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veröffentlicht am: 1. Januar 2019

Feldenkrais und Intuition

Manchmal werde ich in meinen Feldenkrais Kursen und im Bekanntenkreis gefragt, was denn die besten Übungen sind. In manchen Foren zum Thema Fitness/Krafttraining oder Bewegung finden sich Antworten wie, “die Kniebeuge ist die beste Übung”, “die Brücke ist eine weit unterschätzte Übung”, “einfach nur laufen”, andere wiederum schreiben das Schwimmen das beste wäre. All diese Aussagen sind, so wie sie getroffen werden, nicht haltbar.

Neutralität ändert sich erst durch die Anwendung

Im Allgemeinen ist keine Bewegung bzw. keine Übung gut oder schlecht, sondern lediglich neutral. Erst die Anwendung, mag sie richtig oder falsch sein, macht die Bewegungen bzw. die Übung gut oder schlecht. In anderen Worten: So unterschiedlich die Lebensentwürfe und Ziele einer Person sind, so dynamisch und flexibel sollten auch die Bewegungen und Übungen angepasst werden. Der berühmte Nürnberger Trichter greift hier leider nicht, denn was gut für Person A gut ist muss nicht gut für Person B sein. Deswegen lässt sich auch nicht ein gleicher Trainingsplan für alle finden, sondern lediglich ein passender Plan für einen passenden Menschen, an dessen Umstände angepasst. Es wäre schön wenn dieser Plan, bzw. das dazugehörige Training einfach ist.

Komplexität und Kompliziertheit

Warum einfach? Einfach ist nicht das Gegenteil vom komplex. Übungen und Bewegungen sind in der Regel komplex, mal mehr mal weniger. Das Gegenteil von einfach ist kompliziert. Kein Laie möchte sich monatelang in irgendwelchen Fachbüchern einlesen und unzählige Seminare zu nur einer Übung besuchen, um schließlich die Fähigkeit zu besitzen, diese eine Übung auszuführen. Komplexität lässt sich auf einzelne Schritte reduzieren, welche es dann fast jeden Menschen ermöglichen sich in der Ausführung kompetent zu fühlen.

Abwechslung und Passung

Was sich jedoch sagen lässt ist dies. Ein Trainingsplan bzw. Bewegungen wären emotional ansprechender, wenn ein wenig Abwechslung rein kommt, d.h. ich absolviere nicht zehn Jahre lang das gleiche Programm. Ich bin kreativ und selektiere regelmäßig das für mich passende. Somit trainiere ich nicht nach rigiden Mustern, welche mir von anderen auferlegt werden, sondern löse mich von diesen auferlegten Grenzen und überschreite sie. Das funktioniert natürlich nur in einem gewissen Rahmen, denn jeder Mensch ist an gewisse Umstände gebunden und in ein soziales Umfeld eingebettet. Diese beiden Faktoren spielen eine wichtige Rolle. Worauf ich nun zu sprechen komme, ist die Intuition.

Intuition und somatische Marker

Die Intuition kann als gesammelter Erfahrungsschatz (bewusst und unbewusst) gesehen werden. Jede Sekunde unseres Lebens prägt uns, jeder Gedanke, jedes Gefühl, jede Begegnung, jeder Schmerz, jeder Erfolg usw. Kennen Sie das Bauchgefühl, tief drinnen zu spüren, das diese Entscheidung richtig ist, oder dieser Weg der sinnvollere wäre? Sie brauchen dafür keinen Verstand. Den können Sie im Nachhinein hinzuziehen, um diesen Gefühl einen Anstrich zu geben, um es in Worte zu fassen. In der Psychologie wird diese Intuition als somatische Marker bezeichnet. Diese somatischen Marker machen sich im Körper bemerkbar, durch ein Bauchgefühl, die Atmung, den Brustkorb, die Körpertemperatur, schwere Glieder und dergleichen. Auf diese Marker zu hören, lässt einen ganz anderen Trainingsplan entstehen. Dieser Plan wäre dann wahrscheinlich auf die Tagesverfassung angepasst. Aus unseren Fehlschlägen lernen wir unsere Grenzen kennen, um diese dann gezielt für uns zu nutzen. Dies kann Jahre dauern. Hierbei verliert der, welcher sich dieser Aufgabe nicht stellt. Das Hören auf diese Marker gewinnt sogar über die Jahre an erstaunlichen Wert.

Feldenkrais verbessert diese Intuition

Die Sammlung aller früheren Erfahrungen, bestehend aus Bewegungen, Emotionen und Kognitionen stellen ein reiches Fundament dar. Dieses Fundament ist nicht notwendigerweise auf den diskursiven Gebrauch des Verstandes angewiesen. Feldenkrais nutzt das sensorische und motorische Gedächtnis und mithilfe der Wahrnehmung ganz gezielter Bewegungen lernen Personen die körperlich-sensorische Einsicht in Zusammenhänge kennen. Somit spürt z.B. eine Person eine konstante Überbeanspruchung des unteren Rückens bei der Ausführung der Beckenuhr. Diese Erkenntnis, welche die Person daraus gewinnt, bedarf keiner bewussten rationalen Ableitung. Das Gehirn bewertet die Erfahrungen, ob ein Stimulus zu stark ist oder ob es noch ein wenig mehr an Stimulus braucht, um Unterschiede wahrzunehmen und schließlich zu integrieren. Dieses Spiel mit der Bewegungsamplitude führt über die Zeit zu einer Adaptation hin zu mehr Leichtigkeit. Kraft, welche auf unsere Gelenke wirkt, kann somit bezüglich Zu- bzw. Abträglichkeit besser eingeschätzt werden. Die Person wird nun im einem Prozess lernen, ihre Bewegungsmuster besser zu koordinieren. Ein weiterer und folgenreicher Schritt zu einem selbstregulierteren Leben ist nun gesetzt. Indem Sie sich immer wieder diesen Lernprozess aus Bewegung und Wahrnehmung hingeben, öffnen Sie sich immer neuen Erfahrungen. Diese neuen gesammelter Erfahrungen stellen ein reiches Fundament für den intuitiven Gebrauch der eigenen Person im Schwerefeld dar. Wie würden Sie die Frage, „welche Übung die beste ist?“, nun beantworten?

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