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veröffentlicht am: 6. Mai 2018

Variationen in der Bewegung

“Ein gesunder Organismus ist jener, welcher fähig ist kleinste abträgliche Abweichungen wahrzunehmen und dementsprechend zu reagieren.” Ist das nicht ein toller Satz. So ähnlich kommt dieser Satz aus dem Munde von Moshé Feldenkrais. Was steckt alles hinter diesem Satz? Für mich persönlich ist das Wort “fähig” am wichtigsten. Wenn ich fähig bin, kleinste Störungen wahrzunehmen kann ich darauf reagieren. Was jedoch wenn ich nichts merke? Das ist der Fall bei Menschen mit chronischen Schmerzen. Jetzt wird es spannend. Verbinden wir das mal mit dem Sitzen. Ich persönlich sitze jeden Tag auf einem Stuhl und das schon eine geraume Zeit, dem Lesen, dem Schreiben, dem Studium zuliebe. Daher kenne ich das Gefühl von früher noch ziemlich gut, nach dem längeren Sitzen aufzustehen und nicht fähig zu sein, mich gleich fortzubewegen. Dies war mir erst nach ein paar Sekunden möglich, nachdem sich meine Wirbelsäule wieder reorganisierte, indem ich einfach nur wartete. Kennst du das? Gefällt Dir dieser Zustand? Ich hatte mal vor längeren einen Artikel zum Thema Morgensteifigkeit geschrieben. Diese Steifigkeit nach einem längeren Sitzen ist für mich nicht das gleiche wie die Morgensteifigkeit nach einer Nacht. Beim Sitzen kann ich in vielfältiger Weise intervenieren, indem ich die Position regelmäßig wechsle, oder eine kurze Auszeit nehme, aufstehe und leichte Rotations-, Streck-, und Beugebewegungen absolviere. Wenn ich genau so verfahre, entsteht erst gar keine Spannung. Manchmal merke ich kleinste Spannungen und ändere aktiv etwas an meiner Position. Wenn du magst, probiere mal die folgenden Sitzpositionen aus. Verbringe in jeder Position ein wenig (ungefähr 1 Minute) und nehme einfach nur deinen Körper wahr. Zu welchen Schlüssen bist du für dich gekommen? Hat Dir die Variation gut getan? Sind Dir noch mehrere Variationen eingefallen?

Manchmal stelle ich im Nachhinein fest, das ich zappelig werde, was für mich ein Zeichen ist, etwas zu ändern. Das Zappeln alleine kann schon eine lindernde Wirkung auf die Hüftgelenke haben. Probiere es gleich mal aus. Nehme ungefähr die Sitzposition des letzten Bildes ein. Bewege beide Knie mehrere Male nach außen und innen. Was spürst du in den Hüftgelenken? Fühlst du dich gut dabei?

Pädagogik gegen chronische Schmerzen

Jetzt gehen wir mal davon aus, das mit Dir alles in Ordnung ist. Das ist toll. Was macht jedoch die Person mit chronischen Schmerzen? Chronische Schmerzen können die propriozeptive Wahrnehmung beeinflussen, d.h. die Art und Weise wie sie ihren Körper wahrnehmen hat gewisse blinde Flecken. Diese blinden Flecken sorgen dafür, dass bei ihnen die Fähigkeit fehlt, kleinste Störungen wahrzunehmen. Das ist natürlich problematisch. Es verschlimmert einfach den sowieso schon nicht so netten Zustand. Nicht so schnell, Abhilfe steht bereit. Versuche mal Feldenkrais nicht als etwas zu sehen, was dich beweglicher macht, sondern als Pädagogik. Diese Pädagogik verbindet Lernen mit Gesundheit, Spontanität und Effiziens. Bewegung und Bewusstheit dienen Dir dazu, mehr über Dich herauszufinden. Wenn du eine Feldenkrais Klasse besuchst, befindest du dich mit anderen in einem Raum und studierst gewisse Bewegungsmuster. Bevor du mit dem Studium beginnst, machst du eine Referenzbewegung, d.h. du beugst dich vorwärts, um etwas aufzuheben oder du drehst dich, um über die Schulter zu schauen. Nach mehreren Versuchen, hast du ein ungefähres Bild von der Ausführung dieser Bewegung. Du weißt unter anderem, wie viel von Dir an dieser Bewegung teilnimmt.

Ganz einfaches Beispiel: Wenn Dir etwas runterfällt, hebst du es aus dem Rücken, womöglich noch mit runden Rücken oder hebst du es aus den Beinen? Probiere einfach mal beide Varianten aus.

Jetzt schadet es nicht, wenn du dies nur einmal tust, also das Heben mit dem runden Rücken. Dein Körper verzeiht Dir. Hast du jedoch einen guten Überblick über all Deine Abweichungen? Ich vermute mal nicht, denn sich solch einen Überblick zu verschaffen braucht eine Menge Übung oder Praxis, d.h. du würdest 16 Stunden am Tag mit totaler Aufmerksamkeit verbringen. Jetzt wird es eventuell schwer andere Dinge zu tun. Wie könntest du nun diese Übung bekommen? Verbinden wir mal das Studium der Bewegung mit einem weiteren interessanten Prinzip in der Feldenkrais Welt. Variationen.

Variationen

Wie soeben schon geschrieben erfährst du bei der Referenzbewegung, wie viel von Dir bei dieser Bewegung teilnimmt. In der darauffolgenden Lektion durchläufst du Variationen der Referenzbewegung, im Detail oder im Ganzen. Bei diesen Variationen kann es sich um synergistische Muster handeln oder um Beschränkungen.

Ich gebe Dir ein weiteres Beispiel: Du atmest im Schneidersitz. Beim Einatmen streckt sich deine Wirbelsäule und beim Ausatmen wirst du rund in der Wirbelsäule. Das tust du in deiner ganz eigenen Art. Nun änderst du etwas ab. Du änderst die Beinposition indem du die Beine anders verschränkst oder in den Seitsitz kommst. Wie ändert sich nun deine Atmung? Ist es auf der einen Seite angenehmer als auf der anderen? Woran genau machst du es fest, dass es auf der einen Seite angenehmer ist?

Synergistische Muster erleichtern die Bewegung, wohingegen Beschränkungen die Bewegung erschweren. Dieses Auseinandersetzen mit verschiedensten Bewegungen schafft einen Raum für Lernen. Bei den synergistischen Mustern lernst du zu spüren, welche Gelenke und Muskeln in welcher Art an einer Bewegung teilnehmen. Vielleicht fällt dir auf, dass du gewisse Bereiche deines Körpers überhaupt nicht benutzt und aus diesem Grund andere Bereiche vermehrt arbeiten müssen, was in Spannungen resultieren kann. In dem du gewisse Bewegungen immer wieder ausführst und variierst, wirst du dir deiner Gewohnheiten bewusst. Ich brachte vorher das Beispiel mit der Atmung im Sitzen. Merkst du, dass sich deine Wirbelsäule streckt beim Einatmen? Oder wölbt sich lediglich dein Bauch raus und alles andere bleibt statisch, wie eingefroren? Neben den synergistischen Muster arbeiten wir bei Feldenkrais mit Beschränkungen (constraints). Beschränkungen gibt es zum einem strukturell, d.h. du kannst dein Kniegelenk aktiv maximal strecken bis zu einem Winkel von 0°. Das wäre der aktive natürliche „constraint“. Das Knie mag sich noch um 5° mehr strecken lassen, dies mit der Hilfe eines Therapeuten. Dann sprechen wir von passiver Streckung, bzw. Überstreckung. Überstreckungen können gewisse Nachteile haben, also setze Dir bitte nicht diese Überstreckung als Ziel. Beschränkungen gibt es auch in der Ausführung einer Bewegung in einer Feldenkrais Klasse. Hierbei führst du unter Einbehaltung einer gewissen Position eine Bewegung aus. Der jetzige „constraint“ macht es Dir schwerer die Bewegung auszuführen, d.h. du bist dazu angestoßen zu lernen, herauszufinden, wie du alle anderen Körperteile organisierst, um diese Bewegung doch ausführen zu können.

Probiere folgendes mal aus und vergleiche: Setze dich in den Schneidersitz und bringe beide Handinnenflächen nach vorne auf den Boden. In dieser Position, atme ein und aus. Beim Einatmen streckst du normalerweise deine Wirbelsäule. Was passiert nun? Mache dies ein paar mal. Dann nehme die Hände weg vom Boden und lege sie auf die Oberschenkel. Atme wieder bewusst ein und aus. Was ist nun anders? Gehe zurück zur vorherigen Position und probiere es erneut. Achte mal auf deine Lendenwirbelsäule, deine Hüftgelenke und deine Knie. Welche Bewegungen finden dort statt?

Nach einer Feldenkrais Lektion mag es schon sein, dass du dich leichter fühlst, nicht nur im Körper, sondern vielleicht auch im Kopf beim Denken. Ich versuche dabei deine Aufmerksamkeit nach innen zu lenken. Dies tue ich mit Fragen zu gewissen Bewegungen. Bei diesen Fragen orientierst du dich lediglich an deiner Wahrnehmung, deiner Bewegung, deinem Gefühl und nicht an anderen Personen.

Zum Abschluss möchte ich Dir noch zwei Dinge sagen. Ich erwähnte es bereits in anderen Artikeln, doch manche Dinge kann ich nicht oft genug sagen. In der Feldenkrais Welt definieren wir was gute Haltung und was gute Bewegung ist:

  1. Gute Haltung bedeutet sich jederzeit, in jede Richtung, nicht zögernd und sich nicht vorbereitend, bewegen zu können. Das Skelett, wenn optimal aufeinander ausgerichtet, braucht ein Minimum an Energie. Diese Energie ist jetzt verfügbar, um eine Bewegung zu initiieren. Bei schlechter Haltung arbeiten die Muskeln mehr, um das Skelett optimal aufeinander auszurichten und werden somit ihrer eigentlichen Aufgabe, der Bewegung, zweckentfremdet.
  2. Gute Bewegung bedeutet, einen beabsichtigten Zweck effizient und leicht zuerreichen.

Lasse die zwei Punkte mal auf dich wirken und beobachte bei manchen deiner Handlungen, ob diese zwei Punkte zutreffen. Jetzt möchte ich noch einmal auf das Eingangszitat eingehen.

“Ein gesunder Organismus ist jener, welcher fähig ist kleinste abträgliche Abweichungen wahrzunehmen und dementsprechend zu reagieren.”

Mit regelmäßiger Feldenkrais Arbeit oder einfach nur Bewusstheit durch Bewegung, arbeitest du an deiner Fähigkeit, kleinste Empfindungen wahrnehmen zu können. Du wirst dir deinem Unwohlsein viel schneller bewusst, du bist aufmerksamer geworden, du bist spontaner geworden. Wenn du Fragen hast zu den oben genannten Beispielen, bzw. etwas schreiben möchtest, nur zu. Ich freue mich auf deine Kommentare.

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