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veröffentlicht am: 15. März 2016

Variationen in der Bewegung

“Ein gesunder Organismus ist jener, welcher fähig ist kleinste abträgliche Abweichungen wahrzunehmen und dementsprechend zu reagieren.”

Ist das nicht ein toller Satz. So ähnlich kommt dieser Satz aus dem Munde von Moshé Feldenkrais. Was steckt alles hinter diesem Satz? Für mich persönlich ist das Wort “fähig” am wichtigsten. Wenn ich fähig bin, kleinste Störungen wahrzunehmen kann ich darauf reagieren. Was jedoch wenn ich nichts merke? Das ist z.B. der Fall bei Menschen mit chronischen Schmerzen. Jetzt wird es spannend. Verbinden wir das mal mit dem Sitzen. Ich kenne das Gefühl von früher noch ziemlich gut, nach dem längeren Sitzen aufzustehen und nicht fähig zu sein, mich gleich fortzubewegen. Dies war mir erst nach ein paar Sekunden möglich, nachdem sich meine Wirbelsäule wieder reorganisierte, indem ich einfach nur wartete. Diese Steifigkeit nach einem längeren Sitzen ist für mich nicht das gleiche wie die Morgensteifigkeit nach einer Nacht. Beim Sitzen kann ich in vielfältiger Weise intervenieren, indem ich die Position regelmäßig wechsle, oder eine kurze Auszeit nehme, aufstehe und leichte Rotations-, Streck-, und Beugebewegungen absolviere. Wenn ich genau so verfahre, entsteht erst gar keine Spannung. Manchmal merke ich kleinste Spannungen und ändere aktiv etwas an meiner Position. Wenn Sie möchten, probieren Sie die folgenden Sitzpositionen für ca. 1 Minute aus. Was spüren Sie? Wie fühlen Sie sich dabei?

Manchmal stelle ich im Nachhinein fest, das ich zappelig werde, was für mich ein Zeichen ist, etwas zu ändern. Das Zappeln alleine kann schon eine lindernde Wirkung auf die Hüftgelenke haben.

Pädagogik gegen blinke Flecken

Was macht jetzt eine Person mit chronischen Schmerzen? Chronische Schmerzen können die propriozeptive Wahrnehmung beeinflussen, d.h. die Art und Weise wie sie ihren Körper wahrnehmen hat gewisse blinde Flecken. Diese blinden Flecken sorgen dafür, dass bei ihnen die Fähigkeit fehlt, kleinste Störungen wahrzunehmen. Das kann problematisch werden. Es verschlimmert einen Zustand, welcher sowieso schon nicht so zuträglich ist. Abhilfe steht bereit. Feldenkrais kann auch als Pädagogik gesehen werden. Diese Pädagogik verbindet Lernen mit Gesundheit, Spontanität und Effizienz. Bewegung und Bewusstheit dienen Ihnen dazu, mehr über sich herauszufinden. Wenn Sie eine Feldenkrais Klasse besuchen, befinden Sie sich mit anderen in einem Raum und studieren gewisse Bewegungsmuster. Bevor Sie mit diesem Studium beginnen, machen Sie eine Referenzbewegung, d.h. Sie beugen sich vorwärts, um etwas aufzuheben oder Sie drehen sich, um über die Schulter zu schauen. Nach mehreren Versuchen, haben Sie ein ungefähres Bild von der Ausführung dieser Bewegung. Sie wissen nun, wie viel von Ihnen an dieser Bewegung teilnimmt.

Beispiel: Wenn Ihnen etwas runterfällt, wie heben Sie es aus dem Rücken, eventuell mit runden Rücken oder heben Sie es aus den Beinen? Probieren Sie einfach mal beide Varianten aus.

Jetzt schadet es nicht, wenn Sie dies nur einmal tun, also das Heben mit dem runden Rücken. Ihr Körper verzeiht Ihnen. Haben Sie jedoch einen guten Überblick über all Ihre Abweichungen? Solch einen Überblick zu haben, braucht eine Menge Übung oder Praxis, d.h. Sie würden 16 Stunden am Tag mit totaler Aufmerksamkeit verbringen. Jetzt wird es eventuell schwer andere Dinge zu tun. Wie könnten Sie nun diese Übung bekommen? Verbinden wir mal das Studium der Bewegung mit einem weiteren interessanten Prinzip in der Feldenkrais Welt. Variationen.

Referenzbewegungen

Wie soeben schon geschrieben erfahren Sie bei der Referenzbewegung, wie viel von Ihnen bei dieser Bewegung teilnimmt. In der darauffolgenden Lektion durchlaufen Sie Variationen der Referenzbewegung, im Detail oder im Ganzen. Bei diesen Variationen kann es sich um zusammenwirkende Muster handeln oder um Beschränkungen.

Beispiel: Sie atmen im Schneidersitz. Beim Einatmen strecken Sie sich in der Wirbelsäule und beim Ausatmen werden Sie rund. Jeder Mensch tut dies in seiner ganz eigenen Art und Weise. Nun ändern Sie eine Kleinigkeit, z.B. die Beinposition, indem Sie die Beine anders verschränken oder in den Seitsitz kommen. Wie ändert sich nun Ihre Atmung? Ist es auf der einen Seite angenehmer als auf der anderen? Woran genau machen Sie es fest, dass es auf der einen Seite angenehmer ist?

Zusammenwirkende Muster erleichtern die Bewegung, wohingegen Beschränkungen die Bewegung erschweren. Dieses Auseinandersetzen mit verschiedensten Bewegungen schafft einen Raum für Lernen. Bei den zusammenwirkenden Mustern lernen Sie zu spüren, welche Gelenke und Muskeln in welcher Art an einer Bewegung teilnehmen. Vielleicht fällt Ihnen auf, dass Sie gewisse Bereiche Ihres Körpers weniger benutzen und aus diesem Grund andere Bereiche vermehrt arbeiten müssen, was in Spannungen resultieren kann. In dem Sie gewisse Bewegungen immer wieder ausführen und variieren, werden Sie sich Ihrer Gewohnheiten bewusst. Ich brachte vorher das Beispiel mit der Atmung im Sitzen. Merken Sie, dass sich Ihre Wirbelsäule beim Einatmen streckt oder wölbt sich lediglich Ihr Bauch raus und alles andere bleibt statisch? Neben den zusammenwirkenden Muster arbeiten wir bei Feldenkrais mit Beschränkungen. Beschränkungen gibt es zum einem strukturell, d.h. Sie können Ihr Kniegelenk aktiv maximal strecken bis zu einem Winkel von 0°. Das wäre die aktive natürliche Beschränkung. Das Knie mag sich mit der Hilfe eines Therapeuten noch um 5° mehr strecken lassen. Dann sprechen wir von passiver Streckung, bzw. Überstreckung. Beschränkungen gibt es auch in der Ausführung einer Bewegung in einer Feldenkrais Klasse. Hierbei führen Sie unter Einbehaltung einer gewissen Position eine Bewegung aus. Die jetzige Beschränkung macht es Ihnen schwerer die Bewegung auszuführen, d.h. Sie sind dazu veranlasst zu lernen, herauszufinden, wie Sie alle anderen Körperteile organisieren, um diese Bewegung doch ausführen zu können.

Beispiel: Setzen Sie sich in den Schneidersitz und bringen beide Handinnenflächen nach vorne auf den Boden. In dieser Position, atmen Sie ein und aus. Beim Einatmen strecken Sie Ihre Wirbelsäule. Was passiert nun? Mache Sie dies ein paar mal. Dann nehmen Sie die Hände weg vom Boden und legen sie auf die Oberschenkel. Atmen Sie wieder bewusst ein und aus. Was ist nun anders? Gehen Sie zurück zur vorherigen Position und probieren Sie es erneut. Achten Sie auf die Lendenwirbelsäule, die Hüftgelenke und die Knie. Welche Bewegungen finden dort statt?

Es kann sein, dass Sie sich nach einer Feldenkrais Lektion leichter fühlen. Der Grund hierfür liegt in der verbesserten neuromuskulären Organisation.

Gute Haltung und Gute Bewegung

Zum Abschluss möchte ich Ihnen noch zwei Dinge sagen. In der Feldenkrais Welt definieren wir was gute Haltung und was gute Bewegung ist:

  1. Gute Haltung bedeutet sich jederzeit, in jede Richtung, nicht zögernd und sich nicht vorbereitend, bewegen zu können. Das Skelett, wenn optimal aufeinander ausgerichtet, braucht ein Minimum an Energie. Diese Energie ist jetzt verfügbar, um eine Bewegung zu initiieren. Bei schlechter Haltung arbeiten die Muskeln mehr, um das Skelett optimal aufeinander auszurichten. Die Muskeln werden somit ihrer eigentlichen Aufgabe, der Bewegung, zweckentfremdet.
  2. Gute Bewegung bedeutet, einen beabsichtigten Zweck effizient und leicht zu erreichen.

Mit regelmäßiger Feldenkrais Arbeit oder jeder anderen achtsamkeitsbasierten Arbeit, arbeiten Sie an Ihren Fähigkeiten, kleinste Empfindungen wahrzunehmen. Sie können sich somit Ihrem Unwohlsein viel schneller bewusst werden. Sie können aufmerksamer und spontaner werden.

Wenn Sie Fragen zu den oben genannten Beispielen haben, schreiben Sie mir sehr gerne eine E-Mail.

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