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Bedürfnisse – Blickwinkel – Teil 10 – Deci & Ryan

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Im Teil 9 schrieb ich über Tim Fletcher und seine 12 grundlegenden Bedürfnisse, die als zentrale Orientierung in der Arbeit mit Trauma und Sucht dienen. Fletcher beschreibt, wie unerfüllte Bedürfnisse nach Sicherheit, Zugehörigkeit, Autonomie oder Sinn zu dysfunktionalen Bewältigungsstrategien führen können, etwa zu Suchtverhalten, emotionaler Abspaltung oder innerer Leere. Sein Ansatz betont, dass Heilung nicht über Kontrolle, sondern über Selbstfürsorge, Reparenting und das nachträgliche Nähren dieser Bedürfnisse geschieht.

Im nächsten Schritt möchte ich die Perspektive von Edward Deci und Richard Ryan aufgreifen, die mit ihrer Selbstbestimmungstheorie (Self-Determination Theory, SDT) ein wissenschaftlich fundiertes Modell geschaffen haben, das ebenfalls auf menschlichen Grundbedürfnissen aufbaut. Ihre Theorie zeigt, dass die Befriedigung von Autonomie, Kompetenz und sozialer Eingebundenheit essenziell für Motivation, psychisches Wohlbefinden und persönliche Entwicklung ist und damit eine moderne psychologische Entsprechung zu dem darstellt, was Fletcher auf erfahrungsorientierter Ebene beschreibt.

Entstehung und Grundlagen der Theorie

Die SDT entstand in den 1970er-Jahren aus Experimenten über intrinsische Motivation, also jenes Verhalten, das Menschen aus eigenem Interesse und Freude ausführen. Edward Deci zeigte bereits 1975, dass externe Belohnungen (z. B. Geld oder Druck) die intrinsische Motivation verringern können, wenn sie als kontrollierend erlebt werden. Gemeinsam mit Ryan entwickelte er daraus ein umfassendes Modell menschlicher Motivation, das biologische, soziale und psychologische Dimensionen integriert (Deci & Ryan, 2000).

Im Zentrum steht die Annahme, dass Menschen von Natur aus aktiv, neugierig und wachstumsorientiert sind, sofern die Umwelt Bedingungen schafft, die diese Entwicklung fördern. Entscheidend sind dabei drei grundlegende psychologische Bedürfnisse: Autonomie, Kompetenz und soziale Eingebundenheit (Relatedness). Werden diese erfüllt, gedeihen Menschen psychisch, sozial und körperlich; werden sie chronisch frustriert, drohen Rückzug, Entfremdung und psychische Störungen (Ryan & Deci, 2000; Ryan, Sheldon & Reis, 1996). Aktiv, neugierig und wachstumsorientiert. Dies zusammen spräche für intrinsisch motiviert. Dafür unterschieden sie verschiedene Arten von Motivation.

Arten der Motivation

Die SDT unterscheidet verschiedene Arten von Motivation auf einem Kontinuum von Fremdbestimmung zu Selbstbestimmung:

  1. Amotivation – völliges Fehlen von Absicht oder Sinn; häufig Folge von Überforderung, Ohnmacht oder fehlender Wirksamkeitserfahrung. Dies kommt oft in der Aussage von „Ich sehe keinen Sinn. Es bringt eh nichts.“ Eine Patientin mit Depression sitzt im Aufenthaltsraum. Die Therapeutin schlägt einen Spaziergang vor. Ihre Antwort: „Wozu? Es ändert ja doch nichts.“ Hier fehlt nicht der Wille im klassischen Sinne, sondern die Erfahrung von Wirksamkeit. Sie hat innerlich aufgegeben. Typisch im klinischen Alltag ist dies zu finden bei Depression, Burnout, chronischer Überforderung oder erlernter Hilflosigkeit. Hier ist das Bedürfnis nach Kompetenz ist massiv frustriert.

  2. Extrinsische Motivation – Verhalten wird von äußeren Faktoren gesteuert, etwa Belohnungen, sozialem Druck oder Normen. Sie reicht von

    externer Regulation (Belohnung/Zwang). Dies erscheint manchmal in dem Satz „Ich mache es, weil ich muss.“ Aus meiner Erfahrung als Trainingstherapeut macht ein Patient nach einer Bandscheiben-OP seine Übungen. Warum eigentlich? „Der Arzt hat gesagt, ich muss das machen, sonst wird es nicht besser.“ Er trainiert, aber nur wegen Druck oder möglicher negativer Konsequenzen. Wenn der Druck wegfällt, hört er vermutlich auf. Hier fehlt es an Autonomie. Es gibt wenig innere Zustimmung.

    über introjizierte Regulation (innere Verpflichtung, Schuldgefühle). Hier wird es ziemlich interessant. Hier kommen verinnerlichte Glaubenssätze, womit wir auch in PEP nach Michael Bohne arbeiten. Diese Sätze können die Form von „Ich sollte. Sonst bin ich faul / schlecht / schwach“ annehmen. Eine Patientin geht joggen. Warum tut sie das? „Ich darf auf keinen Fall zunehmen. Ich muss diszipliniert sein.“ Hier wirkt kein äußerer Zwang mehr, sondern innerer Druck, Schuld und Scham. Das Verhalten fühlt sich nicht frei an, sondern getrieben. Auch hier gibt es geringe Autonomie. Der Selbstwert ist an Leistung gekoppelt und die Zugehörigkeit zu anderen steht auf unsicheren Beinen.

    bis identifizierte Regulation (bewusste Übernahme eines Wertes). Hier entsteht die erste positive Wandlung. Es zeigt sich in Sätzen wie, „Ich sehe ein, dass es gut für mich ist.“ Ein Mann mit sozialer Angst besucht trotz starker Anspannung eine Gruppensitzung. Warum? „Ich weiß, dass ich mich meinen Ängsten stellen muss, um freier zu werden.“ Er handelt bewusst aus einem persönlich anerkannten Wert heraus. Es ist noch nicht lustvoll, aber innerlich bejaht. Hier nimmt die Autonomie zu. Es wird zum ersten Mal Sinn erlebt. Daraus darf sich dann mehr und mehr Kompetenz entwickeln.

    und integrierte Regulation (vollständige Integration in das Selbstkonzept). „Das bin ich.“ So klingt es, wenn ein Mensch aus dem Hadern mit sich selbst immer mehr herauskommt. Ein Patient mit einer Suchtthematik, alkoholabhängig, lebt seit zwei Jahren abstinent. Warum bleibt er abstinent? „Nüchtern zu leben gehört zu mir. Ich will klar und präsent sein.“ Die Abstinenz ist kein Kampf mehr. Sie ist Teil seiner Identität geworden. Hier ist das Bedürfnis nach Autonomie zum ersten Mal sehr hoch entwickelt. Es besteht zum ersten Mal Selbstkongruenz, d.h. ein Übereinstimmen von Wollen und Handeln. Dies führt über Dauer zum einem stabilen Selbstgefühl.

  3. Intrinsische Motivation – Handeln aus Freude, Interesse und innerem Antrieb. „Ich mache es, weil es sich lebendig anfühlt.“ Ein Patient mit traumatischen Erfahrungen bewegt sich zunächst zögerlich im Raum. Nach einiger Zeit beginnt er frei zu improvisieren. Nach der Feldenkraisstunde sagt er: „Ich habe mich das erste Mal seit Jahren gespürt.“ Er tanzt nicht explorativ im Raum, weil er muss. Nicht, weil es therapeutisch sinnvoll ist. Sondern weil es sich stimmig und lebendig anfühlt. Hier sind alle drei psychologischen Grundbedürfnisse erfüllt. Autonomie im Sinne von „Ich darf so sein.“ Kompetenz durch körperlichen Ausdruck, „Ich kann mich ausdrücken“ und Verbundenheit mit anderen, „Ich werde gesehen.“

Je stärker Motivation selbstbestimmt ist, desto mehr korreliert sie mit Vitalität, Kreativität, Leistungsfähigkeit und psychischem Wohlbefinden (Deci & Ryan, 2000). Und genau das hat mit den drei Bedürfnissen zu tun, die Deci und Ryan untersuchten.

Die drei psychologischen Grundbedürfnisse

  1. Autonomie

    Autonomie bedeutet, dass Handlungen als selbstbestimmt und freiwillig erlebt werden. Sie steht nicht für Unabhängigkeit, sondern für ein inneres Gefühl von Wahlfreiheit und Selbstverantwortung (Ryan & Deci, 2000). In der Kindheit entwickelt sich Autonomie, wenn Bezugspersonen Wahlmöglichkeiten bieten und die Perspektive des Kindes ernst nehmen. Wird das Bedürfnis unterdrückt (z. B. durch Kontrolle, Strafe oder Liebesentzug), kann sich ein Gefühl von Ohnmacht oder Rebellion entwickeln.

  2. Kompetenz

    Dieses Bedürfnis beschreibt das Streben, effektiv zu handeln, Herausforderungen zu meistern und Fähigkeiten zu erweitern (Harter, 1978). Kinder lernen Kompetenz, wenn sie explorieren dürfen und für Anstrengung, nicht nur für Erfolg, ermutigt werden. Fehlende Unterstützung oder ständige Kritik führen zu Hilflosigkeit und Selbstzweifeln. Martin Seligman prägte den Begriff “erlernte Hilflosigkeit”, um zu beschreiben, wie wiederholte negative Erfahrungen dazu führen, dass Individuen lernen, dass sie in bestimmten Situationen machtlos sind und nicht mehr versuchen, diese zu beeinflussen.

  3. Eingebundenheit (Relatedness)

    Menschen brauchen stabile, fürsorgliche Beziehungen und das Gefühl, von anderen verstanden, akzeptiert und geschätzt zu werden. Frühe Bindungserfahrungen prägen, ob Menschen später Nähe zulassen und Vertrauen aufbauen können. Fehlende Verbundenheit führt oft zu Einsamkeit, Sucht oder Kompensationsverhalten (Bowlby, 1979).

Kindheit und Bedürfniswurzeln

Die Wurzeln der drei Bedürfnisse liegen tief in der frühen Entwicklung. Eltern, die Autonomie unterstützen, fördern intrinsische Motivation und Selbstregulation. Kinder, deren Kompetenz anerkannt wird, entwickeln Selbstvertrauen und Lernfreude. Fehlt Eingebundenheit, kann das Vertrauen in sich selbst und andere nachhaltig gestört werden. SDT versteht daher Erziehung und soziale Kontexte als zentrale Nährböden oder Hemmer psychischer Gesundheit. Was ist der Fall, wenn dieser Nährboden nicht vorhanden ist?

Folgen unbefriedigter Bedürfnisse

Wenn die drei Grundbedürfnisse chronisch frustriert sind, entstehen Entfremdung, Motivationsverlust und psychisches Leiden. Ryan und Deci (2000) beschreiben diese Zustände als Formen von Amotivation oder Entfremdung. Menschen fühlen sich dann fremdbestimmt, leer oder erschöpft. Studien zeigen, dass mangelnde Autonomie und soziale Unterstützung in Arbeit, Schule oder Partnerschaft mit geringerer Vitalität, höherem Stress und geringem Wohlbefinden korrelieren (Ryan, Sheldon & Reis, 1996; Baard, Deci & Ryan, 1998). Jetzt frage ich mich aber schon, kann ich denn diese Bedürfnisse nachentwickeln, wenn sie in der Kindheit frustriert wurden? Meine Antwort darauf ist ein klares Ja.

Praxisbeispiel: Entwicklung der drei Bedürfnisse bei chronischen Rückenschmerzen 

Nehmen wir einen Menschen mit chronischen Rückenschmerzen. In der Tag kann ich da selbst sehr gut mitgehen. Mit ca. 28 Jahren war dies bei mir der Fall. Seit Jahren wechseln sich Schmerzphasen, Arztbesuche und unterschiedliche Therapien ab. Die innere Haltung lautet irgendwann: „Es bringt ja doch nichts.“ Wir befinden uns hier im Bereich der Amotivation. Das Bedürfnis nach Kompetenz ist stark frustriert, wiederholte Misserfolge haben das Gefühl von Wirksamkeit untergraben. Oft ist auch die Autonomie eingeschränkt, „Ich bin meinem Körper ausgeliefert“, und nicht selten leidet die soziale Eingebundenheit, weil Rückzug, Gereiztheit oder Scham hinzukommen. Vielleicht beginnt die Person mit Übungen, weil der Arzt es empfiehlt. „Ich soll das jetzt machen.“ Das Verhalten ist fremdbestimmt. Therapeutisch kann hier bereits ein erster entscheidender Schritt geschehen. Die Therapeutin erklärt verständlich den Zusammenhang zwischen Bewegung und Schmerzregulation, hört die Bedenken an und würdigt die bisherigen Erfahrungen. Die Kompetenz wird gefördert durch kleine, erreichbare Schritte, „Wir probieren heute nur fünf Minuten.“. Die Autonomie wird unterstützt, indem Wahlmöglichkeiten angeboten werden, „Möchten Sie im Sitzen oder im Stand beginnen?“. Eingebundenheit entsteht durch das Erleben: „Ich werde ernst genommen.“

Der Druck von außen beginnt sich langsam nach innen zu verlagern. Mit der Zeit macht die Person die Übungen vielleicht aus einem inneren Antreiber heraus: „Ich darf nicht so schwach sein.“ Hier wirkt Scham oder Selbstkritik. Therapeutisch, oder auch in Selbstreflexion, wäre es nun wichtig, diese inneren Sätze bewusst wahrzunehmen. Zum Beispiel durch das Aufschreiben automatischer Gedanken oder durch achtsames Spüren während der Bewegung, „Aus welcher Haltung heraus tue ich das gerade?“. Die Autonomie wächst, wenn der Mensch z.B. erkennt: „Ich muss mich nicht antreiben, um wertvoll zu sein.“ Kompetenz entsteht durch Selbstbeobachtung: „Ich kann meine inneren Muster erkennen.“ Eingebundenheit vertieft sich, wenn Mitgefühl für sich selbst entwickelt wird oder wenn therapeutische Resonanz neue Beziehungserfahrungen ermöglicht.

Ein Wendepunkt entsteht, wenn die Person bewusst zustimmt: „Ich verstehe, dass Bewegung meinem Rücken langfristig hilft.“ Die Übungen sind noch nicht lustvoll, aber sinnvoll. Hier kann man gezielt Ressourcen stärken. Fortschritte dokumentieren, Beweglichkeit vergleichen, Schmerzverläufe beobachten. Kleine Erfolge werden sichtbar gemacht. Kompetenz wird zum ersten Mal konkret erfahrbar, „Ich kann Einfluss nehmen.“ und die Autonomie zeigt sich im inneren Einverständnis „Ich entscheide mich dafür“. Auch die Eingebundenheit kann durch Gruppentraining oder Austausch mit anderen Betroffenen wachsen. In einem nächsten Schritt wird diese Praxis Teil des Selbstkonzepts. Mit der Zeit kann Bewegung zu einem Teil der Identität werden: „Ich bin jemand, der gut für seinen Rücken sorgt.“ Die Übungen sind nicht mehr Therapie, sondern Selbstfürsorge. Rückschläge werden nicht mehr als persönliches Versagen interpretiert, sondern als Teil eines Prozesses. Die Autonomie ist hoch, weil Handeln und innere Haltung übereinstimmen. Kompetenz stabilisiert sich durch wiederholte Wirksamkeitserfahrungen. Eingebundenheit vertieft sich, wenn der Mensch sich selbst als verlässlich erlebt und möglicherweise andere inspiriert.

Und Schließlich kommt es vielleicht zum Satz nach Moshe Feldenkrais, “Bewegung ist Leben”. Im günstigsten Fall entsteht sogar richtig viel Freude an Bewegung: „Es tut gut, mich zu bewegen.“ Vielleicht entdeckt die Person eine Form von Tanz, Yoga oder achtsamer Körperarbeit, die nicht nur funktional ist, sondern lebendig macht. Hier sind alle drei Bedürfnisse erfüllt: Autonomie: „Ich bewege mich, weil ich es will.“ Kompetenz: „Mein Körper reagiert, ich kann etwas gestalten.“ Eingebundenheit: „Ich fühle mich mit meinem Körper und vielleicht mit anderen verbunden.“ Dieses Beispiel zeigt, dass die drei Bedürfnisse sich nicht abstrakt entwickeln, sondern in konkreten Erfahrungen. Durch Wahlmöglichkeiten, realistische Herausforderungen und tragfähige Beziehungen, sei es in Psychotherapie, in einer Gruppe oder in achtsamer Selbstpraxis, kann selbst bei chronischem Schmerz wieder Selbstwirksamkeit, innere Zustimmung und Verbundenheit entstehen. Genau darin liegt das transformierende Potenzial der Selbstbestimmungstheorie.

Fazit

Die Selbstbestimmungstheorie bietet einen klaren Rahmen, um Motivation und Wohlbefinden zu verstehen. Sie zeigt, dass Menschen nicht nur nach äußerem Erfolg, sondern nach innerer Stimmigkeit und psychischer Nahrung suchen. Autonomie, Kompetenz und Eingebundenheit sind keine Luxusbedürfnisse, sondern universelle Bedingungen eines erfüllten Lebens und ihre Pflege beginnt in der Kindheit.

Literatur:

  • Baard, P. P., Deci, E. L., & Ryan, R. M. (1998). Intrinsic need satisfaction: A motivational basis of performance and well-being in work settings. Fordham University.
  • Bowlby, J. (1979). The making and breaking of affectional bonds. London: Tavistock Publications.
  • Harter, S. (1978). Effectance motivation reconsidered: Toward a developmental model. Human Development, 21, 34–64.
  • Reis, H. T., Sheldon, K. M., Gable, S. L., Roscoe, J., & Ryan, R. M. (2000). Daily Well-Being: The Role of Autonomy, Competence, and Relatedness. Personality and Social Psychology Bulletin, 26(4), 419-435. https://doi.org/10.1177/0146167200266002 (Original work published 2000)
  • Ryan, R. M., & Deci, E. L. (2000). Self-determination theory and the facilitation of intrinsic motivation, social development, and well-being. American Psychologist, 55(1), 68–78. https://doi.org/10.1037/0003-066X.55.1.68
  • Sheldon, K. M., Ryan, R., & Reis, H. T. (1996). What Makes for a Good Day? Competence and Autonomy in the Day and in the Person. Personality and Social Psychology Bulletin, 22(12), 1270-1279. https://doi.org/10.1177/01461672962212007

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