Die stille Sehnsucht nach Ganzheit

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Manchmal stehe ich morgens auf und weiß nicht, was ich tun soll. Manchmal liege ich abends im Bett und fühle mich so einsam. Manchmal bin ich mitten unter Leuten und fühle mich nicht verbunden. Manchmal gehe ich in Aktivitäten unter und merke danach, dass diese leer waren. Sehr oft habe ich das Gefühl nicht ganz zu sein, als wenn noch irgendetwas fehlen würde. Sehr lange suchte ich im Außen, doch vergebens. Immer dann, als ich dachte, etwas gefunden zu haben, flog es zugleich wieder davon. Nichts blieb, außer die Leere. Was nun?

Warum du dich so fühlen könntest

Connirae Andreas ist eine amerikanische NLP-Trainerin, Autorin und Entwicklerin, die maßgeblich zur Weiterentwicklung des NLP beigetragen hat. Die von Andreas entwickelte Wholeness-Methode geht über klassische NLP-Techniken hinaus und bietet einen tiefgreifenden, meditativen Zugang zur Auflösung innerer Konflikte und zur Förderung eines umfassenden, ganzheitlichen Wohlbefindens. Mögliche Ursachen laut Connirae Andreas für solch einen Gefühlszustand könnten sein:

  • Unbewusste Trennung vom Selbst:
    Andreas beschreibt, dass viele unserer inneren Probleme – wie Leere, Rastlosigkeit, Überforderung oder Einsamkeit – auf einer tiefen Trennung von unserem „wahren Selbst“ beruhen. Diese Trennung äußert sich darin, dass wir im Alltag oft aus einem „kleinen Ich“ heraus agieren – einem Ich, das ständig bewertet, kämpft, sich anstrengt, sich vergleicht und versucht, etwas zu werden oder zu erreichen.

  • Suche im Außen statt in der Tiefe:
    Viele Menschen versuchen, diese innere Lücke zu füllen, indem sie im Außen nach Sinn, Bestätigung oder Zugehörigkeit suchen. Doch die Erfahrung zeigt dann etwas ganz anderes. Nichts davon ist dauerhaft. Andreas nennt das „ein neues Verhaltensmuster über ein altes zu streichen“ – das löst das eigentliche Problem nicht.

  • Nicht integrierte innere Strukturen:
    Gefühle wie Einsamkeit oder das Gefühl, „nicht ganz“ zu sein, sind laut der Wholeness-Methode meist Ausdruck dissoziierter innerer Anteile, die nicht vollständig im Bewusstsein integriert sind. Diese Anteile – das innere Kind, der Kritiker, der Vermeider etc. – leben oft ein Eigenleben, das unsere innere Klarheit und unser Wohlbefinden blockiert.

Wie Connirae Andreas das erklärt

Die Wholeness-Methode bietet eine präzise Antwort. Sie führt auf einfache und sanfte Weise zu einer Erfahrung der Ganzheit, bei der sich das „Ich“, das sich getrennt fühlt, im größeren Bewusstsein auflöst. Dabei geschieht keine Vernichtung, sondern eine Integration. Der Schlüssel liegt darin, das eigene „Ich“ aufzuspüren (z.B. dort, wo du bewusst eine Empfindung wahrnimmst: „Ich fühle mich leer“ – wo ist dieses Ich?), seine Form, Lage und Qualität wahrzunehmen und es dann in das umgebende, weite Bewusstsein einzuladen. Dieser Prozess bringt das, was sich getrennt, isoliert oder festhält, in einen Zustand von Auflösung, nicht durch Druck, sondern durch Präsenz. Es ist vergleichbar mit einem Tropfen, der ins Meer fällt. Der Tropfen geht nicht verloren, sondern wird Teil von etwas Größerem. So beschreibt Andreas den Wandel vom kleinen Ich zum Sein im Bewusstsein.

Was du dagegen tun kannst – konkrete Schritte aus der Wholeness-Methode:

  • Das 'Ich' finden:
    Frage dich in Momenten der Leere oder Einsamkeit: „Wo in meinem Erleben sitzt dieses Ich, das sich so fühlt?“ Spüre es körperlich auf.

  • Die Empfindungsqualität erforschen:
    Wie fühlt sich dieses Ich an? Ist es eng, warm, schwer, flüchtig, flackernd?

  • Raum geben & das Ich im Bewusstsein auflösen lassen:
    Andreas leitet dazu an, dieses „Ich“ nicht zu verändern oder wegzumachen, sondern es einfach im weiten Bewusstsein willkommen zu heißen, ein Prozess, der durch die Wholeness-Meditation konkret erlernbar ist.

  • Regelmäßige Anwendung der Methode:
    Wie bei einer sanften, aber kontinuierlichen Meditation kann dieser Vorgang immer wieder geübt werden. Im Verlauf entstehen tiefgreifende Wandlungen, wie viele Erfahrungsberichte zeigen.

Lass uns die konkreten Schritte der Wholeness-Methode genauer und erfahrungsnäher durchgehen, sodass du ein klares Bild davon bekommst, wie genau du vorgehen kannst, wenn du dich leer, einsam oder innerlich zerrissen fühlst. Connirae Andreas beschreibt in  ihrem Buch (2018) eine sanfte, strukturierte Arbeit mit deinem inneren Erleben, die sich aus vier essenziellen Schritten zusammensetzt.

Schritt 1 - Das ‚Ich‘ finden – Wo ist das, das sich so fühlt?

Was bedeutet das? Wenn du dich z. B. leer, allein oder orientierungslos fühlst, sagt ein Teil in dir: „Ich fühle mich einsam“, „Ich bin verloren“, „Ich weiß nicht, was ich tun soll.“ Die Wholeness-Methode lädt dich ein, dieses Ich, das da spricht, körperlich und räumlich zu lokalisieren. Denn in unserer inneren Erfahrungswelt hat alles, Gedanken, Gefühle, sogar das Ich, eine räumliche Qualität. Diese wird im Alltag meist übersehen.

Wie gehst du konkret vor? Nimm dir ein paar Minuten Zeit. Setz dich still hin. Spür in dich hinein: Wenn du sagst „Ich fühle mich leer“ – wo in deinem Körper oder inneren Raum sitzt dieses „Ich“? Ist es hinter den Augen? In der Brust? Vor deinem Kopf? Im Nacken? Es geht nicht darum, etwas zu erfinden, sondern darum, den ersten spürbaren Eindruck zuzulassen. Es ist wie bei inneren Bildern: Auch wenn du sie nicht „wirklich siehst“, hast du oft ein Gefühl, wo sie sind. Vielleicht spürst du beim Satz „Ich bin so einsam“ ein Gefühl wie einen kleinen Knoten in der Brust, eng, drückend, nach innen gezogen. Das ist das „Ich“, mit dem du arbeitest.

Schritt 2 - Die Empfindungsqualität erforschen – Wie fühlt sich dieses Ich an?

Was bedeutet das? Jetzt, da du das „Ich“ gefunden hast, z.B. in deiner Brust oder hinter deiner Stirn, beginnt die eigentliche Erforschung. Wie fühlt sich dieses Ich an? Woraus besteht es? Was ist seine Qualität?

Wie gehst du konkret vor? Bleib innerlich verbunden mit dem Ort, an dem du das „Ich“ gefunden hast. Frag dich: Ist es warm oder kalt? Eher dicht oder durchlässig? Schwer, drückend, leicht? Hat es eine Farbe, eine Form, eine Bewegung? Auch hier gilt folgendes. Du musst nichts „richtig“ machen. Es ist ein spielerisches Wahrnehmen, keine Analyse. Vielleicht merkst du, dass dieses Ich sich anfühlt wie ein grauer, zäher Nebel in deinem Kopf. Es bewegt sich langsam, fühlt sich alt an, fast wie Müdigkeit oder Resignation. Diese Qualität ist wichtig. Sie ist wie die Stimme eines inneren Anteils, der bislang keinen Raum bekommen hat.

Schritt 3 - Raum geben & das Ich im Bewusstsein auflösen lassen – Nichts tun, nur einladen

Dies ist der transformierende Kern der Wholeness-Methode. Das Überraschende daran ist. Du musst nichts „machen“, nichts analysieren, nichts verstehen. Sobald du das Ich lokalisiert und seine Qualität erspürt hast, lenkst du deine Aufmerksamkeit auf das Bewusstsein selbst, in dem alles erscheint und du lädst das Ich freundlich ein, sich darin aufzulösen. Nicht aktiv, sondern durch Kontakt mit diesem weiten Raum, der ohnehin schon da ist.

Wie gehst du konkret vor? Richte deine Wahrnehmung auf das, was Connirae Andreas „das Bewusstsein überall“ nennt: Spür deinen ganzen Körper gleichzeitig. Nimm den Raum um dich herum wahr, auch mit geschlossenen Augen. Es gibt kein Zentrum, keine Richtung, nur Gewahrsein. Dann bring das Ich sanft in Kontakt mit diesem Bewusstsein. Du sagst innerlich: „Du darfst hier sein. Du darfst dich entspannen. Du darfst dich in diesem Bewusstsein auflösen, wenn du möchtest.” Beobachte einfach, was geschieht. Ohne Eingriff, ohne Wollen. Der graue Nebel in deinem Kopf beginnt, sich zu bewegen. Vielleicht wird er transparenter. Vielleicht schmilzt er ganz. Vielleicht bleibt er. Alles ist erlaubt. Du bist nicht der Macher, du bist der Raum, in dem es geschieht. Connirae betont dabei, nicht zu drängen, nichts erzwingen zu wollen. Transformation geschieht natürlich, wenn die inneren Bedingungen stimmen.

Schritt 4 - Regelmäßige Anwendung – Die stille Praxis der inneren Ganzwerdung

Warum ist Wiederholung wichtig? Deine psychischen Muster, z.B. Einsamkeit, Leere, Selbstzweifel, sind oft über Jahrzehnte gewachsen. Sie haben neuronale, emotionale, energetische Wurzeln. Die Wholeness-Methode funktioniert nicht als Einmal-Korrektur, sondern als liebevolle, wiederholte Einladung zur Integration.

Wie kann das im Alltag aussehen? Jeden Morgen oder Abend 10–15 Minuten eine Wholeness-Session. Du wählst ein Thema oder Gefühl, das gerade präsent ist. Du durchläufst still die Schritte. Das Ich wahrnehmen. Seine Qualität erkunden. Es im Bewusstsein willkommen heißen. Warten. Lauschen. Raum geben. Manche Menschen kombinieren das mit Journaling, andere einfach als stille Innenschau. Mit der Zeit wirst du eventuell merken, dass deine Gedanken an Schärfe verlieren. Gefühle kommen und gehen leichter. Du fühlst dich innerlich weiter, leichter, freier, auch wenn das Leben sich außen nicht verändert hat.

Zusammengefasst als tägliche Mini-Praxis:

  • Spür, was gerade da ist. Ein Gefühl, eine Leere, ein Druck.
  • Frag: „Wo ist das Ich, das das erlebt?“ – Lokalisiere es.
  • Erforsche: Wie fühlt es sich an? Form, Farbe, Bewegung.
  • Bring es in Kontakt mit dem Raum deines Bewusstseins.
  • Tu nichts. Lass es geschehen. Lass das Ich sich wandeln, oder bleiben.

Mehrere Ebenen, mehrere Antworten

Connirae Andreas beschreibt, dass sich die beschriebenen Gefühle, wie eingangs erwähnt, auf verschiedenen Ebenen abspielen:

  • Kognitiv: Gedanken wie „Ich bin nicht genug“ oder „Ich gehöre nicht dazu“.
  • Emotional: Einsamkeit, Sinnlosigkeit, Rastlosigkeit.
  • Körperlich: Leere, Anspannung, Müdigkeit.
  • Existentiell/spirituell: Das Gefühl, nicht vollständig zu sein, als fehle das tiefere „Zuhause“.

Die Wholeness-Methode setzt nicht auf einer Ebene an, sie bringt alle zusammen. Es geht nicht darum, nur Gedanken zu hinterfragen oder nur Gefühle zu regulieren. Es geht darum, die Struktur der inneren Getrenntheit aufzulösen, mit Präsenz, Neugier und Sanftheit.

Fazit

Was du erlebst, ist kein persönliches Versagen, sondern ein tiefmenschliches Phänomen – das Gefühl, vom eigenen Sein getrennt zu sein. Connirae Andreas würde sagen: Nicht du bist das Problem, sondern die Struktur, mit der du dein Erleben unbewusst organisierst. Und genau hier setzt sie an – präzise, sanft, tiefgreifend.

Literatur:

  • Andreas, Connirae (2018). Coming to Wholeness: How to awaken & live with ease. Lafayette: Real People Press

Bilder: