Sucht beginnt selten mit einer Entscheidung und endet noch seltener mit einer. Viele Menschen rauchen, obwohl sie längst spüren, dass es ihnen nicht guttut. Sie nehmen sich vor aufzuhören, vielleicht mehrmals, und finden sich doch immer wieder in denselben Situationen wieder: der erste Zug am Morgen, die Zigarette nach dem Essen, das automatische Greifen in Momenten von Stress oder Leere. Besonders komplex wird es, wenn Tabak mit THC kombiniert wird. Dann verstärken sich nicht nur die körperlichen, sondern auch die psychischen Bindungen an das Verhalten. Was bleibt, ist oft ein Gefühl von Kontrollverlust, begleitet von der Frage: Warum ist das so schwer? Die Antwort liegt weniger im Willen als im Gedächtnis. Sucht ist kein bloßes Verhalten, sondern ein gelerntes Muster, tief verankert in unserem Nervensystem. Genau hier setzt eine spannende Forschungslinie an, unter anderem die Arbeit von Lisa J. Germeroth et al. (2017). Sie untersucht, ob und wie sich solche Muster gezielt verändern lassen, nicht durch Unterdrückung, sondern durch ein Umschreiben der zugrunde liegenden Erinnerungen. Was dabei sichtbar wird, ist ein Perspektivwechsel: Vielleicht geht es nicht darum, stärker zu werden als das Verlangen, sondern klüger mit dem umzugehen, was wir gelernt haben.
Warum fällt es so schwer, mit dem Rauchen aufzuhören – selbst wenn man es wirklich will?
Weil Sucht weniger mit „Willensschwäche“ zu tun hat als mit Lernen. Rauchen ist tief in unserem Gedächtnis verankert: bestimmte Orte, Situationen oder Gefühle werden zu Auslösern (Cues), die automatisch Verlangen erzeugen. Dieses Zusammenspiel aus Reiz und Reaktion läuft oft schneller ab als bewusste Entscheidungen. Besonders schwierig wird es, wenn Tabak mit THC kombiniert wird, da hier mehrere Belohnungssysteme gleichzeitig angesprochen werden. Das Ergebnis ist ein stabiles, wiederkehrendes Muster, das sich nicht einfach „wegentscheiden“ lässt.
Was hat die Studie von Lisa J. Germeroth gezeigt?
Die Studie untersuchte eine Methode namens Retrieval-Extinction. Dabei wird ein suchtrelevantes Gedächtnis zunächst kurz aktiviert (zum Beispiel durch ein Video mit Rauchreizen) und anschließend gezielt „überschrieben“, indem die erwartete Belohnung ausbleibt. Die Ergebnisse zeigen: Menschen in dieser Bedingung hatten nach einem Monat weniger Verlangen, rauchten weniger Zigaretten pro Tag und wiesen niedrigere CO-Werte auf als die Kontrollgruppe. Besonders interessant ist, dass dieser Effekt auch bei neuen Auslösern auftrat. Das deutet darauf hin, dass nicht nur einzelne Reize abgeschwächt wurden, sondern das zugrunde liegende Gedächtnismuster selbst verändert wurde.
Was bedeutet „Gedächtnis überschreiben“ konkret?
Normalerweise funktioniert Verhaltenstherapie über Extinktion: Man lernt, dass ein Reiz nicht mehr zur Belohnung führt. Das Problem ist, dass dieses neue Lernen oft fragil bleibt. Es kann bei Stress, Zeit oder Kontextwechsel wieder verschwinden. Retrieval-Extinction geht einen Schritt weiter. Es nutzt ein kurzes Zeitfenster nach der Reaktivierung einer Erinnerung, in dem diese instabil wird. In diesem sogenannten Reconsolidation-Fenster kann die alte Verknüpfung aktualisiert werden. Das Ziel ist also nicht, das Verlangen zu unterdrücken, sondern die Bedeutung des Reizes im Gedächtnis selbst zu verändern.
Welche Rolle spielt der sogenannte „Prediction Error“?
Der entscheidende Moment ist die Überraschung. Das Gehirn erwartet eine Belohnung und sie bleibt aus. Diese Diskrepanz nennt man Prediction Error. Genau dieser Bruch öffnet das Fenster, in dem das Gedächtnis veränderbar wird. Ohne diese Irritation bleibt die Erinnerung stabil. In der Studie zeigte sich: Nur die Kombination aus Abruf und unerwarteter Extinktion führte zu den beschriebenen Effekten. Es reicht also nicht, sich einfach nur dem Reiz auszusetzen. Das Timing und die Erfahrung müssen präzise zusammenspielen.
Kann man diese Methode alleine anwenden?
Nach aktuellem Stand eher nicht zuverlässig. In der Studie wurde die Intervention unter kontrollierten Bedingungen durchgeführt, mit klar definierten Zeitfenstern, standardisierten Reizen und Anleitung durch Fachpersonal. Gerade das Timing zwischen Abruf und Extinktion ist entscheidend. Auch der Prediction Error lässt sich nicht beliebig „herstellen“. Die Autor:innen betonen deshalb selbst, dass es sich um ein experimentelles Verfahren handelt, dessen Übertragbarkeit in den Alltag noch weiter untersucht werden muss. Ohne Anleitung besteht die Gefahr, dass die entscheidenden Mechanismen nicht greifen.
Was lässt sich trotzdem für den Alltag mitnehmen?
Auch wenn die Methode selbst schwer allein umzusetzen ist, verweist sie auf etwas Grundlegendes: Sucht ist veränderbar, weil sie gelernt ist. Das bedeutet, dass neue Erfahrungen alte Muster beeinflussen können. Achtsamkeit gegenüber Auslösern, bewusstes Innehalten im Moment des Verlangens und das schrittweise Durchbrechen automatischer Abläufe sind Wege, die in eine ähnliche Richtung weisen. Sie ersetzen keine gezielte Intervention, aber sie öffnen einen Raum, in dem Veränderung möglich wird.
Was ist die zentrale Erkenntnis dieser Studie?
Vielleicht diese: Das Verlangen ist nicht das Problem, sondern ein Hinweis auf ein gelerntes Muster. Und Muster lassen sich verändern, nicht durch Druck, sondern durch gezielte Irritation und neue Erfahrung. Der Mensch ist seinem Gedächtnis nicht ausgeliefert. Aber er muss verstehen, wie es funktioniert.
Literatur:
- Germeroth, L. J., Carpenter, M. J., Baker, N. L., Froeliger, B., LaRowe, S. D., & Saladin, M. E. (2017). Effect of a brief memory updating intervention on smoking behavior: A randomized clinical trial. JAMA Psychiatry, 74(3), 214–223. https://doi.org/10.1001/jamapsychiatry.2016.3148 (Mendeley)
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