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Bedürfnisse – Blickwinkel – Teil 6 – Rainer Sachse

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Und wieder ist ein Teil zu Ende gegangen. Beim letzten schrieb ich über Fritz Riemann, welcher die menschliche Psyche aus der Perspektive der Angst betrachtet. Aus meiner Sichtweise sind unsere Grundängste keine Störungen, sondern Wegweiser an den Rändern unserer Bedürfnisse: Nähe und Distanz, Dauer und Wandel. Wo diese Pole aus dem Gleichgewicht geraten, verfestigen sich Persönlichkeitsmuster. In anderen Worten Schutzformen, die uns Stabilität geben, aber auch unsere Freiheit begrenzen. Doch was geschieht innerhalb dieser Strukturen? Welche inneren Kräfte lenken unser Verhalten, unsere Beziehungsgestaltung, unsere Art, Bedürfnisse wahrzunehmen oder zu unterdrücken? Schauen wir da mal ein wenig näher hin. Hier setzt nämlich Rainer Sachse an.

Der Psychologe und Psychotherapeut entwickelt mit seinem Konzept der Motiv- und Schematherapie ein feineres Instrumentarium, um die Dynamik unserer inneren Bedürfnisse zu verstehen. Während Riemann die großen Spannungsfelder des Menschseins beschreibt, schaut Sachse auf die konkreten Motive, die unser Handeln antreiben und auf die Schemata, also die erlernten inneren Muster, mit denen wir versuchen, diese Motive zu erfüllen oder abzusichern. Jetzt verschiebt sich der Blick ein wenig und zwar von der existenziellen Angst hin zur psychologischen Logik, die unser Erleben formt. Es geht nicht mehr nur darum, was wir brauchen, sondern wie wir versuchen, diese Bedürfnisse zu leben und was dabei manchmal im Weg steht.

Einleitende Worte

Das von Rainer Sachse entwickelte Schema- und Motivationsmodell bildet einen zentralen Bestandteil der Klärungsorientierten Psychotherapie (KOP). Es beschreibt, wie zentrale Beziehungsmotive, also die emotional fundierten Bestrebungen nach bestimmten interpersonalen Erfahrungen, durch biographische Rückmeldungen geprägt werden. Negative, wiederholte Rückmeldungen führen zur Ausbildung dysfunktionaler Schemata, die wiederum kompensatorische Schemata nach sich ziehen. Diese Prozesse verlaufen auf zwei Ebenen: einer affektiven Ebene, in der emotionale Bedeutungen verarbeitet werden, und einer kognitiven Ebene, in der bewusste Schlussfolgerungen, Bewertungen und Regeln entstehen (Sachse, 2011).

Beziehungsmotive als Ausgangspunkt

Alles Leben ist Beziehung. Das sagte einst mal Jiddu Krishnamurti. Genau hier fängt es an. In der Beziehung offenbart sich, wer wir sind, im Kontakt mit uns selbst, mit anderen, mit der Natur, mit dem Leben selbst. Beziehung ist Bewegung, ein ständiges Werden und Vergehen, ein Lauschen und Antworten. Sie ist kein statischer Zustand, sondern ein lebendiger Prozess, der uns formt und durch den wir die Welt erfahren. Im Rahmen der KOP geht Sachse davon aus, dass Menschen über sechs zentrale Beziehungsmotive verfügen, die in früher Kindheit durch Erfahrungen mit bedeutsamen Bezugspersonen geprägt werden: Anerkennung/Akzeptierung, Wichtigkeit, Verlässlichkeit, Solidarität, Autonomie und Grenzen/Territorialität. Schauen wir uns die mal näher an.

  1. Anerkennung / Akzeptierung

    Das Bedürfnis, positives Feedback von anderen über die eigene Person oder relevante Eigenschaften zu erhalten, z.B. „Du bist ok“, „Du bist liebenswert“, „Du hast gute Fähigkeiten“, „Du bist attraktiv“, „Du bist erfolgreich“. Dieses Feedback hilft, den eigenen Selbstwert zu stärken.

  2. Wichtigkeit

    Das Bedürfnis, eine Bedeutung für andere zu haben, also für jemandes Leben wichtig zu sein. Das zeigt sich z.B. in Aussagen wie: „Du bist eine Bereicherung für mein Leben“, „Ich verbringe gerne Zeit mit dir“, „Ich höre dir zu“, „Ich nehme dich ernst“, „Ich gebe dir Aufmerksamkeit“. Wichtigkeit steht nicht für Selbstwert, sondern drückt Fremdwert aus. Man kann auch negativ wichtig sein (z. B. „Du ärgerst“, „Du störst“), was zu einem Toxizitäts-Schema führen kann („Ich bin toxisch für andere“).

  3. Verlässlichkeit

    Das Bedürfnis nach Stabilität und Beständigkeit in Beziehungen, z.B. in Botschaften wie: „Ich bleibe bei dir“, „Du kannst mir vertrauen“, „Ich bleibe, egal was passiert“. Es geht um Bindungssicherheit und Verlässlichkeit.

  4. Solidarität

    Das Bedürfnis danach, dass andere Menschen für einen da sind, wenn man sie braucht, etwa durch Hilfe bzw. Unterstützung oder indem sie Schutz leisten. Die Beziehung soll bedingungslos und zuverlässig sein; wie im Spruch: „Wenn ich dich rufe, dann kommst du!“ Botschaften sind u.a.: „Ich bin auf deiner Seite“, „Ich bin für dich da“, „Ich schütze dich“, „Ich werde dir helfen“.

  5. Autonomie

    Das Bedürfnis, eigene Entscheidungen treffen und das Leben selbst bestimmen zu können. Ebenso geht es darum, dass Interaktionspartner diese Autonomie akzeptieren und nicht in die Person eingreifen. Botschaften sind z.B. „Ich akzeptiere deine Entscheidungen“, „Das kannst du bestimmen“, „Da mische ich mich nicht ein“.

  6. Grenzen / Territorialität

    Das Bedürfnis, ein eigenes Territorium zu definieren und dass dieses respektiert wird. Es geht um persönlichen Raum, Kontrolle darüber, wer diesen betreten darf – z.B. beim Thema Zärtlichkeit, persönlichen Daten oder physischem Raum. Botschaften wie: „Das ist dein Reich“, „Ich akzeptiere deine Grenzen“, „Ich überschreite sie nur mit deiner Erlaubnis“.

Diese Motive sind emotional-affektiv fundiert. Sie zielen darauf ab, bestimmte Beziehungsqualitäten zu erleben, die für Selbstwert, Bindung und Sicherheit grundlegend sind. Erfahrungen, die ein Kind mit diesen Motiven macht, bilden die Grundlage für seine späteren Selbst- und Beziehungsschemata. Wiederholt es beispielsweise, dass sein Bedürfnis nach Anerkennung abgelehnt wird, wird daraus ein generalisiertes Muster („Ich bin nicht ok“, „In Beziehungen wird man kritisiert“).

Affektive und kognitive Ebene

Sachse betont, dass Beziehungsmotive zunächst affektiv organisiert sind. Sie äußern sich als körperlich erlebte, emotionale Impulse, etwa das Streben nach Nähe oder das Bedürfnis nach Schutz. Auf der kognitiven Ebene werden diese Motive später in sprachliche und gedankliche Formen übersetzt. Dort entstehen bewusste Erwartungen und Bewertungen, die das Verhalten leiten. Nehmen wir ein Beispiel: Das affektive Motiv „Ich möchte angenommen werden“ kann sich kognitiv als „Ich werde nur gemocht, wenn ich keine Fehler mache“ niederschlagen. Damit zeigt sich eine wechselseitige Verschränkung. Die affektive Ebene liefert den emotionalen Antrieb, die kognitive Ebene organisiert diesen Antrieb durch Regeln, Werte und Interpretationen.

Von frustrierten Motiven zu dysfunktionalen Schemata

Wie entstehen nun diese dysfunktionalen Schemata? Schemata sind nach Sachse strukturierte Wissens- und Bedeutungssysteme, die aus Erfahrungen und Schlussfolgerungen entstehen und zukünftige Informationsverarbeitung stark steuern. Sie bestehen aus drei Ebenen:

  1. Annahmen („Ich bin ein Versager“, „Beziehungen sind unsicher“),
  2. Kontingenzannahmen (Wenn-dann-Beziehungen wie „Wenn ich ein Versager bin, werde ich abgelehnt“),
  3. Bewertungsebene, auf der affektiv bewertet wird, wie schlimm diese Konsequenzen sind.

Wird ein Beziehungsmotiv wiederholt negativ beantwortet, entsteht daraus ein dysfunktionales Schema. Nehmen wir auch dazu ein Beispiel. Das Motiv nach „Anerkennung“ führt bei Abwertung zur Annahme: „Ich bin nicht ok.“ Das führt zur Kontingenz: „Wenn ich nicht ok bin, werde ich ausgestoßen.“ Daraus entsteht dann die Bewertung, also intensive Scham oder Angst. Dysfunktionale Schemata enthalten somit kognitive Verdichtungen biographischer Erfahrungen und affektive Fixierungen, die zukünftige Wahrnehmung verzerren und emotionale Reaktionen prägen. Es gibt zudem auch Selbst- und Beziehungsschemata. Sachse unterscheidet hier folgendermaßen:

  • Selbstschemata: Annahmen über die eigene Person („Ich bin wertlos“, „Ich bin unfähig“).
  • Beziehungsschemata: Annahmen über Beziehungen („In Beziehungen wird man abgelehnt“, „Andere sind nicht verlässlich“).

Beide Ebenen sind inhaltlich eng miteinander verbunden. Ein negatives Selbstschema („Ich bin nicht wichtig“) geht meist mit einem Beziehungsschema einher („Andere ignorieren mich“). Diese dysfunktionalen Schemata sind auf beiden Ebenen, kognitiv und affektiv, aktiv. Sie erzeugen automatische Gedanken und lösen gleichzeitig emotionale Reaktionen (z.B. Angst, Scham, Wut) aus.

Kompensatorische Schemata: Der Versuch des psychischen Ausgleichs

Menschen nehmen negative Schemata nicht einfach hin. Da diese mit schmerzhaften Affekten verbunden sind, versuchen sie aktiv, deren Wirksamkeit zu kompensieren. Aus diesen Kompensationsbemühungen entwickeln sich kompensatorische Schemata, die Sachse in zwei Haupttypen unterteilt:

  • Normative Schemata – Regeln für das eigene Verhalten.
  • Regel-Setzer-Schemata – Regeln, die andere befolgen sollen

Beide dienen dazu, die bedrohlichen Konsequenzen der dysfunktionalen Schemata zu verhindern. Sie beruhen also auf Vermeidungszielen, nicht auf positiven Annäherungszielen.

Normative Schemata enthalten Soll- und Muss-Regeln wie: „Ich muss erfolgreich sein.“; „Ich darf keine Schwäche zeigen.“; „Ich muss alles richtig machen.“ Sie beruhen auf der Angst, durch Fehler die negativen Schemata zu bestätigen („Wenn ich versage, bin ich wertlos“). Die Kontingenzebene dieser Schemata ist stark angstbesetzt, sie droht mit negativen Konsequenzen bei Nichtbefolgung, bietet aber keine positiven Belohnungen bei Befolgung. Diese Personen erleben ständige innere Anspannung, weil sie nie Erleichterung, sondern nur kurzfristige Angstreduktion erfahren. Regel-Setzer-Schemata enthalten Vorschriften für andere („Andere müssen mich respektieren“, „Man darf mich nicht kritisieren“).

Sachse unterscheidet hier:

  • Ich-bezogene Regel-Setzer-Schemata, die verlangen, dass andere einen bestimmten Umgang mit der eigenen Person einhalten (z. B. Respekt, Aufmerksamkeit).
  • Allgemeingültige Regel-Setzer-Schemata, die moralisch oder gesellschaftlich definierte Regeln für alle Menschen festlegen („Man hilft anderen“, „Man ist immer pünktlich“).

Auch diese Schemata sind kompensatorisch. Sie dienen der Kontrolle der Umwelt, um die Bedrohung durch alte Verletzungen abzuwehren. Beide kompensatorischen Schemaformen führen zu rigiden Interaktionsmustern, die emotionale Nähe und authentische Begegnung erschweren.

Die affektive und kognitive Dimension der Schemata

Sachse betont, dass Schemata nie rein kognitiv oder rein affektiv sind. Auf der kognitiven Ebene finden sich sprachlich repräsentierte Überzeugungen, Bewertungen und Regeln. Auf der affektiven Ebene liegen körperlich erlebte, oft unbewusste Bedeutungen und Reaktionsmuster, die unmittelbar auf Beziehungserfahrungen zurückgehen. Eine rein kognitive Bearbeitung bleibt oft wirkungslos, solange die affektive Komponente, das implizite emotionale Erleben, nicht zugänglich ist. Deshalb spielt in der KOP das Focusing (Sachse, 2008) eine wichtige Rolle, um affektive Schemata in kognitive Repräsentationen zu übersetzen. Focusing bedeutet hier die Aufmerksamkeit auf das innere Erleben zu lenken, um es zu aktivieren, zu differenzieren und zu klären.

Fazit

Sachses Modell beschreibt einen entwicklungspsychologisch und motivationspsychologisch kohärenten Prozess. Aus den Erfahrungen mit zentralen Beziehungsmotiven entstehen durch wiederholte negative Rückmeldungen dysfunktionale Schemata, die über affektive und kognitive Prozesse das Erleben prägen. Kompensatorische Schemata dienen der Abwehr dieser negativen Selbst- und Beziehungskonstruktionen, stabilisieren aber zugleich die Problematik. Die Herausforderung besteht darin, den Zugang zu den ursprünglichen affektiven Motiven wiederherzustellen, die hinter den kognitiven Schutzmechanismen verborgen liegen und so die Möglichkeit zu authentischer, beziehungsfähiger Selbstregulation zu eröffnen.

Literatur:

  • Sachse, R. (2008). Klärungsorientierte Psychotherapie: Konzepte, Diagnostik und Intervention. Göttingen: Hogrefe.
  • Sachse, R. (2011). Klärungsorientierte Psychotherapie: Manual der therapeutischen Vorgehensweise. Göttingen: Hogrefe.

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