Man sagt ja, in der Stille liegt die Kraft. Doch wer das schon einmal in einem Berliner Hinterhof um 7 Uhr morgens versucht hat, weiß, dass die Kraft da höchstens in der Presslufthammerkolonne liegt. Ach, du wohnst nicht in Berlin? Na ja, das könnte eventuell auch auf andere Städte zutreffen. Wie wäre es mit Nürnberg oder München? Und trotzdem, oder gerade deshalb, lohnt es sich, der Stille etwas auf den Grund zu gehen. Denn wie eine Studie von Kirste et al. (2015) zeigt, ist Stille nicht nur angenehm, sie ist regelrecht hirnverjüngend. Kein Witz.
Die Wissenschaftler setzten in ihrem Versuch Mäuse unterschiedlichen akustischen Bedingungen aus: Musik, weißes Rauschen, Angstschreie und vollständiger Stille. Und was passierte? Ausgerechnet die Mäuse, die zwei Stunden täglich rein gar nichts zu hören bekamen, zeigten die höchste Rate an neuronaler Neubildung im Hippocampus, also genau in jenem Hirnbereich, der fürs Lernen, Erinnern und Träumen von besseren Zeiten zuständig ist. Stille, so scheint es, lässt unser Gehirn nicht schlafen, sondern wachsen.
Jetzt könnte man sagen: Schön für die Mäuse. Aber in der Realität unserer Menschenwelt ist Stille so selten wie eine Bahn, die pünktlich kommt. Wir leben in einer Gesellschaft, in der Dauerbeschallung zur kulturellen Signatur geworden ist. Kein Supermarkt ohne Gedudel, keine Straße ohne Motorenheulen, keine Kneipe ohne irgendwen, der lauter lacht als nötig.
Doch es gibt Auswege, kleine Fluchten aus dem Dauerrauschen. Ich lade dich mal ein, dich bewusst dem Lärm zu stellen, ihn zu entlarven und dich dann aktiv der Stille zuzuwenden. Stille nicht als leeren Raum, sondern als erfüllende Erfahrung. Eine, die, wie Kirste et al. nahelegen, sogar unserem Gehirn gut tut. Die Neuronen, so könnte man sagen, recken sich der Stille entgegen wie Blumen dem Licht.
Dabei geht es nicht um meditative Erleuchtung (auch wenn das ein schöner Bonus wäre), sondern um echte, messbare Regeneration. Unser Denken wird klarer, unser Stresslevel sinkt, und möglicherweise erinnern wir uns sogar wieder daran, wo wir den Hausschlüssel hingelegt haben. Kein teures Superfood, kein Biohack, nur mal ein bisschen den Mund halten. Und die Ohren.
Doch warum tun wir uns so schwer damit? Warum fürchten viele die Stille, als wäre sie der kleine Bruder des Nichts? Vielleicht, weil sie uns mit uns selbst konfrontiert. Ohne Geräuschkulisse, ohne Scroll-Ablenkung, ohne Klingelton-Geklingel. Wie ein Date mit der eigenen Seele und die ist, je nach Tagesform, nicht immer bester Laune. Aber genau darin liegt das Potenzial. In der Stille beginnt das Sortieren, das Verdauen, das Nachreifen.
Ich plädiere deshalb für eine neue Lärmkompetenz, nicht als spaßfreie Selbstoptimierung, sondern als Einladung zum bewussten Hören (und Nicht-Hören). Denn wer sich dem Lärm stellt, kann die Stille schätzen lernen. Und vielleicht ist das der entscheidende Punkt: Stille will nicht erkämpft, sondern eingeladen werden. Sie braucht Räume, im Außen wie im Innern.
Vielleicht ist es an der Zeit, Stille nicht mehr nur als noble Ausnahme oder spirituelles Extra zu betrachten, sondern als essenziellen Bestandteil eines gesunden Lebens. Wenn selbst Mäusehirne aufblühen, könnten wir es doch auch mal probieren. Also. Kopfhörer ab, Fernseher aus, Fenster zu, oder noch besser. Fenster auf, wenn draußen nichts los ist. Und dann einfach mal nichts hören. Und das Nichts hören. Vielleicht beginnt da gerade etwas Großes. Oder wenigstens ein neuer Gedanke.
Literatur:
- Kirste, I., Nicola, Z., Kronenberg, G., Walker, T. L., Liu, R. C., & Kempermann, G. (2015). Is silence golden? Effects of auditory stimuli and their absence on adult hippocampal neurogenesis. Brain structure & function, 220(2), 1221–1228. https://doi.org/10.1007/s00429-013-0679-3
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