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Aufhören, das Leben zu kontrollieren

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Aufhören, das Leben zu kontrollieren?!? Das Leben kontrollieren? Das funktioniert? Das war leicht rhetorisch. Na ja, eigentlich nicht wirklich, aber dennoch tun es täglich Millionen von Menschen, mit der Annahme, das es funktioniert. Es nicht zu kontrollieren, scheint diametral das Gegenteil zu sein. Ob dies mal nicht in Zwang ausartet. Komplexität reduzieren scheint mir doch von Moment zu Moment eine wirklich nutzbringende Ressource zu sein. Manchmal habe ich den Eindruck, dass wir unser Leben immer komplizierter machen, obwohl wir uns eigentlich nach Einfachheit sehnen. Wir analysieren Gespräche, planen den nächsten Schritt, überlegen, wie wir wirken, wie wir Missverständnisse vermeiden, wie wir gemocht werden, wie wir Konflikte verhindern oder Anerkennung bekommen. Ein großer Teil unserer Aufmerksamkeit richtet sich nach außen. Wir beobachten, vergleichen, optimieren und passen uns an. Dabei entsteht eine Form von Komplexität, die weniger mit der Welt als mit unserer Beziehung zur Welt zu tun hat. Viele unserer Handlungen folgen einer stillen Logik des Um-zu. Ich bin freundlich, um gemocht zu werden. Ich arbeite viel, um wertvoll zu sein. Ich schweige, um keinen Konflikt auszulösen. Ich passe mich an, um dazuzugehören. Ich kontrolliere, um Sicherheit zu gewinnen.

Diese Um-zu-Handlungen sind zunächst nichts Ungewöhnliches. Natürlich verfolgen wir Ziele. Wir kochen, um satt zu werden. Wir fahren Auto, um an einen Ort zu gelangen. Zweckgerichtetes Handeln gehört zum Leben. Problematisch wird es dort, wo nicht nur einzelne Handlungen, sondern unser gesamtes Selbst zu einem Instrument wird. Dann wird Freundlichkeit zur Strategie, Leistung zur Existenzberechtigung und Beziehung zum Mittel gegen Einsamkeit. Wir hören auf, einfach zu sein, und beginnen, uns selbst zu benutzen. Je mehr Anteile unseres Selbst damit beschäftigt sind, die Außenwelt zu steuern, desto größer wird die innere Komplexität. Denn jede Strategie verlangt nach weiterer Beobachtung. Wie reagiert mein Gegenüber? Was denkt er jetzt? Muss ich mich anders verhalten? Habe ich genug getan? Sollte ich noch mehr geben? Jede Antwort erzeugt neue Fragen. Jede Kontrolle verlangt nach noch mehr Kontrolle. Vielleicht liegt die eigentliche Komplexitätsreduktion deshalb gar nicht darin, weniger Informationen zu verarbeiten oder bessere Zeitmanagementmethoden zu entwickeln. Vielleicht beginnt sie viel früher. Nämlich dort, wo wir aufhören, unser Leben ausschließlich als Projekt der Kontrolle zu verstehen.

Komplexität reduziert sich, wenn wir nicht länger versuchen, jede Unsicherheit über Kontrolle des Außen zu lösen, sondern lernen, uns wieder von innen heraus zu orientieren. Aus dieser Perspektive bedeutet Einfachheit nicht weniger Denken, sondern weniger Selbstinstrumentalisierung. Nicht weniger Handeln, sondern weniger Handeln gegen uns selbst. Erich Fromm (1999) unterschied zwei grundlegende Weisen des Lebens: den Haben-Modus und den Sein-Modus. Im Haben-Modus wird das Leben ständig funktional. Beziehungen, Wissen, Erfolg oder sogar Spiritualität werden zu Dingen, die man besitzen oder einsetzen kann. Das taucht immerzu die Frage auf, “Was bringt mir das?” oder “Wie kann ich dadurch sicherer, erfolgreicher oder liebenswerter werden?”. Genau hier entsteht enorme Komplexität. Denn wer ständig versucht, das Leben für einen Zweck zu benutzen, muss unaufhörlich planen, vergleichen und kontrollieren. Der Sein-Modus hingegen verzichtet nicht auf Ziele, sondern verändert die Grundhaltung. Beziehungen werden nicht geführt, um etwas zu bekommen, sondern weil Begegnung selbst wertvoll ist. Komplexitätsreduktion entsteht hier nicht durch Vereinfachung der Welt, sondern durch den Abschied von ihrer permanenten Instrumentalisierung. Und in genau in diesem Seins-Modus entsteht erst ein Raum, in dem Resonanz entstehen kann.

Hartmut Rosa (2016) beschreibt die Moderne als eine Kultur der Steigerung. Wir möchten mehr erleben, mehr erreichen, mehr kontrollieren und immer effizienter werden. Gleichzeitig versuchen wir, die Welt verfügbar zu machen. Alles soll planbar, steuerbar und optimierbar sein. Doch Resonanz lässt sich nicht erzwingen. Ein tiefes Gespräch, ein berührendes Musikstück oder ein Moment in der Natur entstehen gerade dann, wenn wir aufhören, sie herstellen zu wollen. Je mehr wir versuchen, Resonanz zu produzieren, desto mehr entzieht sie sich uns. Das Komplexe zu reduzieren bedeutet, die Beziehung zur Welt von Kontrolle auf Antwortfähigkeit umzustellen. Statt ständig zu fragen: Wie bekomme ich das?, entsteht die offenere Frage: Was begegnet mir gerade? Martin Buber (1984) unterscheidet zwischen Ich-Es und Ich-Du. In der Ich-Es-Beziehung wird der andere zum Objekt. Er erfüllt Funktionen, bestätigt unser Selbstbild oder hilft uns, Bedürfnisse zu befriedigen. Beziehungen werden dadurch zwangsläufig komplex, weil wir ständig ihre Wirkung beobachten und regulieren müssen. Im Ich-Du dagegen begegnen sich zwei Menschen, ohne sich gegenseitig zu benutzen. Natürlich verschwinden Bedürfnisse dadurch nicht. Aber sie bestimmen nicht länger jede Begegnung. Die Beziehung muss nicht permanent kontrolliert werden. Komplexität reduziert sich, weil Präsenz wichtiger wird als Strategie. Diese Präsenz ist es, die in der Unmittelbarkeit des Moments stattfindet.

Carl Rogers (1995) beschrieb den organismischen Bewertungsprozess als die Fähigkeit des Menschen, sich an seinem unmittelbaren Erleben zu orientieren. Kinder verfügen zunächst über diesen inneren Kompass. Erst durch Bedingungen der Wertschätzung lernen sie, dass bestimmte Gefühle oder Verhaltensweisen akzeptiert werden und andere nicht. Roger zielt deshalb nicht auf bessere Kontrolle, sondern auf die Wiederentdeckung einer inneren Orientierung, die weniger Berechnung und mehr Vertrauen ermöglicht. Eugene Gendlin (1997) zeigte mit seinem Konzept des Felt Sense, dass der Körper Situationen als Ganzes erfassen kann, bevor wir sie vollständig begrifflich verstehen. Dieses implizite Wissen reduziert Komplexität auf erstaunliche Weise. Wer ausschließlich über Vor- und Nachteile nachdenkt, produziert häufig immer neue Gedankenschleifen. Wer dagegen innehält und spürt, wie sich eine Entscheidung körperlich anfühlt, entdeckt oft eine Richtung, die sich stimmig anfühlt, obwohl sie noch nicht vollständig erklärt werden kann. Komplexitätsreduktion bedeutet hier nicht weniger Information, sondern den Zugang zu einer Form von Wissen, die nicht erst durch endlose Analyse entstehen muss.

Der Körper ist wie ein lebendiger Prozess, der sich ständig entsprechend seiner Beziehung zur Umwelt formt. Wiederholte Anpassungen werden mit der Zeit zu verkörperten Mustern. Wir halten Spannung, ziehen uns zurück oder machen uns größer. Das ist alles nicht zufällig, sondern weil diese Formen einmal hilfreich waren. Viele dieser Muster verfolgen ein verborgenes Um-zu: Ich halte mich klein, um nicht aufzufallen. Ich spanne mich an, um Kontrolle zu behalten. Ich lächle, um Konflikte zu vermeiden. Mit jeder chronischen Form wächst jedoch auch die innere Komplexität, weil enorme Energie in ihre Aufrechterhaltung fließt. Entwicklung entsteht dort, wo wir diese Formen wahrnehmen und wieder variabler werden. Weniger Kontrolle bedeutet dann zugleich mehr Lebendigkeit. Karl Fristons Theorie der Active Inference beschreibt das Gehirn als ein System, das ständig versucht, Unsicherheit zu reduzieren (Friston et al, 2017). Dabei gibt es grundsätzlich zwei Möglichkeiten. Entweder versuchen wir, die Umwelt so zu verändern, dass sie unseren Erwartungen entspricht, oder wir verändern unsere inneren Modelle aufgrund neuer Erfahrungen. Viele Um-zu-Handlungen beruhen auf der ersten Strategie. Wir versuchen, Menschen vorhersehbar zu machen, Konflikte zu vermeiden oder Anerkennung sicherzustellen. Kurzfristig reduziert das Unsicherheit, langfristig erhöht es jedoch die Komplexität, weil immer mehr Variablen kontrolliert werden müssen. Nachhaltiger wird Unsicherheitsreduktion dann, wenn wir bereit sind, unsere Erwartungen zu aktualisieren. Nicht jede Unsicherheit muss kontrolliert werden. Manche möchte erlebt werden.

Menschen gehen eben sehr schnell im „Man“ auf. Man arbeitet. Man ist erfolgreich. Man sollte freundlich sein. Man muss funktionieren. Das eigene Leben orientiert sich dann zunehmend an gesellschaftlichen Erwartungen statt an einer existenziellen Beziehung zu sich selbst. Diese Orientierung erzeugt eine enorme Komplexität. Denn das „Man“ verändert sich ständig. Neue Ideale, neue Normen und neue Vergleiche verlangen immer weitere Anpassungen. Komplexitätsreduktion bedeutet aus dieser Perspektive, sich nicht länger ausschließlich von äußeren Maßstäben bestimmen zu lassen, sondern das eigene Leben wieder als eigenes Leben zu führen. Solange wir unser Leben hauptsächlich als Projekt der Kontrolle verstehen, wächst die Komplexität beinahe zwangsläufig. Jede Strategie erzeugt neue Strategien. Jede Kontrolle verlangt nach weiterer Kontrolle. Jede Um-zu-Handlung bindet Aufmerksamkeit an das Außen. Erst wenn wir wieder lernen, dem Körper zuzuhören, Beziehungen nicht zu instrumentalisieren, Unsicherheit auszuhalten und uns an unseren eigenen Erfahrungen statt ausschließlich an Erwartungen zu orientieren, verändert sich etwas Grundsätzliches. Dann wird das Leben nicht unbedingt einfacher. Aber es wird unmittelbarer. Vielleicht ist genau das die tiefste Form von Komplexitätsreduktion: nicht die Welt kleiner zu machen, sondern die Notwendigkeit aufzugeben, sie ständig kontrollieren zu müssen. Denn in dem Moment, in dem wir aufhören, uns selbst als Instrument zu benutzen, wird aus dem fortwährenden Um-zu wieder ein einfaches, lebendiges Sein.

Literatur:

  • Buber, Martin (1984). Das dialogische Prinzip. Heidelberg: Verlag Lambert Schneider
  • Friston, K., FitzGerald, T., Rigoli, F., Schwartenbeck, P., & Pezzulo, G. (2017). Active Inference: A Process Theory. Neural computation, 29(1), 1–49. https://doi.org/10.1162/NECO_a_00912
  • Fromm, Erich (1999). Haben oder Sein. Die seelischen Grundlagen einer neuen Gesellschaft. Band II Gesamtausgabe. Analytische Charaktertheorie. Stuttgart: DTV
  • Gendlin, E. T. (1997). Focusing: Das Entscheidende ist das Körpergefühl. München: Kösel
  • Rogers, Carl (1995). A way of being. Boston: Mariner Books
  • Rosa, Hartmut (2016). Resonanz: Eine Soziologie der Weltbeziehung. Suhrkamp.

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