Um was dreht es sich denn? Um die eigenen Belange. Ich verstehe nicht. Vielleicht kennst du das ja. Wühle einmal ein wenig in deiner Erinnerung. Jemand lehnt dich ab, ein Arbeitskollege widerspricht dir, eine Dating-Bekanntschaft meldet sich nicht mehr und sofort beginnt im Kopf eine Endlosschleife. Du fühlst dich als ganze Person abgelehnt. Sehr viele Menschen kämpfen mit solchen quälenden Gedanken, die sie eigentlich gar nicht denken wollen. Ich möchte folgendes vorab erwähnen, weil es mir wichtig ist. Solche Gedanken bedeuten nicht automatisch, dass du gefährlich bist und dir deswegen Menschen aus dem Weg gehen. Aber dennoch sind sie, die Gedanken, belastend und können dein Leben einengen. In diesem Artikel möchte ich darüber schreiben, was hinter diesen Gedankenschleifen steckt, und welche Wege es gibt, sie zu unterbrechen und Stück für Stück loszulassen.
Erste Annäherung
Das, was ich da eingangs erwähnte, klingt stark nach Ablehnungssensitivität bzw. einem „inneren Gefühl, nicht gewollt zu sein“, was häufig mit frühen Bindungstraumata, emotionaler Vernachlässigung oder Misshandlung zusammenhängt. Es gibt mehrere Therapieformen und Interventionen, die speziell auf diese Art von Problemstellungen, also widersprüchliche innere Arbeitsmodelle von Selbst und Anderen, Angst vor Zurückweisung, sozialem Rückzug etc. abzielen.
Was steckt dahinter?
Versuchen wir mal ein wenig Ordnung zu kreieren. Die Überempfindlichkeit gegenüber Zurückweisung (Englisch: Rejection Sensitivity), selbst in kleinen Dingen, fühlt sich übermäßig schmerzhaft an. Sofort springt dein inneres Alarmsystem an. Dieses innere Alarmsystem arbeitet stark mit ausgeprägten Gedanken zusammen. Die nennen wir Rumination, also das ständige Grübeln und Wiederkäuen von Situationen. Es ist wie ein Karussell, das nicht aufhört, sich zu drehen. Da ist aber noch nicht Schluss. Scham und Einbrüche im Selbstwert sind häufig die Folge. Häufig liegen dahinter alte Muster, das Gefühl, nicht genug zu sein oder übersehen zu werden.
Jetzt könnte diese beschämte und depressive Stimmung auch kippen. Denn wer will sich schon mies fühlen. Wir wollen unseren Selbstwert stabilisieren. Wie wir das dann tun, ist sehr vielseitig und manchmal sehr dysfunktional. Neid öffnet Türen und Fenster und verhilft somit der Schadenfreude sich auszubreiten. Statt nach innen zu schauen, lenkt der Kopf die Energie nach außen und wünscht anderen Misserfolg. Aggressive Fantasien könnten auch damit einhergehen. Sie wirken beängstigend, sind aber oft einfach Ausdruck von Hilflosigkeit, Wut oder der Sehnsucht, sich wieder stark zu fühlen.
Halten wir noch mal fest. Wie könnte man Ablehnungssensitivität eingrenzen?
- Ablehnungssensitivität bezeichnet eine Persönlichkeitsdisposition oder ein soziales‑kognitives/emotionales Muster, bei dem jemand
- mit hoher Erwartung, auch gepaart mit Angst oder Sorge, auf Zurückweisung reagiert,
- in sozialen Situationen stark auf Hinweise oder Signale von Ablehnung achtet, selbst wenn sie nicht eindeutig sind,
- solche Signale leicht als Zurückweisung interpretiert, auch wenn diese mehrdeutig oder neutral sind, und
- emotional stark reagiert z.B. Scham, Traurigkeit, Ärger, Rückzug und diese Reaktionen oft übertrieben sind in Relation zum objektiven sozialen Hinweis.
Es geht nicht bloß um gelegentliche Unsicherheit, sondern um ein stabiles Erlebens- und Verhaltensmuster, das Belastungsreaktionen und Leiden erzeugt. Das Wort “stabil” bringt natürlich einen gewissen Unmut mit sich, eine gewisse Abgeschlagenheit, allein bei dem Gedanken, dass sich dieses Phänomen ändern lässt, es wahrscheinlich aber nicht einfach mal so in einer Woche passieren wird. Schauen wir uns mal die Entstehungsgeschichte an. Was könnte zur Ablehnungssensitivität beitragen?
Wie entsteht Ablehnungssensitivität?
Die Forschung nennt mehrere Bedingungen und Wendepunkte, die zur Entwicklung beitragen.
- Frühe Bindungserfahrungen
- Eltern‑Kind Beziehung
- Peer‑Erfahrungen
- soziale Interaktionen in der Kindheit und Jugend
- Emotionale Vernachlässigung, Missbrauch
- Kognitive Verzerrungen
- Überlebensstrategien
- Persönlichkeits- und Temperamentsfaktoren
Studie 1
Die Studie von McLachlan, Zimmer-Gembeck & McGregor (2010) beschäftigt sich mit Ablehnungssensitivität (Rejection Sensitivity) bei Kindern und Jugendlichen und untersucht, wie Zurückweisung durch Gleichaltrige wirkt und welche schützenden Einflüsse von Eltern und Freunden ausgehen können. Die Forscher nähern sich der Ablehnungssensitivität so an, dass sie jemand als besonders empfänglich oder verletzlich auf tatsächliche oder erwartete Zurückweisung bezeichnen. Diese Entwicklung beginnt meist in der Kindheit und kann mit negativen Folgen wie geringem Selbstwert, sozialem Rückzug oder Ängsten verbunden sein. Peer-Beziehungen spielen dabei in Kindheit und Jugend eine zentrale Rolle für Selbstwert und emotionale Entwicklung.
Die Forscher wollten wissen, ob es einen Zusammenhang zwischen erlebter Zurückweisung durch Gleichaltrige und Ablehnungssensitivität in Kindheit und früher Jugend gibt? Zudem, inwiefern positive Beziehungen zu Eltern und Freunden diese Zusammenhänge abmildern können? Dazu wurden Fragebögen zu Ablehnungssensitivität, erlebter Ablehnung durch Gleichaltrige, Qualität der Eltern-Kind-Beziehung und der Freundschaften ausgefüllt und ausgewertet. Die Ergebnisse zeigen eindeutig:
- Peer-Rejection führt zur höheren Ablehnungssensitivität, d.h. Kinder und Jugendliche, die Zurückweisung von Gleichaltrigen berichteten, zeigten deutlich stärkere Ablehnungssensitivität.
- Es gibt allerdings auch Schutzfaktoren. Unterstützende Elternbeziehungen (Wärme, Verständnis, Akzeptanz) wirkten als Puffer. Kinder mit guter Elternbindung entwickelten weniger Ablehnungssensitivität, auch wenn sie Zurückweisung durch Gleichaltrige erfuhren. Freundschaften hatten ebenfalls eine schützende Wirkung, allerdings weniger stark als die Elternbeziehung. In der frühen Adoleszenz verstärkt sich die Bedeutung der Peers. Trotzdem blieb die elterliche Unterstützung ein stabiler Schutzfaktor.
- Fazit der Studie: Ablehnungssensitivität entsteht nicht einfach aus einzelnen Erfahrungen, sondern hängt stark von sozialem Kontext und Beziehungsqualität ab.
Studie 2
In der Studie von Foxhall, Hamilton-Giachritsis & Button (2019) „The link between rejection sensitivity and borderline personality disorder: A systematic review and meta-analysis“, lag der Fokus darauf, welche Bedeutung das Verständnis von Rejection Sensitivity (RS) besonders in Bezug auf Borderline-Persönlichkeitsstörungen (BPD) hat. Dafür verwendeten die Forscher 31 Studien für ihre Meta-Analyse.
Es besteht ein moderater Zusammenhang zwischen RS und BPD, wenn man alle Studien zusammen betrachtet. Allerdings, wenn man klinische BPD-Patient:innen mit Kontrollpersonen vergleicht (also Menschen mit diagnostizierter BPD vs. Gesunde), fällt der Effekt stärker aus. Emotionale Vernachlässigung und emotionaler Missbrauch in der Kindheit sind am stärksten mit höherer Ablehnungssensitivität verbunden. Ein wichtiger Faktor ist executive control (d.h. Fähigkeiten zur Selbstkontrolle, Regulation von Aufmerksamkeit und Impulsen). Diese moderiert den Zusammenhang, d.h. bei schlechterer exekutiver Kontrolle wirkt sich Ablehnungssensitivität stärker aus.
Menschen mit diagnostizierter BPD haben deutlich höhere RS-Werte als gesunde Kontrollen. Das legt nahe, dass RS nicht nur ein Merkmal schwacher Persönlichkeitseigenschaften ist, sondern eines, das mit psychischer Störung und erheblicher Beeinträchtigung einhergeht. Da exekutive Kontrolle eine moderierende Rolle spielt, könnten Interventionen, die auf Verbesserung von Emotionsregulation, Impulskontrolle oder anderen Selbststeuerungsfähigkeiten abzielen, hilfreich sein.
Studie 3
In der Studie von Gao, Assink, Cipriani & Lin (2017) “Associations between rejection sensitivity and mental health outcomes: A meta-analytic review” wurde eine Meta-Analyse gemacht, um zu klären, wie stark Ablehnungssensitivität mit verschiedenen psychischen Gesundheitsproblemen zusammenhängt. Dafür wurden fünf spezifische Outcomes untersucht: Depression, Angst (Anxiety), Einsamkeit (Loneliness), Borderline-Persönlichkeitsstörung (BPD), und Body Dysmorphic Disorder (BDD).
Alle fünf untersuchten psychischen Problem-Bereiche zeigen signifikante, moderate Assoziationen mit Ablehnungssensitivität. Es gibt auch Belege, dass Ablehnungssensitivität vorher (Baseline) psychische Symptome in späteren Messzeitpunkten vorhersagt: Für Depression: r ≈ 0,248; Für Angst: r ≈ 0,279; Für Einsamkeit: r ≈ 0,336.
Die Studie zeigt, dass Ablehnungssensitivität nicht nur in Einzelfällen mit psychischen Problemen zusammenhängt, sondern in vielen Studien und Populationen, über mehrere Störungsbilder hinweg, mit deutlichen Effekten. Überdies belegt die Studie, dass RS nicht einfach ein Korrelat ist, sondern auch vorhersagend wirkt. Menschen mit hoher Ablehnungssensitivität entwickeln später eher Symptome von Depression, Angst, Einsamkeit.
Studie 4
In der letzten Studie von Sato, Fonagy & Luyten (2020) wird untersucht, wie der Bindungsstil, insbesondere Bindungsangst, in Zusammenhang mit Ablehnungssensitivität und Borderline-Persönlichkeitsmerkmalen steht, und welche Rolle weitere Variablen wie Bedürfnis nach Zugehörigkeit und Selbstkritik spielen.
Bindungsangst mediierte signifikant die Beziehung zwischen Ablehnungssensitivität und BPD-Merkmalen. Das heißt konkret, dass Personen, die hohe Ablehnungssensitivität aufwiesen, auch höhere Bindungsangst gegenüber nahestehenden Bezugspersonen hatten. Diese Bindungsangst wiederum war damit verbunden, dass das Bedürfnis nach Zugehörigkeit stärker ausgeprägt war. Das Bedürfnis nach Zugehörigkeit wiederum war ein weiterer mediierender Schritt. Wer ein starkes Bedürfnis hat, akzeptiert zu werden und Teil zu sein, reagiert mit erhöhter Selbstkritik, was dazu beitragen kann, dass BPD-Merkmale stärker ausgeprägt sind. Selbstkritik mediierte ebenfalls den Weg weiter in Richtung BPD-Merkmale. Personen mit hoher Selbstkritik neigen dazu, sich selbst stark zu bewerten und zu kritisieren, was die Manifestation von Borderline-Merkmalen begünstigt.
Aus dieser Studie ergibt sich, dass der Bindungsstil, insbesondere Bindungsangst, ein wichtiger Schaltpunkt ist. Bindungsangst wirkt als eine Art „Brücke“ zwischen Ablehnungssensitivität und späterem Verhalten bzw. Merkmalen, die typisch sind für BPD. Hohe Ablehnungssensitivität → Bindungsangst → Bedürfnis nach Zugehörigkeit → Selbstkritik → BPD-Merkmale. Ohne Bindungsangst würde dieser Weg schwächer oder nicht bestehen.
Bindungsangst beeinflusst, wie sehr jemand Zugehörigkeit sucht. Wer ängstlich gebunden ist, hat ein starkes Bedürfnis, angenommen zu werden, Nähe nicht zu verlieren, Ablehnung zu vermeiden. Dadurch kann ein hoher Druck und Erwartung entstehen, der wiederum Selbstkritik fördert, wenn man glaubt, diese Erwartungen nicht zu erfüllen.
Jetzt haben wir uns vier Studien kurz angesehen, die die Augen öffnen bezüglich der Entstehungsgeschichte. Darüber hinaus gibt es auch Faktoren, die dazu beitragen, dass sich diese Ablehnungssensitivität aufrechterhält. Welche könnten das sein?
Wie wird Ablehnungssensitivität aufrechterhalten?
Welche Mechanismen sorgen dafür, dass dieser Stil bestehen bleibt und sich verstärkt? Ein sehr wichtiger Punkt ist die Fehlinterpretation neutraler Reize als Ablehnung. Was hier stattfindet, ist eine Bestätigung der eigenen Befürchtungen, auch wenn objektiv keine Ablehnung vorliegt. Dies verstärkt dann natürlich die Rumination. Nach sozialen Situationen wird zurückgedacht, analysiert, oft in Richtung: „Was hätte ich besser machen können? warum hat X so reagiert?“ Das führt leider zu einer Verstärkung von Selbstzweifeln und Angst, was mit sozialen Rückzug einhergeht. Aus Furcht vor weiterer Zurückweisung zieht sich die Person zurück oder vermeidet Nähe, was Isolation fördert und Chancen auf korrigierende Erfahrungen reduziert. Zudem zeigt die Person ein für manche sehr komisches Verhalten. Wir nennen das Überkompensation.
Das sind Versuche, stets freundlich, perfekt, vermeidende oder unterwürfige Verhaltensweisen zu zeigen, um Zurückweisung zu verhindern. Diese können auf Dauer Erschöpfung, Resentiments und Entfremdung erzeugen. Darunter leiden dann auch das Selbstbild und der Selbstwert. Ein negatives Selbstmodell („Ich bin unwichtig / nicht liebenswert“) wird internalisiert, oft gestützt durch vergangene Erfahrungen. Diese Glaubenssätze dienen als Linse, durch die neue Erfahrungen gefiltert werden. Dies geht auch mit einer emotionalen Dysregulation einher. Hohe Angst oder Scham bei wahrgenommener Ablehnung, oft kombiniert mit impulsiven Reaktionen, z.B. Ärger oder Rückzug. Wenn Regulation schlecht funktioniert, potenziert das Leiden. Schließlich resultiert das in einem Mangel an korrigierenden Beziehungserfahrungen. Ohne stabile, vertrauensvolle Beziehungen, in denen man gehört, verstanden und gewollt erlebt, bleiben alte Muster bestehen, weil keine neuen Erfahrungen das alte Selbstbild herausfordern. Das sind ja ziemlich düstere Aussichten. Gibt es denn auch Wege aus diesem Dickicht an Leiden?
Der erste wichtige Schritt: Verstehen, was passiert
Viele Betroffene reagieren zunächst mit Angst oder Selbstverurteilung: „Wie kann ich nur solche Gedanken haben?“ Aber Gedanken sind nicht gleich Handlungen. Wir alle haben seltsame, manchmal erschreckende Fantasien. Der Unterschied liegt darin, ob wir ihnen Raum geben oder ob wir lernen, anders mit ihnen umzugehen. Ich möchte erwähnen, dass reine kognitive Maßnahmen ohne emotionale und körperliche Komponente oft zu kurz greifen, da die Ablehnungssensitivität tief emotional verankert ist. Ein übermäßiger Fokus auf „Negative Gedanken korrigieren“ kann das Gefühl, dass es allein ein mentales Problem sei, verstärken und damit die emotionalen Schmerzen nicht erkennen. Dennoch sollten wir die kognitive Komponente nicht vernachlässigen. Welche Wege aus der Gedankenspirale wären denn möglich?
Wege aus der Gedankenspirale
- Du könntest deine Gedanken beobachten statt zu bekämpfen. Setz dich hin, atme bewusst, und wenn der nächste Gedanke auftaucht, sag dir: „Ich habe gerade den Gedanken, dass…“ Das schafft Abstand. Der Gedanke ist dann nicht mehr die Wahrheit, sondern nur ein Gedanke.
- Du könntest auch deine Grübelzeit begrenzen. Nimm dir einen festen „Grübel-Slot“ am Tag, z.B. 20 Minuten. Wenn tagsüber Gedanken auftauchen, schreib sie auf und verschiebe sie in diese Zeit. So gewinnst du die Kontrolle zurück.
- Du könntest ein Stop Signal setzen. Wenn die Emotionen hochschießen, versuche mal kaltes Wasser über die Hände laufen zu lassen, einen kurzen Spaziergang zu machen, die 5-4-3-2-1-Methode (5 Dinge sehen, 4 Dinge hören, 3 Dinge fühlen, 2 Dinge riechen, 1 Sache schmecken). All dies kann dir helfen, dein Nervensystem zu regulieren.
- Du könntest dich vermehrt in Selbstmitgefühl statt Selbstkritik üben. Sag dir in schwierigen Momenten: „Ich bin gerade verletzt – das ist menschlich. Ich gebe mir jetzt die gleiche Wärme, die ich einem guten Freund geben würde.“ Diese Haltung reduziert Scham und die Lust auf Rachefantasien.
- Du könntest deinen Blick auf Neid verändern und zwar mit einem Unterschied, der den Unterschied macht. Will ich den anderen schaden sehen (malicious envy), oder wünsche ich mir das, was er hat (benign envy)? Im zweiten Fall kannst du den Neid als Hinweis nutzen. Was wünsche ich mir selbst? Wie könnte ich darauf hinarbeiten? Unterstützend hilft ein Dankbarkeitstagebuch: Schreibe täglich drei Dinge auf, für die du dankbar bist.
- Und schließlich könntest du kleine Experimente mit Ablehnung wagen. Wie könnte dies aussehen? Frag jemanden bewusst nach seiner ehrlichen Meinung. Oder wage eine kleine Bitte, bei der ein „Nein“ wahrscheinlich ist. Beobachte dabei, ob es weh tut, und ob es auszuhalten ist. Solche Übungen schwächen die Überempfindlichkeit Schritt für Schritt.
Der erste Schritt befasst sich noch mehr mit dem Verstehen, Beobachten und Abstand gewinnen sowie mit Selbstmitgefühl. Im Zweiten Schritt dreht es sich vermehrt darum, neue Erfahrungen zu machen, Muster praktisch zu verändern, sichere Bindungen zu fördern, den Körper einbeziehen und ggf. therapeutische Hilfe zu nutzen.
Der zweite wichtige Schritt: Neue Erfahrungen ermöglichen und Muster verändern
Nachdem du verstanden hast, was in dir geschieht, geht es nun darum, aktive Wege zur Veränderung zu beschreiten. Ablehnungssensitivität ist nicht nur ein Kopfproblem, sondern eng mit alten Bindungserfahrungen, emotionalen Reaktionsmustern und Körperempfindungen verknüpft. Deshalb wirken Strategien besonders gut, die Gedanken, Gefühle, Körper und Beziehungserfahrungen miteinander verbinden.
Für mich steht da immer die Bewusstmachung an erster Stelle. Und damit verbunden die Tagebucharbeit. Notiere dir Situationen, in denen du Ablehnung befürchtest. Welche Gedanken tauchen auf? Welche Gefühle und Körperreaktionen? Schon allein das Aufschreiben schafft Klarheit und kann wie ein Spiegel wirken. Der Vorteil ist, du kannst immer wieder auf deine Notizen zurückgreifen und deine Entwicklung mit beobachten. Dabei kommt wieder die kognitive Umstrukturierung mit ins Spiel, allerdings nicht kalt, also nur im Kopf, sondern warm, mit körperlicher Untermalung.
Frage dich: „Welche Beweise habe ich gerade wirklich?“ Vielleicht bedeutet die nicht beantwortete Nachricht nicht „Ich bin unwichtig“, sondern schlicht: „Die Person ist beschäftigt.“ Wichtig: Die Neubewertung sollte nicht nur rational, sondern auch mit einem emotionalen Nachspüren verbunden sein. Wie fühlt sich die neue Sichtweise an? Und dann könntest du dies ein wenig aufmotzen, durch kleine Experimente.
Hier geht es darum, kleine Risiken einzugehen und dir zu beweisen, dass Zurückweisung nicht dein Wert bestimmt. Wage eine Einladung, bitte um Unterstützung, teile ein Bedürfnis und beobachte, wie dein Gegenüber reagiert. In therapeutischen Settings wird dies oft Schritt für Schritt geübt. Das ist hart, ich verstehe das. Frage doch mal eine sehr gute Freundin, ob sie dies mit dir, im sogenannten Trockenschwimmen durchspielt. Und dann kommen wir mehr und mehr an den Kern der Sache. Die liebe Bindungserfahrung.
Weil Ablehnungssensitivität eng mit Bindungsangst zusammenhängt, ist es hilfreich, sichere Beziehungen aufzubauen. Das kann in einer stabilen therapeutischen Beziehung geschehen, aber auch durch Freundschaften oder Gruppen, in denen du dich gesehen fühlst. Jedes Erleben von Akzeptanz wirkt korrigierend auf alte Muster. Und sobald diese Muster bewusst werden, wäre es sinnvoll mit Scham und Kritik zu arbeiten.
Viele Betroffene reagieren auf Ablehnung mit Scham, „Ich bin falsch“, oder Härte gegen sich selbst. Hier helfen Übungen zu Selbstmitgefühl oder das innere Bild, wie du mit deinem „verletzten Kind“-Anteil sprichst: nicht abwertend, sondern tröstend und beruhigend. Das ist für mich Emotions- und Körperarbeit. Da Ablehnungssensitivität so tief im Körper verankert ist, braucht es auch körperliche Zugänge: Atemübungen, Achtsamkeit, Bewegung, Tanz oder Körpertherapie. So lernst du, Signale wie Enge, Hitze oder Druck im Körper zu erkennen und regulierend darauf zu reagieren.
Je nach Intensität und Dauer der Ablehnungssensitivität können spezifische Therapieansätze sinnvoll sein:
- Schematherapie, wenn sich Muster tief in die Persönlichkeit eingeprägt haben.
- Mentalisierungsbasierte Therapie (MBT), um besser zu verstehen, was im eigenen und im fremden Erleben passiert.
- DBT-Skills (Dialektisch-Behaviorale Therapie), um konkrete Werkzeuge zur Emotionsregulation und zwischenmenschlichen Kommunikation zu üben.
- Traumatherapie wie EMDR, wenn Ablehnung mit alten Bindungstraumata verbunden ist.
Fazit
Ablehnungssensitivität ist mehr als gelegentliche Unsicherheit oder Empfindlichkeit. Sie ist ein tief verankertes emotionales Muster, das eng mit frühen Bindungserfahrungen, inneren Überzeugungen über sich selbst und der Wahrnehmung anderer Menschen verbunden ist. Die Forschung zeigt, dass Menschen mit hoher Ablehnungssensitivität häufiger an Depression, Angst, Einsamkeit oder sogar Persönlichkeitsmerkmalen wie bei BPD leiden können. Gleichzeitig ist deutlich geworden: Ablehnungssensitivität ist nicht unveränderlich.
Der Weg beginnt mit Verstehen und Beobachten: Gedanken und Gefühle nicht als Wahrheit, sondern als Hinweise auf innere Muster wahrzunehmen. Mit dieser Distanz wird es möglich, Selbstmitgefühl zu entwickeln, Grübelspiralen zu unterbrechen und den eigenen inneren Kritiker zu beruhigen.
Der zweite Schritt führt ins aktive Handeln: Kleine Experimente, sichere Bindungserfahrungen, körperliche Achtsamkeit, emotionale Regulierung und therapeutische Unterstützung helfen, alte Muster nach und nach zu verändern. Über die Zeit können diese Erfahrungen dazu beitragen, dass das Gefühl, abgelehnt zu werden, nicht mehr das eigene Leben bestimmt.
Ablehnungssensitivität ist also kein unabänderliches Schicksal, sondern ein Muster, das erkannt, verstanden und Schritt für Schritt neu gestaltet werden kann. Jeder kleine Schritt, sei es ein Moment der Selbstannahme, eine klare Kommunikation in Beziehungen oder eine kleine Konfrontation mit Ablehnung, trägt dazu bei, das innere Karussell zu verlangsamen und mehr Freiheit, Stabilität und Verbundenheit zu erfahren.
Literatur:
- Foxhall, M., Hamilton-Giachritsis, C., & Button, K. (2019). The link between rejection sensitivity and borderline personality disorder: A systematic review and meta-analysis. The British journal of clinical psychology, 58(3), 289–326. https://doi.org/10.1111/bjc.12216
- Gao, S., Assink, M., Cipriani, A., & Lin, K. (2017). Associations between rejection sensitivity and mental health outcomes: A meta-analytic review. Clinical psychology review, 57, 59–74. https://doi.org/10.1016/j.cpr.2017.08.007
- McLachlan, J., Zimmer-Gembeck, M. J., & McGregor, L. (2010). Rejection Sensitivity in Childhood and Early Adolescence: Peer Rejection and Protective Effects of Parents and Friends. Journal of Relationships Research, 1(1), 31–40. doi:10.1375/jrr.1.1.31
- Sato, M., Fonagy, P., & Luyten, P. (2020). Rejection Sensitivity and Borderline Personality Disorder Features: The Mediating Roles of Attachment Anxiety, Need to Belong, and Self-Criticism. Journal of personality disorders, 34(2), 273–288. https://doi.org/10.1521/pedi_2019_33_397
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