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Wenn das Gehirn nach etwas sucht, das es zum Überleben braucht

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Kennst du diese Sätze eventuell? Ich will ja aufhören, kann aber nicht. Das ist kein Widerspruch. Im Gegenteil. Es entspricht genau dem Kern dessen, was der Neurowissenschaftler Jaak Panksepp und Kollegen (2002) in seiner Forschung herausgearbeitet hat. Aus seiner Sicht lässt sich Sucht nicht nur psychologisch, sondern vor allem neurobiologisch und evolutionär verstehen.

Panksepp betrachtet Sucht als das Ergebnis einer Art „Fehlleitung“ im Gehirn. Bestimmte emotionale Systeme, die ursprünglich dafür entwickelt wurden, unser Überleben zu sichern, werden durch Substanzen wie THC künstlich aktiviert. Diese Systeme sind sehr alt und bei allen Säugetieren vorhanden, deshalb konnte Panksepp sie auch an Tieren erforschen.

Zwei dieser Systeme spielen dabei eine zentrale Rolle. Das erste ist das sogenannte SEEKING-System, das eng mit Dopamin verbunden ist. Es ist verantwortlich für Motivation, Neugier und das Gefühl: „Da ist etwas Gutes, ich will mehr davon.“ Wichtig ist: Dieses System hat nichts mit Genuss zu tun, sondern mit dem Drang zu suchen und zu erreichen. Drogen aktivieren dieses System stark und genau dadurch entsteht das Verlangen. Gedanken beginnen zu kreisen, der Fokus richtet sich auf die Substanz, und ein innerer Zug entsteht, ihr nachzugehen.

Das zweite zentrale System ist das CARE- bzw. Opioid-System. Es steht für Beruhigung, Bindung und das Gefühl von Sicherheit. Zustände wie Wärme, Geborgenheit und „Alles ist okay“ entstehen eigentlich durch Nähe, Beziehung und soziale Verbindung. Drogen können auch dieses System künstlich stimulieren und so ein Gefühl von Entspannung und Aufgehoben-Sein erzeugen.

Der entscheidende Punkt ist: Das Gehirn interpretiert diese künstliche Aktivierung als echten Überlebenserfolg. Es „glaubt“, dass etwas extrem Wichtiges passiert ist – etwas, das das eigene Wohlbefinden oder sogar das Überleben steigert. Deshalb beginnt es, die Droge zu priorisieren, oft sogar über grundlegende Bedürfnisse wie Schlaf, Essen oder Beziehungen hinweg.

Vor diesem Hintergrund wird auch verständlich, warum du gleichzeitig willst und nicht willst. Verschiedene Systeme im Gehirn arbeiten gegeneinander: Das SEEKING-System drängt nach der Substanz („Jetzt, das ist wichtig“), während ein bewussterer, reflektierender Teil sagt: „Ich will das eigentlich nicht mehr.“ Gleichzeitig meldet sich der Körper, besonders bei Gewöhnung oder Entzug, mit einem Gefühl von Mangel. Nach wiederholtem Konsum verschiebt sich das innere Gleichgewicht so, dass sich Stabilität oft nur noch mit der Substanz einstellen lässt und genau das erzeugt dieses Gefühl von Zwang.

Auch Rückfälle lassen sich in diesem Modell klarer verstehen. Sie passieren nicht immer aus Lust oder dem Wunsch nach einem „High“. Häufig geht es vielmehr darum, unangenehme Zustände zu beenden: Unruhe, Leere oder körperliche Spannungen. In diesem Sinne ist Konsum oft weniger ein Streben nach Freude als ein Versuch, Schmerz zu vermeiden.

Ein besonders wichtiger Aspekt in Panksepps Ansatz ist die soziale Dimension. Die gleichen Systeme, die durch Drogen aktiviert werden, sind auch für Bindung zuständig. Vor allem das Opioid-System spielt eine zentrale Rolle bei sozialer Nähe. Wenn Verbindung, Sicherheit oder das Gefühl, gehalten zu sein, fehlen, kann das Nervensystem nach Ersatz suchen und eine Substanz kann diese Funktion kurzfristig übernehmen. Nicht aus Schwäche, sondern weil das System versucht, sich zu regulieren.

Daraus ergibt sich eine wichtige Perspektive: Es geht nicht einfach darum, „aufzuhören“. Denn die Droge erfüllt reale Funktionen im Erleben. Wenn sie wegfällt, braucht das Nervensystem Alternativen. Das SEEKING-System kann durch echte Motivation, Bewegung und Neugier angesprochen werden. Das Beruhigungs- und Bindungssystem hingegen durch körperliche Regulation, Kontakt, Nähe und sichere Beziehungen.

Auch Rückfälle erscheinen aus dieser Sicht in einem anderen Licht. Sie sind oft kein Zeichen von fehlendem Willen, sondern Ausdruck davon, dass das System einen Zustand nicht halten konnte. Die körperlichen Reaktionen, die dabei auftreten, sind keine Fehlfunktionen, sondern Hinweise darauf, dass etwas aus dem Gleichgewicht geraten ist. Und vielleicht ist ein Satz dabei besonders ehrlich und zentral: Wenn ein Teil von dir sagt „Ich will es gar nicht ganz lassen“, dann ist auch das verständlich. Dieser Teil hat gelernt, dass die Substanz hilft, dass sie etwas bereitstellt, das sich wie Überleben anfühlt. Wenn man tiefer gehen möchte, liegt ein entscheidender Schlüssel darin, genauer hinzuschauen: In welchen Momenten wird das Bedürfnis besonders stark? Was genau gibt die Substanz in diesen Situationen – Antrieb, Beruhigung, Flucht? Und welche inneren Zustände sind ohne sie schwer auszuhalten? Genau dort setzt eine Veränderung an: nicht nur im Verzicht, sondern im Aufbau von neuen, tragfähigen Formen der Regulation.

Literatur:

  • Panksepp, J., Knutson, B., & Burgdorf, J. (2002). The role of brain emotional systems in addictions: a neuro-evolutionary perspective and new 'self-report' animal model. Addiction (Abingdon, England), 97(4), 459–469. https://doi.org/10.1046/j.1360-0443.2002.00025.x

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