbst dann, wenn er gar nicht mehr als angenehm erlebt wird?

Incentive-Sensitization-Theorie

Die Antwort darauf formulieren sie in ihrer sogenannten Incentive-Sensitization-Theorie. Der Begriff lässt sich als „Sensibilisierung von Anreiz“ oder „Verlangen“ übersetzen. Und genau darin liegt der Kern ihrer Perspektive. Drogen verändern das Gehirn nicht nur kurzfristig, sondern langfristig, insbesondere in den Systemen, die für Motivation zuständig sind. Diese Systeme werden im Verlauf des Konsums zunehmend sensibilisiert, d.h. sie reagieren überempfindlich, springen schneller an und werden besonders leicht durch Reize aktiviert, durch die Substanz selbst, aber auch durch Orte, Situationen oder innere Zustände.

Liking und Wanting

Der entscheidende Punkt dabei ist die Unterscheidung zwischen „liking“ und „wanting“. „Liking“ beschreibt den tatsächlichen Genuss, das Erleben von Lust. „Wanting“ hingegen bezeichnet das Verlangen, den Drang, etwas haben zu wollen. Robinson und Berridge zeigen, dass diese beiden Prozesse neurobiologisch voneinander trennbar sind und dass sie sich im Verlauf einer Sucht auseinanderentwickeln können. Während das „Mögen“ gleich bleibt oder sogar abnimmt, kann das „Wollen“ massiv ansteigen. Genau darin liegt das Paradox. Menschen konsumieren weiter, obwohl es ihnen gar nicht mehr wirklich gefällt oder sogar schadet.

Damit stellen sie auch klassische Erklärungsmodelle infrage. Die Idee, dass Sucht vor allem durch „Verstärkung“ entsteht, also dadurch, dass eine Substanz belohnend wirkt und deshalb wiederholt wird, greift aus ihrer Sicht zu kurz. Sie beschreibt das Verhalten, erklärt aber nicht seine Dynamik. Zu sagen, Menschen nehmen Drogen, weil sie verstärkend wirken, bleibt letztlich ein Kreisschluss. Ebenso wenig reicht die Annahme aus, dass Genuss der treibende Faktor ist. Denn die empirischen Befunde zeigen deutlich, Konsum kann auch dann fortbestehen, wenn der Genuss längst verschwunden ist.

Incentive Salience

Im Unterschied zu Panksepp liegt der Fokus von Robinson und Berridge weniger auf Emotionen wie Bindung, Schmerz oder Regulation, sondern stärker auf Motivation. Ihr zentraler Begriff ist die sogenannte „incentive salience“ – die übermäßige Bedeutsamkeit, die bestimmten Reizen zugeschrieben wird. Dinge erscheinen plötzlich extrem wichtig, Aufmerksamkeit wird gebunden, und ein innerer Zug entsteht. Es ist, als würde das Gehirn bestimmte Reize markieren und sagen: „Das hier zählt. Hol es dir.“ Diese Markierung geschieht weitgehend automatisch und unabhängig von bewusster Bewertung.

Das hat weitreichende Konsequenzen für das Verständnis von Rückfällen. Denn dieses „Wanting-System“ bleibt auch nach längerer Abstinenz verändert. Es kann jederzeit reaktiviert werden, durch äußere Reize, Erinnerungen oder innere Zustände. Ein Ort, ein Gefühl, ein bestimmter Moment und plötzlich ist der Drang wieder da: schnell, intensiv, oft überwältigend. Entscheidend ist dabei, dass es sich nicht um eine bewusste Entscheidung oder einen reflektierten Wunsch handelt. Vielmehr wird ein bereits sensibilisiertes Motivationssystem angefeuert.

Echtes Wünschen, verlässlich oder nicht

Aus dieser Perspektive ergeben sich auch konkrete Implikationen für den Umgang mit Sucht. Eine davon ist vielleicht die herausforderndste: Dem eigenen „Wollen“ kann man nicht uneingeschränkt vertrauen. Denn dieses Wollen ist nicht neutral. Es ist durch die Erfahrung mit der Substanz verändert worden. Wenn sich etwas wie ein echter Wunsch anfühlt, bedeutet das nicht zwangsläufig, dass es ein verlässlicher Ausdruck des eigenen Selbst ist. Vielmehr kann es sein, dass das Gehirn etwas als extrem wichtig markiert, unabhängig davon, ob es tatsächlich sinnvoll oder hilfreich ist.

Auch das Erleben von Craving verändert in diesem Licht seine Bedeutung. Es ist nicht einfach ein Wunsch nach Genuss, sondern Ausdruck eines aktivierten Motivationssystems. Gleichzeitig wird die Rolle von sogenannten Triggern deutlich: Orte, Situationen, emotionale Zustände können das „Wanting“ verstärken und das Risiko für Konsum erhöhen. Deshalb wird das Umfeld zu einem zentralen Faktor. Es geht nicht nur um innere Stärke, sondern auch um die Gestaltung äußerer Bedingungen.

Ein weiterer wichtiger Punkt ist die Dauerhaftigkeit dieser Veränderungen. Die Sensibilisierung des Systems kann lange bestehen bleiben. Das bedeutet nicht, dass Veränderung unmöglich ist, aber dass sie Zeit, Bewusstheit und konkrete Strategien braucht. Robinson und Berridge betonen daher die Bedeutung von Verhalten und Kontext. Es geht darum, Strukturen zu schaffen, die zwischen Impuls und Handlung vermitteln. „Gates“, die verhindern, dass ein aktivierter Impuls unmittelbar in Konsum übergeht. Ebenso wichtig ist es, das eigene Umfeld aktiv zu gestalten, Trigger zu reduzieren, neue Routinen zu entwickeln, neue Bedeutungen zu etablieren. Vielleicht lässt sich ihre Theorie in einem einzigen Satz zusammenfassen: Du willst es nicht – dein Gehirn bringt dich dazu, es zu wollen.

Schluss

Diese Perspektive kann auch eine neue Sicht auf das eigene Erleben eröffnen. Wenn sich etwas gleichzeitig wie ein Wunsch und wie ein Zwang anfühlt, ist das kein persönlicher Widerspruch, sondern Ausdruck genau dieser Dynamik. Das „Wollen“ läuft – teilweise unabhängig vom bewussten Selbst. Gerade in der Verbindung mit Panksepps Ansatz entsteht daraus ein besonders differenziertes Bild. Während Panksepp danach fragt, welche emotionalen Zustände durch eine Substanz reguliert werden, richtet Robinson und Berridge den Blick darauf, wann und wodurch das „Wanting-System“ aktiviert wird. Zusammengenommen eröffnen beide Perspektiven einen Zugang, der sowohl die Tiefe emotionaler Bedürfnisse als auch die Macht automatisierter Motivationsprozesse berücksichtigt. Und genau dort, an der Schnittstelle zwischen innerem Zustand und äußerem Auslöser, beginnt ein Raum, in dem Veränderung möglich wird.

Literatur:

  • Robinson, T. E., & Berridge, K. C. (2000). The psychology and neurobiology of addiction: an incentive-sensitization view. Addiction (Abingdon, England), 95 Suppl 2, S91–S117. https://doi.org/10.1080/09652140050111681

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