In diesem Artikel möchte ich über Komplexität, Orientierung und den Weg zurück zu sich selbst, sprechen. Manchmal verliert ein Mensch nicht einfach die Motivation. Er verliert den Überblick. Nicht unbedingt den Überblick über einen einzelnen Bereich des Lebens, sondern über das eigene Leben als Ganzes. Was soll ich tun? Wo soll ich anfangen? Was ist wichtig? Was ist richtig? Was will ich eigentlich? Was bringt mich weiter? Und vor allem: Wie soll ich mit all dem umgehen, wenn ich gerade keine Antwort darauf habe? Eine solche Desorientierung kann schwer auszuhalten sein. Dann entsteht leicht ein Bedürfnis nach etwas, das die Komplexität für einen Moment beendet. Ein zuckerhaltiges Getränk. Ein Videospiel. THC. Stundenlanges Scrollen. Die Nacht zum Tag machen. Tagsüber schlafen. Sich aus Beziehungen zurückziehen. Nicht arbeiten. Nicht entscheiden. Nicht anfangen. Von außen betrachtet können solche Verhaltensweisen wie Vermeidung, Selbstsabotage oder Disziplinlosigkeit aussehen. Von innen können sie etwas anderes sein: der Versuch, wieder Ordnung herzustellen. Denn Komplexität ist nicht einfach nur anstrengend. Sie kann orientierungslos machen. Und genau hier fällt mir eine interessante Frage ein. Was passiert mit einem Menschen, wenn er zu viele Möglichkeiten hat, aber keine innere Landkarte mehr, nach der er sie ordnen kann?
Die Welt ist komplex
Wir leben in einer komplexen Welt. Die Welt ist komplex und das ist zunächst kein Problem. Bitte noch einmal lesen! Ja, richtig. Und das ist zunächst kein Problem. Menschen sind komplex. Beziehungen sind komplex. Der eigene Körper ist komplex. Gefühle sind komplex. Arbeit, Geld, Sexualität, Familie, Gesundheit, Zukunft, Vergangenheit und die eigene Identität stehen miteinander in Beziehung. Nichts davon existiert isoliert. Eine Entscheidung an einer Stelle verändert möglicherweise etwas an einer anderen. Ein neuer Arbeitsplatz verändert den Tagesrhythmus. Ein Tagesrhythmus verändert den Schlaf. Schlaf beeinflusst Stimmung und Aufmerksamkeit. Stimmung beeinflusst Beziehungen. Beziehungen beeinflussen Selbstbild und Motivation. Alles hängt irgendwie mit allem zusammen. Das Problem ist deshalb nicht die Komplexität selbst. Das Problem entsteht dort, wo wir keine Möglichkeit mehr finden, mit ihr umzugehen. Denn vollständige Komplexität können wir nicht verarbeiten. Wir müssen auswählen. Wir müssen vereinfachen. Wir müssen Dinge ausblenden, um andere Dinge sehen zu können. Komplexitätsreduktion ist deshalb keine Fehlleistung. Sie ist eine Voraussetzung für Orientierung. Wir können nicht gleichzeitig alle möglichen Lebenswege gehen. Wir können nicht jede Information berücksichtigen. Wir können nicht jede Perspektive gleichzeitig einnehmen. Wir brauchen eine Reduktion. Die entscheidende Frage ist daher nicht. Reduziere ich Komplexität? Sondern. Wie reduziere ich Komplexität und welche Möglichkeiten verschwinden dabei aus meinem Blickfeld?
Komplexitätsreduktion kann Orientierung schaffen
Eine Landkarte ist eine Komplexitätsreduktion. Sie zeigt nicht jeden Stein, jeden Baum und jedes Insekt einer Landschaft. Sie lässt unendlich vieles weg. Gerade deshalb können wir uns mit ihr orientieren. Auch eine Uhr ist eine Komplexitätsreduktion. Sie bildet nicht die gesamte Wirklichkeit eines Tages ab. Sie reduziert Zeit auf wenige Zahlen. Auch Sprache reduziert Komplexität. Wenn ich sage: „Ich bin traurig“, fasse ich eine ungeheure Vielzahl körperlicher, emotionaler, biografischer und situativer Prozesse in zwei Worte. Das ist nicht die ganze Wirklichkeit. Aber es macht sie handhabbar. Wir brauchen solche Reduktionen ständig. Ohne sie wären wir nicht handlungsfähig. Und vielleicht liegt genau darin ein wichtiger Unterschied zwischen einer hilfreichen und einer problematischen Reduktion. Eine hilfreiche Reduktion macht die Welt kleiner, damit wieder Handlung möglich wird. Eine problematische Reduktion macht die Welt kleiner, damit Unsicherheit nicht mehr gespürt werden muss. Das Ergebnis kann äußerlich ähnlich aussehen. Aber innerlich ist es etwas völlig anderes.
Wenn die Welt zu groß wird
Stell dir einen Menschen vor, der keinen Arbeitsplatz hat, keine Beziehung, keinen stabilen Tagesrhythmus und keine klare Vorstellung davon, wie sein Leben weitergehen soll. Er hat vielleicht nicht zu wenige Möglichkeiten. Vielleicht hat er zu viele. Er könnte arbeiten. Aber was? Er könnte eine Beziehung suchen. Aber mit wem? Er könnte umziehen. Aber wohin? Er könnte sich weiterbilden. Aber was? Er könnte Sport machen, reisen, Freunde treffen, seine Wohnung aufräumen, seine Finanzen ordnen, schlafen, meditieren, Therapie machen, sich verändern. Aber womit anfangen? Aus „alles ist möglich“ kann irgendwann „nichts ist möglich“ werden. Denn wenn keine Priorität vorhanden ist, werden Möglichkeiten nicht mehr als Freiheit erlebt. Sie werden zur Last. Und dann kann eine erstaunlich kleine Handlung plötzlich eine große Erleichterung bringen. Ein Videospiel gibt eine klare Aufgabe. Ein zuckerhaltiges Getränk gibt einen unmittelbaren Reiz. THC verändert den Bewusstseinszustand. Die Nacht gibt Ruhe vor den Anforderungen des Tages. Der Rückzug aus Beziehungen reduziert soziale Unsicherheit. Der Schlaf am Tag verhindert, dass man sich mit dem ungeklärten Leben beschäftigen muss. Nichts davon muss bewusst geplant sein. Vielleicht ist genau das Entscheidende daran, dass diese Verhaltensweisen Komplexität reduzieren. Für einen Moment muss nicht entschieden werden, wie das Leben weitergeht. Es gibt nur noch die nächste Runde. Den nächsten Schluck. Den nächsten Abend. Die nächste Nacht. Den nächsten Tag.
Das Problem ist nicht die Reduktion
Das Problem ist ihre Verengung. Hier wird Komplexitätsreduktion ambivalent. Denn was kurzfristig Orientierung schafft, kann langfristig Orientierung verhindern. Wenn ein Mensch beispielsweise immer dann zum Videospiel greift, wenn Unsicherheit auftaucht, lernt sein System möglicherweise: Unsicherheit → Spiel. Wenn Einsamkeit regelmäßig durch THC gedämpft wird: Einsamkeit → Konsum. Wenn Überforderung zum Rückzug in den Schlaf führt: Überforderung → Schlaf. Das Verhalten ist dann nicht einfach „falsch“. Es erfüllt eine Funktion. Es reduziert etwas. Aber genau dadurch kann es verhindern, dass etwas anderes gelernt wird. Denn zwischen dem Gefühl und der Handlung entsteht kein Raum mehr. Die Unsicherheit wird nicht wahrgenommen und untersucht. Sie wird beseitigt. Die Einsamkeit wird nicht erlebt und in Beziehung gebracht. Sie wird gedämpft. Die Orientierungslosigkeit wird nicht als Information verstanden. Sie wird durch einen Zustand ersetzt, in dem Orientierung keine Rolle mehr spielt. So kann eine kurzfristig hilfreiche Komplexitätsreduktion langfristig zu einer Verengung des Lebens führen. Die Welt wird einfacher. Aber auch kleiner.
Schrödinger und die Frage nach der Wirklichkeit
An dieser Stelle finde ich einen Gedanken von Erwin Schrödinger bemerkenswert. In Was ist Leben? schreibt er:
“Die einzige mögliche Alternative besteht einfach darin, sich an die unmittelbare Erfahrung zu halten, daß Bewusstsein ein Singular ist, von dem wir keinen Plural kennen; daß da nur ein Ding ist, und was uns als Pluralität erscheint, bloß eine Reihe von Aspekten dieses einen Dinges ist, erzeugt durch ein Täuschung. Dieselbe Illusion entsteht in einem Spiegelkabinett, und so erwiesen sich auch der Gaurisankar und der Mt. Everest als ein und derselbe Berg, nur aus verschiedenen Tälern gesehen.” (Schrödinger, 1989)
Schrödinger spricht hier nicht über Psychotherapie und auch nicht über dysfunktionales Verhalten. Er formuliert einen philosophisch-physikalischen Gedanken über Bewusstsein und die scheinbare Pluralität der Wirklichkeit. Als Denkfigur ist er dennoch interessant. Denn wir erleben unser Leben häufig so, als bestünde es aus vielen voneinander getrennten Problemen. Schlaf. Arbeit. Beziehung. Konsum. Motivation. Einsamkeit. Geld. Körper. Zukunft. Selbstwert. Doch vielleicht sind das nicht zehn verschiedene Probleme. Vielleicht sind es verschiedene Ansichten auf ein komplexes System. Wie Berge, die aus unterschiedlichen Tälern betrachtet werden. Was von einem Tal aus wie ein eigener Berg aussieht, kann aus einer anderen Perspektive Teil derselben Landschaft sein. Das bedeutet nicht, dass alle Probleme eigentlich dasselbe sind. Es bedeutet vielmehr: Die Art, wie wir ein Problem schneiden, bestimmt mit, was wir anschließend als Problem erkennen können. Und genau hier wird Komplexitätsreduktion interessant.
Wir brauchen Landkarten
Eine Landkarte ist notwendig, aber wir dürfen sie nicht mit der Landschaft verwechseln. Aber niemand würde auf die Idee kommen, eine Landkarte mit der Landschaft gleichzusetzen. Auch unsere Vorstellungen über uns selbst funktionieren so. „Ich bin arbeitslos.“ „Ich bin beziehungslos.“ „Ich bekomme mein Leben nicht auf die Reihe.“ „Ich bin süchtig.“ „Ich bin undiszipliniert.“ „Ich bin verloren.“ Solche Sätze können Orientierung schaffen. Aber sie können auch zu einer Identität werden. Aus einer Beschreibung wird eine Wahrheit. Und aus einer Wahrheit wird ein Gefängnis. Das erinnert an einen zentralen Gedanken meines 3-W-Modells: Wahrnehmung → Wahrheit → Weg. Wir nehmen etwas wahr. Daraus entsteht eine Interpretation dessen, was wahr ist. Und aus dieser Wahrheit entsteht ein bestimmter Weg. In meinem früheren Artikel (siehe hier: Wahrnehmung. Wahrheit. Weg. Über Leid, Interpunktion und den Ausstieg aus alten Schleifen) habe ich diesen Zusammenhang so beschrieben: Wahrnehmung ist kein neutraler Spiegel der Wirklichkeit, sondern ein Filter. Aus dieser selektiven Wahrnehmung entstehen persönliche Wahrheiten, die Orientierung und Sicherheit geben können, aber auch Leid erzeugen können. Das Entscheidende ist deshalb nicht, keine Wahrheiten mehr zu haben. Das wäre unmöglich. Wir brauchen Wahrheiten. Wir brauchen Landkarten. Wir brauchen Reduktionen. Aber wir brauchen die Fähigkeit, zu erkennen: Das ist meine Landkarte. Nicht die Landschaft.
Die drei W als Weg aus der Verengung
Vielleicht lässt sich genau hier mein 3-W-Modell noch einmal anders verstehen. Nicht als Methode, um Komplexität vollständig aufzulösen. Sondern als Möglichkeit, wieder beweglich innerhalb der Komplexität zu werden.
- Wahrnehmung
Der erste Schritt ist nicht Veränderung. Der erste Schritt ist Wahrnehmung. Was passiert eigentlich gerade? Nicht: „Ich bin faul.“ Sondern: „Ich liege seit drei Wochen tagsüber im Bett.“ Nicht: „Ich habe keine Kontrolle.“ Sondern: „Immer wenn ich mich mit meiner Zukunft beschäftige, greife ich zum Handy oder zum Spiel.“ Nicht: „Ich bin süchtig.“ Sondern: „THC verändert für einige Stunden meinen inneren Zustand, und ich greife besonders dann darauf zurück, wenn ich mich leer oder überfordert fühle.“ Das ist ein großer Unterschied. Denn Wahrnehmung macht das Geschehen wieder sichtbar, ohne es sofort zu erklären. Sie nimmt die Komplexität zunächst ernst. - Wahrheit
Dann kommt die Frage: Welche Geschichte erzähle ich mir darüber? Vielleicht lautet die Wahrheit: „Ich bin gescheitert.“ Vielleicht: „Mit mir stimmt etwas nicht.“ Vielleicht: „Ich bekomme mein Leben niemals auf die Reihe.“ Aber vielleicht gibt es auch andere Beschreibungen. Vielleicht ist der Mensch nicht gescheitert. Vielleicht ist er orientierungslos. Vielleicht fehlt ihm nicht primär Disziplin, sondern eine tragfähige Struktur. Vielleicht versucht sein System nicht, sich selbst zu zerstören, sondern einen Zustand zu regulieren, den es momentan nicht anders bewältigen kann. Das bedeutet nicht, jedes Verhalten gutzuheißen. Es bedeutet, die Funktion eines Verhaltens verstehen zu wollen. Denn erst wenn ich verstehe, was ein Verhalten für mich leistet, kann ich nach einer Alternative suchen, die dieselbe Funktion auf eine andere Weise erfüllt. Hier berührt mich die Perspektive von Michael Lehofer:
“Freiheit hängt mit Selbstwirksamkeit zusammen. Daher streben Menschen immer nach Möglichkeiten. Dieses Streben erzeugt jedoch Unfreiheit und ist meist mit Ängsten verbunden. Die wahre Freiheit, könnte man sagen, ist die ultimative Selbstwirksamkeit, die Freiheit von Ängsten und damit die Freiheit vom Sterben. Die Hinwendung zu sich selbst, die Selbstliebe, führt dazu, dass wir unserem wahren Wesen entsprechen, und fordert von uns, die bisherige Vorstellung von uns selbst zu hinterfragen.” (Lehofer, 2019)
Besonders wichtig finde ich darin den letzten Gedanken: die bisherige Vorstellung von uns selbst zu hinterfragen. Denn manchmal ist nicht das Verhalten der engste Teil des Problems. Manchmal ist es die Vorstellung davon, wer wir sind. - Weg
Wahrnehmung und Wahrheit allein verändern noch kein Leben. Irgendwann braucht es Bewegung. Einen Weg. Aber vielleicht muss dieser Weg nicht sofort die große Lösung sein. Gerade wenn ein Mensch den Überblick verloren hat, wäre es paradox, ihm noch mehr Möglichkeiten zu geben. Er braucht möglicherweise nicht zehn neue Ziele. Er braucht einen nächsten Schritt. Eine kleine Reduktion. Nicht: „Wie bringe ich mein gesamtes Leben wieder in Ordnung?“ Sondern: „Was ist die nächste sinnvolle Bewegung?“ Vielleicht ist es zunächst, morgens aufzustehen. Vielleicht zehn Minuten draußen zu sein. Vielleicht eine Mahlzeit zu einer bestimmten Zeit. Vielleicht eine Bewerbung. Vielleicht ein Gespräch. Vielleicht eine Stunde ohne Bildschirm. Vielleicht eine Nacht, in der man nicht versucht, das gesamte Leben zu lösen. Das klingt banal. Aber Orientierung entsteht nicht nur durch Denken. Sie entsteht auch durch Erfahrung. Ich tue etwas. Ich erlebe etwas. Ich bekomme eine Rückmeldung. Ich passe meine Landkarte an. Ich gehe weiter.
Komplexität reduzieren, ohne das Leben zu reduzieren
Vielleicht liegt hier auch eine Verbindung zu Feldenkrais. In der Feldenkrais-Arbeit geht es häufig darum, eine Bewegung nicht durch mehr Anstrengung zu verbessern, sondern durch mehr Wahrnehmung und bessere Organisation. Eine Bewegung kann kleiner werden. Langsamer. Differenzierter. Einfacher. Und gerade dadurch können neue Möglichkeiten entstehen. Das scheinbare Paradox lautet: Weniger kann mehr werden. Aber nur dann, wenn die Reduktion nicht einfach Möglichkeiten abschneidet, sondern die Organisation verbessert. Das ist ein wichtiger Unterschied. Wenn ich einen überladenen Raum aufräume, entsteht mehr Bewegungsfreiheit. Wenn ich aber einfach alles wegwerfe, habe ich vielleicht einen leeren Raum, aber nicht unbedingt ein besser organisiertes Leben. Auch psychisch können wir nicht einfach alles Komplexe loswerden. Wir müssen lernen, damit umzugehen. Das Ziel ist deshalb nicht die Reduktion des Lebens. Das Ziel ist eine Reduktion, die wieder Leben ermöglicht.
Freiheit bedeutet vielleicht nicht, alle Möglichkeiten zu haben
Wir verbinden Freiheit häufig mit möglichst vielen Möglichkeiten. Je mehr Optionen, desto freier. Aber ein Mensch, der hundert Möglichkeiten sieht und keine davon auswählen kann, erlebt diese Möglichkeiten möglicherweise nicht als Freiheit. Freiheit braucht auch Orientierung. Eine Richtung. Eine Entscheidung. Einen nächsten Schritt. Deshalb bedeutet Selbstwirksamkeit vielleicht nicht, alles kontrollieren zu können. Vielleicht bedeutet sie eher: Ich kann auf das, was geschieht, antworten. Ich muss nicht alles wissen. Ich muss nicht den gesamten Weg kennen. Ich muss nicht sicher sein, dass meine Entscheidung richtig ist. Ich muss auch nicht meine gesamte Zukunft überblicken. Vielleicht reicht es, wahrzunehmen, was gerade ist, die eigene Wahrheit etwas weniger absolut zu nehmen und daraus einen nächsten Weg entstehen zu lassen. Wahrnehmung. Wahrheit. Weg.
Der verlorene Überblick muss nicht wiederhergestellt werden
Vielleicht ist das am Ende sogar der entscheidende Gedanke: Wir müssen nicht immer den Überblick zurückbekommen. Vielleicht brauchen wir ihn gar nicht. Ein Mensch kann einen Wald nicht vollständig überblicken und trotzdem durch ihn hindurchgehen. Er braucht nicht die gesamte Karte. Er braucht den nächsten Abschnitt des Weges. Vielleicht ist das auch eine andere Form von Selbstvertrauen: Nicht zu wissen, wie alles ausgehen wird und trotzdem den nächsten Schritt gehen zu können. Nicht alle Möglichkeiten zu kennen und trotzdem eine auswählen zu können. Nicht jede Unsicherheit beseitigen zu müssen und trotzdem bei sich bleiben zu können. Schrödingers Bild vom Berg aus verschiedenen Tälern erinnert daran, dass unsere Perspektive immer nur eine Perspektive ist. Lehofers Gedanke fordert dazu auf, die bisherige Vorstellung von uns selbst zu hinterfragen. Und die Komplexitätsreduktion zeigt uns, dass wir ohne Vereinfachung überhaupt nicht handeln können. Die Frage ist deshalb nicht, ob wir reduzieren. Wir müssen. Die Frage ist: Was reduzieren wir und was bleibt dadurch noch sichtbar? Eine gute Reduktion nimmt uns nicht die Welt. Sie gibt uns einen Weg durch sie hindurch. Und vielleicht beginnt genau dort eine andere Form von Freiheit: Nicht dort, wo endlich alles klar ist. Sondern dort, wo die Unsicherheit wieder ausgehalten werden kann, ohne dass wir uns sofort vor ihr verstecken müssen. Wahrnehmen. Eine Wahrheit finden, die beweglich bleibt. Und dann gehen.
Literatur:
- Lehofer, Michael (2019). Mit mir sein. Selbstliebe als Basis für Begegnung und Beziehung. Wien: Braumüller
- Schrödinger, E. (1989). Was ist Leben? Die lebende Zelle mit den Augen des Physikers betrachtet. Piper.
Bilder:
- Foto von Joachim Schnürle auf Unsplash

