Die moderne Psychologie ist lange Zeit vom Primat des Denkens ausgegangen. In klassischen Theorien der Emotionsregulation, etwa von Lazarus (1991) oder Scherer et al. (2001), steht die Bewertung einer Situation im Vordergrund: Eine Emotion entsteht, weil ein Ereignis als gut oder schlecht für die eigenen Ziele, Bedürfnisse oder Wünsche eingeschätzt wird. Diese sogenannte Appraisal-Theorie dominiert bis heute weite Teile der psychologischen Forschung und hat doch eine entscheidende Dimension vernachlässigt: den Körper.
Emotionen sind keine rein kognitiven Phänomene. Sie sind leiblich. Sie sind nicht bloß Urteile über Situationen, sondern geschehen im ganzen Menschen – in Herzklopfen, Muskelspannung, Gänsehaut, Mimik, Atem, Bewegung. Das körperliche Mitschwingen, das William James (1884) bereits als konstitutiv für die Emotion beschrieb, wurde in kognitiven Theorien oft als nebensächliche Begleiterscheinung betrachtet. Thomas Fuchs (2020) stellt dieses Bild infrage und schlägt ein verkörpertes Modell von Emotionen vor, das nicht nur theoretisch fundiert, sondern auch therapeutisch fruchtbar ist.
Das verkörperte Modell: Emotion als Resonanzkreis
Fuchs entwickelt ein zirkuläres Modell der Emotionen, das auf dem Konzept der „leiblichen Resonanz“ basiert. Emotionen sind demnach keine innerpsychischen Zustände, sondern Resultate von Wechselwirkungen zwischen Subjekt und Welt, vermittelt durch den Körper. Sie bestehen aus zwei sich gegenseitig beeinflussenden Komponenten:
- Affektion (zentripetale Komponente): Die affektive Qualität einer Situation trifft das Subjekt und erzeugt leibliche Empfindungen – etwa das Erröten bei Scham, das Herzklopfen bei Angst oder die Weite im Brustkorb bei Freude.
- E-motion (zentrifugale Komponente): Diese leibliche Resonanz schlägt sich in expressiven Handlungsimpulsen nieder – Blickvermeidung, Rückzug, Aufrichtung, Nähe suchen oder Abgrenzung.
Der Körper ist dabei nicht passives Objekt emotionaler Reaktionen, sondern aktiver Vermittler und Resonanzraum. Emotionen „entstehen“ nicht in einem zentralen inneren Raum, sondern in einem zirkulären Prozess von Wahrnehmung, leiblicher Reaktion und expressiver Handlung (Fuchs, 2013). Der Körper bildet damit das Medium der affektiven Zuwendung zur Welt oder in den Worten von Prinz (2004): embodied appraisal.
Körperzustände beeinflussen Emotionen – und umgekehrt
Die Forschung zum Embodiment liefert eindrucksvolle Belege dafür, dass Körperhaltungen, Mimik und Gesten nicht nur Ausdruck von Emotionen sind, sondern sie auch erzeugen oder modulieren können:
- Eine aufrechte Haltung erleichtert das Erinnern positiver Erfahrungen, während eine zusammengesunkene Körperhaltung zu vermehrtem Zugriff auf negative Erinnerungen führt (Riskind, 1984).
- Das Halten eines Stifts zwischen den Zähnen (was ein Lächeln simuliert) steigert die Lustigkeitseinschätzung von Cartoons (Strack, Martin & Stepper, 1988).
- Die Erfahrung von körperlicher Wärme durch eine heiße Tasse führt zu mehr „interpersonaler Wärme“ in der Bewertung anderer (Williams & Bargh, 2008).
- Botox-Injektionen, die das Stirnrunzeln unterdrücken, beeinträchtigen die Verarbeitung negativer emotionaler Inhalte – und können sogar depressive Symptome lindern (Havas et al., 2010; Wollmer et al., 2012).
Diese Studien zeigen: Emotionale Erfahrung und körperliche Ausdrucksmuster stehen in einem Wechselverhältnis. Wer seine Mimik, Haltung oder Bewegung verändert, verändert auch die emotionale Wahrnehmung der Welt.
Störung der Resonanz – Psychopathologie als Verkörperungsdefizit
Wenn Emotionen auf leiblicher Resonanz beruhen, liegt es nahe, dass psychische Störungen als Störungen dieses Resonanzprozesses verstanden werden können. Fuchs (2020) beschreibt dies exemplarisch anhand der Depression: Betroffene erleben eine „emotionale Taubheit“ – nicht, weil sie nicht denken könnten, was zu empfinden wäre, sondern weil der Körper nicht mehr mitschwingt. Die affektive Qualität der Welt erreicht das Subjekt nicht mehr leiblich – ein Gefühl der inneren Leere oder Abgetrenntheit entsteht (Solomon, 2001).
Auch bei somatoformen Störungen, Alexithymie oder Essstörungen ist die leibliche Resonanz gestört: Körperempfindungen werden nicht als Ausdruck emotionaler Affekte verstanden, sondern verselbstständigen sich in Form von Druck, Brennen oder Schmerz (Pollatos et al., 2008; 2011). Die Interozeption – also die Wahrnehmung innerer Körperzustände – ist reduziert, was die Fähigkeit zur Emotionsregulation deutlich einschränkt (Craig, 2004).
Therapeutische Konsequenzen: Verkörperte Emotionsregulation
Die therapeutische Relevanz des Modells ist enorm: Wenn Emotionen nicht nur gedacht, sondern verkörpert sind, müssen sie auch über den Körper bearbeitet werden. Verkörperte Emotionsregulation umfasst deshalb drei Grundpfeiler:
- Wahrnehmen und Differenzieren
Die Basis jeglicher Emotionsregulation ist die differenzierte Wahrnehmung. Im körpertherapeutischen Setting geschieht dies z. B. durch Focusing (Gendlin, 1996), Body Scans oder Atemachtsamkeit. Das Erspüren von Spannung, Schwere, Enge oder Bewegungstendenzen erlaubt es, vage Empfindungen in differenzierte Gefühle zu übersetzen – eine Voraussetzung für deren Regulation. - Modulation durch Haltung und Bewegung
Emotionen lassen sich durch bewusste Veränderung der Körpersprache beeinflussen: eine aufrechte Haltung kann das Selbstwertgefühl stärken (Wilkes et al., 2017), vertikale Bewegungsübungen depressive Stimmung verbessern (Koch et al., 2007). Auch Ausdrucksbewegungen wie Lächeln, Weinen oder Gestik können gezielt eingesetzt werden, um Emotionen zu vertiefen, zu entladen oder umzuwandeln (Shafir et al., 2013). - Verkörperte Ko-Regulation in Beziehung
Therapie ist kein rein kognitiver Prozess. Sie ist ein leiblich getragener Beziehungsraum. Fuchs betont die Rolle der zwischenleiblichen Ko-Regulation: Durch Blickkontakt, Synchronisation von Atem oder Bewegung und eine empathische, körperlich präsente Haltung entsteht eine emotionale Resonanz, die Patient:innen neue Muster der Selbstregulation erleben lässt (Ramseyer & Tschacher, 2011; Stern, 1998).
Diese leibliche Ko-Regulation ist besonders für Menschen mit Entwicklungstraumata zentral, deren affektive Resonanzfähigkeit früh beeinträchtigt wurde. Durch die wiederholte Erfahrung eines sicheren, regulierenden Gegenübers kann sich auch die Selbstregulation allmählich neu organisieren.
Fazit: Der Körper als Tor zur Emotion
Das verkörperte Modell der Emotionen macht deutlich: Wer fühlen will, muss spüren. Emotionen sind keine abstrakten Bewertungen, sondern leiblich vermittelte Formen der Weltzuwendung. Sie entstehen im Resonanzraum zwischen Mensch und Umwelt – vermittelt durch Empfindung, Bewegung und Ausdruck.
Für Therapie und Selbsterfahrung bedeutet das: Nicht nur das Denken zählt. Wer Emotionen regulieren will, muss den Körper einbeziehen. Nicht, um ihn zu disziplinieren – sondern um ihm zuzuhören. Denn: In emotions, we are moved to move (Sheets-Johnstone, 1999). Wer sich bewegen lässt, kann sich selbst neu begegnen.
Literatur:
- Craig, A. D. (2004). Human feelings: Why are some more aware than others? Trends in Cognitive Sciences, 8(6), 239–241.
- Fuchs, T. (2020). Verkörperte Emotionen und ihre Regulation. In S. Barnow (Hrsg.), Handbuch Emotionsregulation (S. 19–28). Springer. https://doi.org/10.1007/978-3-662-60280-5_2
- Fuchs, T. (2013). The phenomenology of affectivity. In B. Fulford (Hrsg.), Oxford handbook of the philosophy of psychiatry (S. 612–631). Oxford University Press.
- Fuchs, T., & Koch, S. (2014). Embodied affectivity: On moving and being moved. Frontiers in Psychology, 5, 508.
- Gendlin, E. T. (1996). Focusing-oriented psychotherapy: A manual of the experiential method. Guilford Press.
- Havas, D. A., Glenberg, A. M., Gutowski, K. A., Lucarelli, M. J., & Davidson, R. J. (2010). Cosmetic use of botulinum toxin-a affects processing of emotional language. Psychological Science, 21(7), 895–900.
- James, W. (1884). What is an emotion? Mind, 9(34), 188–205.
- Koch, S. C., Morlinghaus, K., & Fuchs, T. (2007). The joy dance: Specific effects of a single dance intervention on psychiatric patients with depression. The Arts in Psychotherapy, 34(4), 340–349.
- Pollatos, O., Herbert, B. M., Wankner, S., Dietel, A., Wachsmuth, C., Henningsen, P., & Sack, M. (2011). Autonomic imbalance is associated with reduced facial recognition in somatoform disorders. Journal of Psychosomatic Research, 71(3), 232–239.
- Prinz, J. J. (2004). Gut reactions: A perceptual theory of emotion. Oxford University Press.
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- Shafir, T., Taylor, S. F., Atkinson, A. P., Langenecker, S. A., & Zubieta, J. K. (2013). Emotion regulation through execution, observation, and imagery of emotional movements. Brain and Cognition, 82(2), 219–227.
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- Solomon, A. (2001). The noonday demon: An atlas of depression. Scribner.
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- Williams, L. E., & Bargh, J. A. (2008). Experiencing physical warmth promotes interpersonal warmth. Science, 322(5901), 606–607.
- Wilkes, C., Kydd, R., Sagar, M., & Broadbent, E. (2017). Upright posture improves affect and fatigue in people with depressive symptoms. Journal of Behavior Therapy and Experimental Psychiatry, 54, 143–149.
- Wollmer, M. A., et al. (2012). Facing depression with botulinum toxin: A randomized controlled trial. Journal of Psychiatric Research, 46(5), 574–581.
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