Selbstfürsorge braucht Zeit. Integration braucht Zeit. Manche Menschen schütten oben rein ohne Ende. Kognitiv. Sie lesen, hören, analysieren, reflektieren, verstehen. Und vieles davon ist klug, differenziert, tief. Und dennoch schütten sie rein und rein, immer mehr. Aber irgendwie tut sich nichts. Es kommt nur im Kopf an, nicht im Körper. Es bleibt oben stehen, sammelt sich, staut sich, ohne wirklich einzusickern.
Wenn ich jetzt an eine Blume denke. Ich gieße die Blume von oben. Das Wasser sickert langsam ein. Langsam ist der Punkt. Es sickert langsam ein. Dieses Einsickern wäre analog zu dem Prozess von der Erkenntnis hin zur Integration. Von der Kognition hin zur Emotion. Von dem Verstehen hin zum Erfahren. Und vielleicht ist genau dieses Einsickern der sensibelste Moment. Denn hier trifft das Denken auf das Fühlen. Hier verlässt das Ich seine gewohnte Kontrolle und tritt ein in einen Raum, der weniger steuerbar ist. Ein Raum, in dem alte Erfahrungen, frühe Verletzungen, unbewusste Konflikte berührt werden. Kein Wunder also, dass an genau dieser Stelle oft Abwehr entsteht.
Es ist letztlich die Erfahrung im Hier und Jetzt, die wahre Transformation mit sich bringt. Die Kognition kann sehr hilfreich sein. Sie kann ordnen, strukturieren, Sicherheit geben. Doch alleinig wird sie keine tiefgreifende Veränderung herbeibringen. Denn Veränderung braucht Affekt. Und Affekt braucht Körper. Und Körper braucht Zeit. Hier sind wir wieder bei der Langsamkeit.
Doch manchmal ist es bei der Pflanze so, dass das Wasser oben stehen bleibt. Es sammelt sich, bildet kleine Pfützen, ohne einzudringen. Wasser bleibt oben stehen, wenn die Erde zu dicht ist, verdichtet, lehmig, torfhaltig oder stark ausgetrocknet. Das Eindringen wird behindert. Tiefenpsychologisch ließe sich sagen: Diese verdichtete Erde ist Abwehr. Ein inneres Regulationssystem, das einst notwendig war, um mit Überforderung, Angst, Schmerz oder Überwältigung umzugehen. Die Verdichtung schützt. Sie hält zusammen. Sie stabilisiert. Aber sie verhindert auch, dass Neues wirklich aufgenommen wird. Verdichtete Erde könnte etwa für Rationalisierung und Intellektualisierung stehen. Viel Denken, viel Erklären, viel Analysieren. Gefühle werden dabei nicht verleugnet, aber sie werden auf Abstand gehalten. Man spricht über sie, statt sie zu spüren. Man versteht sie, statt sie zu erleben. Das Wasser bleibt oben stehen, weil die Oberfläche hart geworden ist. Das Ich bleibt souverän, kontrolliert, funktional. Und gleichzeitig innerlich unberührt.
Manchmal ist die Erde auch so trocken, dass sie das Wasser regelrecht abstößt. Es perlt ab, läuft seitlich davon, ohne einzudringen. Hydrophobe Erde. Auch das kennt die Psyche. Nach langen Phasen emotionaler Dürre, nach Beziehungslosigkeit, Vernachlässigung oder chronischer Anpassung kann Offenheit gefährlich wirken. Nähe, Gefühl, Resonanz – all das wird nicht mehr als nährend erlebt, sondern als bedrohlich. Die Abwehrform der Isolierung oder der affektiven Abspaltung könnte hier ihren Ort haben. Was nicht gespürt wird, kann nicht verletzen. Was nicht eindringt, kann keine alten Wunden berühren.
Dann gibt es die Erde, die so voller Wasser ist, dass nichts mehr hineinpasst. Sie ist gesättigt, überschwemmt, überladen. Noch mehr Wasser würde nur zu Staunässe führen. Auch das lässt sich übertragen: Zu viel Input, zu viele Konzepte, zu viele Einsichten, zu viele innere Prozesse gleichzeitig. Keine Pause. Kein Verdauen. Keine Integration. Das Ich ist beschäftigt, vielleicht sogar überfordert, und verliert den Kontakt zu seinem eigenen Rhythmus. Hier kann man an Reizüberflutung, an innere Unruhe, an dauerhafte Selbstoptimierung denken. Das Wasser steht oben, nicht weil es abgewehrt wird, sondern weil es keinen Raum mehr findet.
Und manchmal rennt das Wasser einfach hindurch. Ganz schnell. Es fließt durch die Erde, verlässt sie, ohne Spuren zu hinterlassen. Vielleicht steht das für eine Struktur, die noch nicht halten kann. Für frühe Bindungserfahrungen, in denen es wenig Verlässlichkeit gab. Für ein inneres Erleben von: Nichts bleibt. Also halte ich auch nichts fest. Hier könnte man an Spaltung, an projektive Prozesse oder an frühe strukturelle Verletzungen denken. Das Wasser berührt die Erde, aber es verbindet sich nicht mit ihr. Manche Pflanzen wachsen auf sehr steinigem Boden. Die Erde ist locker, durchlässig, aber wenig nährend. Auch hier fließt vieles durch. Vielleicht entspricht das einer Persönlichkeit, die viel Freiheit kennt, viel Autonomie, aber wenig innere Bindung. Unabhängigkeit um den Preis von Tiefe. Beweglichkeit um den Preis von Verwurzelung.
Und dann gibt es Erde, die lebendig ist. Krümelig. Durchlässig, aber nicht porös. Sie nimmt Wasser auf, hält es, speichert es, gibt es langsam weiter. Diese Erde könnte für eine psychische Struktur stehen, die Abwehr kennt, aber nicht von ihr dominiert wird. Die schützen kann, ohne zu verschließen. Die fühlen kann, ohne zu überfluten. Eine Struktur, die Ambivalenz aushält, Spannung tragen kann, ohne sofort reagieren zu müssen. Letztlich ist es ja so, dass es einer Pflanze gut tut, regelmäßig ein wenig Wasser zu bekommen. Nicht zu viel. Nicht zu schnell. Und dann Zeit. Zeit, in der die Wurzeln das Wasser aufnehmen, verteilen, verarbeiten. Die Wurzeln arbeiten leise, unsichtbar, im Dunkeln. Und doch entscheidet sich genau dort, ob Wachstum möglich ist. Diese Wurzeln könnten das unbewusste seelische Arbeiten symbolisieren. Träume, innere Bilder, leise Regungen, kaum wahrnehmbare Affekte. Prozesse, die sich nicht planen lassen. Prozesse, die geschehen, wenn wir still werden.
Das Wachstum selbst geht sehr langsam voran. Das Gießen dagegen meist sehr schnell. Vielleicht zu oft zu schnell. Wir leben in einer Kultur, die Geschwindigkeit liebt. Lösungen. Konzepte. Techniken. Tools. Aber die Seele wächst nicht im Takt der Effizienz. Sie wächst im Rhythmus der Erfahrung. Im Tempo der Integration. Im Raum der Beziehung. Es braucht beides: das Gießen im Sinne der Kognition und das Warten im Sinne der emotionalen Integration im Körper, im Sosein. Und vielleicht braucht es noch etwas Drittes: Geduld mit der Abwehr. Nicht als Feind, sondern als Schutz. Als Ausdruck eines alten Wissens darüber, was einmal notwendig war. Wenn Abwehr gewürdigt wird, kann sie weicher werden. Wenn sie bekämpft wird, wird sie härter. Wenn beides sich die Hand gibt – Erkenntnis und Erfahrung, Denken und Fühlen, Verstehen und Sein – dann darf da vielleicht etwas wachsen. Etwas Eigenes. Etwas Verkörpertes. Etwas, das nicht nur verstanden, sondern erfahren wurde. Und vielleicht ist genau das Integration. Integrative Selbstfürsorge.
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