Marshall B. Rosenberg (1934–2015), der Begründer der Gewaltfreien Kommunikation (GFK), sieht Bedürfnisse als universelle, lebensdienliche Kräfte, die allen Menschen gemeinsam sind. Das war Teil 8. Hinter jedem Gefühl – ob Wut, Trauer oder Freude – steht ein erfülltes oder unerfülltes Bedürfnis. Wenn wir lernen, diese Bedürfnisse klar zu erkennen und auszudrücken, anstatt andere zu beschuldigen oder uns zu rechtfertigen, entsteht Verbindung – zu uns selbst und zu anderen. Rosenberg betonte, dass Konflikte nicht durch unterschiedliche Werte entstehen, sondern durch Strategien, mit denen Menschen versuchen, ihre Bedürfnisse zu erfüllen. Kommunikation wird damit zu einem Prozess des Einfühlens, nicht des Überzeugens.
Willkommen beim Teil 9 der Serie. Vor einiger Zeit wurde ich auf einen Herrn aufmerksam. Ein Arbeitskollege fragte mich, ob ich denn schon Tim Fletcher kennen würde und was ich von ihm halte. Er schickte mir ein YouTube Video. Seitdem bin ich ziemlich von ihm angetan. Tim Fletcher redet von Bedürfnissen. Ich mag seine Sichtweise sehr, denn er verbindet Bedürfnisse mit seinem Wissen über Traumata und Suchtthematiken. Gehen wir da mal näher rein.
Tim Fletcher ist Gründer und Präsident von „RE/ACT – Recovery Education for Addictions and Complex Trauma“. Ursprünglich Pastor und Coach, entwickelte er sein Konzept aus der Arbeit mit Menschen mit Sucht- und Traumathematiken. Sein zentraler Beitrag ist sein Modell von 12 Grundbedürfnissen („12 Basic Needs“) für die Heilung von komplexem Trauma, das später auf 68 Sub-Bedürfnisse erweitert wurde. Fletcher sieht komplexe Traumatisierung nicht als ein einmaliges Ereignis, sondern als kontinuierliche Erfahrung von Unsicherheit im frühen Leben – mit Auswirkungen auf Körper, Geist und Beziehungen. In seinem Ansatz betont er, dass Heilung darin liegt, diese meist vernachlässigten Bedürfnisse (z. B. Sicherheit, Zugehörigkeit, Erholung, Schönheit) bewusst zu erkennen, zu benennen und Schritt für Schritt für sich selbst oder in Gemeinschaft zu erfüllen.
Was ist seine Kernbotschaft?
Menschen mit komplexem Trauma leben mit dauerhaft unbefriedigten, fundamentalen Bedürfnissen. Er identifiziert 12 „Basic Needs“ und eine feiner gegliederte Liste von Sub-Needs. Diese chronisch unerfüllten Bedürfnisse erklären viel von der inneren Leere, dem Alarmzustand und den Beziehungs- und Verhaltensmustern traumatisierter Menschen. Heilung bedeutet nicht nur, das Trauma zu verarbeiten, sondern systematisch zu lernen, diese Bedürfnisse zu erfüllen, teils selbst, teils durch sichere Beziehungen und stabile Rahmenbedingungen. Fletcher stellt dies als eine Roadmap dar: wer seine 12 Needs (und die Sub-Needs) wieder herstellt, verringert den Alarmzustand im Nervensystem, zudem verringert er den Suchtdruck und gewinnt dadurch mehr Lebensqualität.
Trauma, Sucht und Basic Needs
Unbefriedigte Bedürfnisse sorgen in unserer Neurobiologie für einen Alarmzustand. Das kann ein chronischer Mangel an Sicherheit, Liebe, Bindung, Bestätigung usw. sein. Dieser Mangel hält das Nervensystem in erhöhter Erregung (Fight/Flight/Freeze/Fawn). Das macht, dass die Stresshormone dominieren und vermindert die Fähigkeit, für eine natürlich positive Neurochemie (Dopamin/Serotonin/Oxytocin/Endorphine) zu sorgen.
Sucht ist somit oft ein Kurzschluss zur Bedürfnisbefriedigung. Das betrifft Substanzen oder Verhaltensweisen, oder beides. Das mag kurzfristig Belohnung geben, oder Ablenkung oder Betäubung. Es sind adaptive Coping-Strategien, die mit der Zeit maladaptiv werden. Wichtig ist hierbei zu erwähnen, dass es hier nicht um moralische Fehler geht, sondern um Lösungsversuche. Langfristig vergrößern diese Coping-Strategien die Dysregulation, verstärken Isolation und verhindern, dass echte Bedürfnisse wieder gelernt, also erfüllt werden.
Reparenting und systematische Bedürfnisarbeit sind Kern der Therapie. Statt nur Symptome zu dämpfen, fordert Fletcher einen strukturierten Plan:
- Sicherheit schaffen
- Basale körperliche Bedürfnisse stabilisieren
- Bindungs- und Liebesfähigkeiten üben
- Sinn, Erholung und Schönheit wieder integrieren.
So wird das Nervensystem umtrainiert und die Suchtanfälligkeit sinkt. Es kann so zu einer Integration mit einer trauma-informierten Versorgung kommen. Fletcher’s Bedürfnismodell bietet dabei ein nützliches, praktisches Gerüst, nicht einen Ersatz für die klinische Behandlung. Schauen wir uns mal die Bedürfnisse zusammen an.
- Pleasure (Freude / positive Neurochemie)
Für Menschen mit komplexer Traumafolgestörung und Sucht ist das Bedürfnis nach regelmäßiger, natürlicher Freude (z. B. Belohnungs-Hormone durch Bewegung, Musik, soziales Lachen oder sinnvolle Tätigkeiten) zentral. Trauma und Substanzgebrauch stören oft die Belohnungsschleifen im Gehirn, sodass Betroffene entweder Glücksgefühle nicht mehr natürlich erzeugen können oder Drogen als Ersatz nutzen. Therapie und Selbsthilfe sollten deshalb kleine, wiederholbare Quellen von sicheren, hormonell wirksamen Freuden (z. B. Spaziergänge, Atemübungen, kleine soziale Ritualen) systematisch wieder einbauen und zwar langsam, dosiert und mit Rücksicht auf Trigger. - Physical Needs (physische Grundbedürfnisse: Nahrung, Schlaf, Bewegung, Unterkunft, Wasser)
Körperliche Stabilität ist die Grundlage für jedes psychische Arbeiten. Hunger, Schlafmangel und Über- oder Unterbewegung verschärfen Flashbacks, Impulsivität und Suchtdruck. Bei komplexen Traumata sind diese Basics häufig langfristig gestört (z. B. durch Schlafstörungen, Essprobleme oder Wohninstabilität). Praktische Schritte (Schlafhygiene, regelmäßige Mahlzeiten, behutsames Bewegungsprogramm, medizinische Versorgung) reduzieren Stress-Reaktivität und schaffen die Voraussetzungen, damit psychotherapeutische Interventionen überhaupt greifen können. - Sex (Sexualität & Intimität)
Sexualität ist ein biologisches und relationales Bedürfnis. Bei traumatisierten Menschen ist es oft ambivalent besetzt. Einerseits kann Intimität ein Trigger sein, andererseits kompensieren manche Menschen Bindungsdefizite durch riskantes Sexualverhalten oder Sex als Ersatz für Nähe. In Suchtkontexten kann Sexualität zugleich als Auslöser oder Coping-Strategie dienen. Wichtige Ziele sind sichere Grenzsetzung, langsame Wiedereroberung von körperlicher Autonomie, konsensuelle Sexualaufklärung und therapeutische Arbeit an Scham, Schuld und Selbstwahrnehmung. - Relationship (Beziehungen: Bindung, Authentizität, Vertrauen)
Beziehungen sind der Kern von komplexem Trauma. Was in der Kindheit an verlässlicher Bindung fehlte, ist die Hauptursache chronischer Dysregulation. Menschen mit Sucht suchen häufig Beziehungen, die kurzfristig beruhigen, aber langfristig instabil sind. Die Therapie fokussiert sich deshalb auf sichere, konsistente Beziehungen, kleine Schritte von Verlässlichkeit, transparente Kommunikation, Übung in Authentizität und Wiederaufbau von Vertrauen. Dies beginnt oft zuerst innerhalb des therapeutischen Rahmens. Gruppen- und Peer-Arbeit können hier besonders hilfreich sein. - Love (Liebe: Akzeptanz, Bestätigung, Fürsorge)
„Geliebt werden“ in Form von Annahme und Bestätigung heilt Wunden nachhaltig. Für Traumafolgen und Suchterkrankungen ist dies besonders relevant, denn fehlende oder inkonsistente Fürsorge erzeugt innere Leere, die Substanzen oder zwanghafte Verhaltensweisen füllen sollen. Therapeutisches Reparenting, Selbstfürsorge-Übungen und sichere soziale Netze arbeiten darauf hin, das innere Erleben von Wertigkeit zu stärken und damit den Drang nach äußerer, riskanter Befriedigung zu verringern. - Safety (Sicherheit: physisch, emotional, relational)
Sicherheit ist die nicht verhandelbare Grundlage: ohne gefühlte und reale Sicherheit bleibt das Nervensystem in Alarmbereitschaft, was Suchtdruck und impulsives Verhalten verstärkt. Komplex Traumatisierte brauchen oft explizite, wiederholte Erfahrungen von Konsistenz (Vorhersehbarkeit), klare Grenzen und Schutzräume, inklusive stabiler Wohn- und Behandlungsstrukturen, Krisenplänen und Zugang zu medizinischer Versorgung. Sicherheit muss praktisch gestaltet werden, bevor tiefergehende Traumaarbeit sinnvoll möglich ist. - Purpose (Sinn & Zweck: Arbeit, Beitrag, Lernen)
Ein Gefühl von Sinn stabilisiert Identität und reduziert Rumination und Zeiten, in denen nichts passiert, die wiederum Suchtverlangen befeuern. Für Betroffene komplexer Traumata ist die Rückgewinnung eines lebenspraktischen und wertebasierten Zwecks oft heilsam. Das sind unter anderem kleine, erreichbare Aufgaben, Lernen neuer Fähigkeiten oder ehrenamtliches Engagement. Diese erhöhen die Selbstwirksamkeit und ersetzen kurzfristige Belohnungsquellen. Therapie und Reha-Programme sollten sinn-orientierte Aktivitäten systematisch integrieren. - Rest & Downtime (Ruhe, Erholung, Spiel)
Ruhe ist kein Luxus, sondern ein Bedürfnis. Chronische Übererregung durch Trauma macht Erholung schwer erreichbar, und Erschöpfung kann zu Rückfällen führen. Strukturierte Erholungsangebote (schützende Pausen, geplante Freizeit, kreative Tätigkeiten) helfen, das Nervensystem zu beruhigen. Für Suchtbetroffene sind gesunde „Ersatz-Rituale“ (Musik, leichte Hobbys, sanfte Bewegung) besonders wichtig, weil sie Alternativen zu Substanz-gestützter Erholung bieten. - Beauty (Schönheit, ästhetische Erfahrungen, Natur)
Erlebnisse von Schönheit (Natur, Kunst, Musik) aktivieren positive Emotionen und können starke, nonverbale Heilungsimpulse liefern. Für Menschen mit Traumafolgen schaffen solche Erfahrungen kurzfristige Befreiung aus dem inneren Alarmzustand und fördern Verbindung zu etwas Größerem als dem Symptom. In der Suchtarbeit dienen ästhetische Praktiken als sichere Gegenpole zu destruktiven Coping-Strategien und als Ressourcenquelle für Resilienz. - Awe (Ehrfurcht / Staunen)
Momente von Ehrfurcht reduzieren den Selbstfokus und können neurobiologisch helfend sein (Sensorische Umstrukturierung, Perspektivwechsel). Für traumatisierte Menschen sind vorsichtig herbeigeführte „Awe“-Erlebnisse (z.B. Natur, geführte Meditationen, achtsame Rituale) eine Möglichkeit, neue, sichere Narrative zu erleben. Bei Suchtgefährdung bieten solche Erfahrungen langfristig stabilisierende Sinneserfahrungen, die weniger anfällig für Rückfallmuster sind. - Spirituality (Spiritualität / Werte / Sinnesrahmen)
Spirituelle Überzeugungen oder eine wertebasierte Lebenshaltung können stabile Orientierungsrahmen schaffen, die bei der Rückfallprophylaxe und bei Sinnkrisen helfen. Bei Menschen mit komplexen Traumata sollte Spiritualität ressourcenorientiert und nicht dogmatisch integriert werden, z.B. Achtsamkeit, Dankbarkeit, Gemeinschaftsrituale oder die Arbeit an einer gesunden Beziehung zu größeren Sinnvorstellungen. Viele Programme für Trauma- und Suchtintegration nutzen spirituelle Ressourcen als ergänzende Stabilitätsquelle. - Contentment (Zufriedenheit / innerer Frieden)
Ziel ist nicht permanentes Glück, sondern ein tragfähiges Gefühl von innerer Genügsamkeit. Wenn mehrere der anderen Bedürfnisse zuverlässig erfüllt sind, sinkt die innere Unruhe, das Grübeln und der Suchtdruck. Für Menschen mit komplexer Traumafolgestörung ist das schrittweise Training von Gelassenheit (Achtsamkeitsübungen, stabilisierende Routinen, soziale Absicherung) ein Kernprozess der Rückgewinnung. Zufriedenheit wirkt wie ein natürlicher Rückfall-Puffer, sie muss jedoch realistisch und systematisch aufgebaut werden.
Das waren die 12 basic needs nach Tim Fletcher. Ich möchte noch einmal auf eine wichtige Implikationen hinweisen. Sicherheit (physisch + psychologisch) muss zuerst oder parallel adressiert werden, sonst bleibt das Nervensystem in Alarm und die Therapie kann ineffektiv bleiben. Die Bedürfnisarbeit ist praktisch: Routinen, klare Grenzen, Vorhersehbarkeit, regelmäßige Pflege (Essen, Schlaf, Bewegung) und Schritte zu sozialer Verlässlichkeit reduzieren Rückfallrisiken. Das Re-Engagement mit natürlicher Freude (Pleasure), Beziehungstraining und Sinnarbeit sind Schutzfaktoren gegen Sucht-Rückfälle. Substanzen ersetzen zwar kurzfristig, zerstören aber langfristig genau die Quellen echten Wohlbefindens.
Schlusswort
Trauma und Sucht sind oft eng miteinander verflochten. In vielen Fällen ist Sucht kein eigenständiges Problem, sondern ein Versuch, mit seelischem Schmerz oder innerer Leere umzugehen, ein Bewältigungsversuch, der kurzfristig stabilisiert, langfristig jedoch zusätzlichen Schaden anrichtet. Darum braucht es eine integrierte Behandlung, die Trauma und Sucht gleichzeitig berücksichtigt. Der erste Schritt ist immer die Herstellung von Sicherheit und physischer Stabilität. Ohne ein stabiles Fundament greifen tiefere therapeutische Interventionen ins Leere. Erst wenn Sicherheit im Innen und Außen spürbar ist, kann echte Veränderung beginnen.
Zentral in Tim Fletchers Ansatz ist das systematische Arbeiten an den eigenen Bedürfnissen. Schritt für Schritt geht es darum, die grundlegenden menschlichen Bedürfnisse zu erkennen, anzuerkennen und zu nähren, ein Prozess des Reparenting, also des liebevollen Nachnährens dessen, was früher gefehlt hat. Dabei geht es nicht um Schuldzuweisung, sondern um Verantwortung und Heilung. Traumasensible Programme, verlässliche Beziehungen und das Erlernen neuer Bewältigungsstrategien (Coping Skills) bilden den Weg in Richtung Selbstregulation, Stabilität und innerer Freiheit. So kann Heilung entstehen, von innen heraus, achtsam, realistisch und mitfühlend.
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