Tagged: Wahrnehmung

Exploration – Die heilende Mitte zwischen Langeweile und Geschäftigkeit

Featured Image

Jetzt gibt es ja viele Möglichkeiten, die Wirklichkeit zu betrachten. Fassen wir mal, der Einfachheit halber, zwei Möglichkeiten heraus. Unsere Zeit ist geprägt von einem permanenten Pendeln zwischen zwei Extremen: Auf der einen Seite lähmende Langeweile, auf der anderen ein sich selbst verschlingender Aktionismus. Wir fürchten den Stillstand ebenso wie das Nicht-Ausgelastet-Sein und verlieren dadurch die Fähigkeit, mit uns selbst in Kontakt zu treten. Immer häufiger ertönt daher der Ruf nach Mäßigung: weniger Konsum, weniger Geschwindigkeit, weniger Reizüberflutung. Doch der Begriff Mäßigung wird oft missverstanden, nämlich als moralischer Imperativ des Weniger oder als asketische Selbstbegrenzung. Lass uns doch mal eine neue Perspektive einnehmen, oder eine neue Brille aufsetzen. Kennst du Aristoteles? Die wahre Mitte, nach der Mesotes Lehre des Aristoteles (Störig, 1999), ist kein Mangel, kein Kompromiss und keine Verzichtsetikette. Sie ist ein lebendiger Raum. Ein Raum der Exploration.

Die Mesotes-Lehre: Die Mitte als lebendige Orientierung

Ich erinner mich zurück, Abitur, Philosophie Kurs. Wow, was habe ich Aristoteles gefeiert. Aristoteles spricht in der Nikomachischen Ethik von der mesotes, der „rechten Mitte“ zwischen zwei Extremen, d.h. einem Zuviel (Übermaß) und einem Zuwenig (Mangel). Mut liegt zwischen Tollkühnheit und Feigheit, Großzügigkeit zwischen Verschwendung und Geiz. Aus dieser Perspektive ist Mäßigung kein moralischer Zeigefinger, sondern eine kunstvolle Selbstregulation, die auf Erfahrung, Wahrnehmung und Selbstreflexion beruht. Diese Mitte ist keine mathematische Mitte. Sie ist situativ und subjektiv. Sie verlangt lebendige Innenschau, nicht Regelbefolgung. So wird die Mesotes zur Einladung: Wie fühle ich mich? Was brauche ich? Was ist mir jetzt zu viel – und was zu wenig? Diese Fragen sind bereits der Beginn von Heilung. Und jetzt wechseln wir mal von Aristoteles zu Erich Fromm.

Erich Fromm: Vom Haben-Modus in den Sein-Modus

Fromm (1999) beschreibt zwei grundlegende Weisen, wie wir uns der Welt zuwenden. Da gäbe es den Haben-Modus. Dieser Modus hat sehr viel mit festhalten, anhäufen, konsumieren, kontrollieren, sich über Leistung definieren, zu tun. Oder ganz anders ausgedrückt: „Ich bin, was ich habe / tue / erreiche“. Dieser Modus verstärkt das Pendeln zwischen Reizüberflutung und innerer Leere. Er hält uns im Kreislauf von MEHR gefangen. Fromm stellt hier den Seins-Modus entgegen, welcher durch wahrnehmen, erleben, wachsen, sich verbinden, im Moment sein, geprägt ist.  Der Seins-Modus ist kein passives Dasein, sondern ein lebendiges, neugieriges, sich selbst entfaltendes Sein. Somit ergänzen wir hiermit Aristoteles. Die Mitte ist nicht das richtige Maß an Haben, sondern die Befreiung in Richtung Sein. Und das Sein kann nur erfahren werden, wenn wir lernen, zu explorieren. Und da wären wir bei meinem absoluten Favorit: Moshe Feldenkrais.

Feldenkrais: Exploration als Weg zur Selbstorganisation

Moshe Feldenkrais betonte, dass Lernen nur möglich ist, wenn wir spielerisch erkunden – ohne Ziel, ohne Druck, ohne Bewertung. Das beruht unter anderem darauf, dass gerade die Langsamkeit Wahrnehmung schafft. In dieser neuen Wahrnehmung entsteht Neugier. Neugier schafft neue Möglichkeiten. Diese neuen Möglichkeiten gehen mit einer neuen Bewusstheit einher und schaffen Freiheit. Damit ist Feldenkrais der körperliche Ausdruck dessen, was Aristoteles ethisch und Fromm psychologisch beschreiben: Die Mitte ist ein Zustand wach-strahlender Aufmerksamkeit, nicht der Anstrengung. Eine Präsenz, die weder abstumpft (Langeweile) noch überdreht (Geschäftigkeit).

Exploration: Die Mitte zwischen Langeweile und Geschäftigkeit

Ich nenne diesen Zustand Exploration. Wir nannten ihn so in Seattle, in meiner Ausbildung. Was ist Exploration eigentlich? Exploration ist eine Haltung des Forschens – im Innen und im Außen. Dieses Forschen ist nicht zielorientiert, sondern interessiert. Es ist nicht hektisch, sondern wach. Es ist nicht passiv, sondern empfänglich Sie ist die lebendige Alternative zu beiden Extremen. Das eine Extreme wäre Langeweile, ein Zustand ohne Beziehung. Die Sinne sind unterfordert und das Selbst fällt in Bedeutungslosigkeit. Na ja, eventuell. Das andere Extrem wäre die Geschäftigkeit, ein Zustand der Überladung. Die Sinne sind überfordert und das Selbst löst sich in Aktivität auf. In anderen Worten, wir verlieren uns. Die Exploration soll genau da reingehen, also die Beziehung zur Welt, die Beziehung zum Körper, die Beziehung zu Gedanken und Gefühlen und Beziehung zum Leben selbst, stärken. Sie ist die mesotes, wie sie Aristoteles gemeint hat: keine starre Mitte, sondern eine ausgewogene, lebendige, fühlende Gegenwärtigkeit.

Meine drei Wege der Exploration

  • Exploration der Natur – über die Sinne

    Die Natur bietet ein ideales Übungsfeld: Gerüche, Geräusche, Lichtveränderungen, Temperatur, Farben, Boden unter den Füßen. Diese Form der Exploration schenkt Erdung, Präsenz, Sinnlichkeit und Lebendigkeit. Sie bringt uns in den Sein-Modus.

  • Exploration des Körpers – über Bewegung und Bewusstheit

    Feldenkrais zeigt, wie wir durch feine Bewegungen unsere Selbstorganisation neu entdecken. Langsam, achtsam, neugierig. Ohne Verbesserungsidee. Ohne Ziel. Diese Exploration schenkt Selbstwahrnehmung, Regulation, Integration und Freiheit von unbewussten Mustern. Sie bringt uns in die Mitte von Tun und Sein.

  • Exploration von Gedanken und Gefühlen – über liebevollen Dialog

    Hier entsteht die seelische Mitte. Wenn wir Gefühle und Gedanken liebevoll dialogisch erkunden – nicht analysieren, nicht kontrollieren, nicht unterdrücken –, entsteht innerer Raum. Diese Exploration schenkt Klarheit, Selbstmitgefühl, Verbundenheit und innere Beweglichkeit. Sie bringt uns in die Mitte von Selbstverlust und Selbstverkrampfung.

Die heilende Einladung: Eine neue Lebenskunst

Exploration ist eine Lebenshaltung, die Aristoteles’ mesotes verwirklicht, Fromms Sein-Modus kultiviert, Feldenkrais’ Lernprinzipien verkörpert und uns in lebendige Beziehung bringt. Sie ist eine Antwort auf die existenzielle Leere der Moderne, ohne in Askese zu flüchten. Sie ist eine Antwort auf das Übermaß an Reizen, ohne in Apathie zu geraten. Heilung darf geschehen, wenn wir uns wieder spüren. Exploration ist der Weg zurück zu uns selbst.

Schluss: Die Mitte ist ein Weg, kein Zustand

Ach ja, ganz ganz wichtig!!! Die Mitte zu finden ist keine einmalige Entscheidung. Sie ist ein tägliches Üben, ein Lauschen, ein Formen – wie ein Tanz. Exploration ist der tanzende Schritt zwischen den Polen. Sie führt uns zurück ins Leben, in Verbindung, in Bewusstheit. Und vielleicht ist genau dort, in diesem offenen Raum der Mitte, die Art von Heilung zu finden, die wir heute so dringend brauchen.

Literatur:

  • Fromm, Erich (1999). Haben oder Sein. Die seelischen Grundlagen einer neuen Gesellschaft. Band II Gesamtausgabe. Analytische Charaktertheorie. Stuttgart: DTV
  • Störig, H. J. (1999). Kleine Weltgeschichte der Philosophie. Stuttgart: Kohlhammer.

Bilder:

  • Foto von Veta Aprel auf Unsplash (PS: Meine Güte, die Katze scheint beeindruckt zu sein, von dieser Balance. Jedenfalls möchte ich das glauben…)