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Du hast nicht drei Gehirne – du hast eines

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Im ersten Artikel dieser Serie Dein Gehirn ist nicht für Denken gemacht schrieb ich darüber, dass unser Gehirn nicht in erster Linie zum Denken entstanden ist, sondern zur Steuerung unseres Körpers. Es organisiert unsere körperlichen Ressourcen, trifft Vorhersagen und bereitet uns auf das vor, was als Nächstes kommen könnte. Denken, Fühlen und Erinnern sind dabei eng mit dieser grundlegenden Aufgabe verbunden. Im zweiten Kapitel ihres Buches Seven and a Half Lessons About the Brain geht die Neurowissenschaftlerin Lisa Feldman Barrett (2020) einer Vorstellung nach, die unser Bild vom Menschen bis heute prägt: dem Mythos vom dreigeteilten Gehirn. Demnach kämpfen in uns drei Kräfte miteinander - Instinkt, Emotion und Vernunft. Doch diese Vorstellung ist wissenschaftlich längst überholt. Es gibt kein separates Reptiliengehirn für unsere Instinkte, kein eigenständiges emotionales Gehirn und keinen rationalen Bereich, der die anderen beiden kontrollieren müsste. Stattdessen arbeitet unser Gehirn als zusammenhängendes, hochkomplexes System. Es reguliert unseren Körper, schätzt Situationen ein und verteilt Energie entsprechend den Anforderungen unserer Umwelt. Was wir als emotional, impulsiv oder rational erleben, sind keine getrennten Zuständigkeiten im Gehirn. Es sind unterschiedliche Ausdrucksformen seiner gemeinsamen Arbeit.

Der Mythos vom dreigeteilten Gehirn

Vielleicht kennst du das. Du möchtest eigentlich vernünftig handeln, aber deine Gefühle kommen dir in die Quere. Du weißt, dass eine bestimmte Entscheidung nicht gut für dich ist, und triffst sie trotzdem. Oder du ärgerst dich über etwas, obwohl du dir vorgenommen hast, gelassener zu bleiben. Solche Erfahrungen lassen uns leicht glauben, dass in unserem Inneren unterschiedliche Kräfte miteinander ringen. Ein Teil will das eine, ein anderer etwas ganz anderes. Die Vernunft versucht dann, die Kontrolle zu behalten. Diese Vorstellung ist keineswegs neu. Schon der griechische Philosoph Platon beschrieb die menschliche Seele als einen Schauplatz innerer Konflikte. Auf der einen Seite stehen Triebe und Bedürfnisse, auf der anderen Gefühle und Leidenschaften. Ihnen gegenüber steht die Vernunft, die Ordnung schaffen und unser Verhalten lenken soll. Jahrhunderte später fand diese Erzählung ihren Weg in die Neurowissenschaft. Der amerikanische Arzt und Neurowissenschaftler Paul MacLean entwickelte Mitte des 20. Jahrhunderts das Modell des sogenannten dreieinigen Gehirns (Triune Brain). Er beschrieb das menschliche Gehirn als eine Art evolutionäres Schichtmodell aus drei aufeinander aufbauenden Bereichen:

  • Reptiliengehirn: Es soll für grundlegende Überlebensfunktionen, Instinkte und automatisierte Verhaltensweisen zuständig sein.
  • Limbisches System: Diesem Bereich werden vor allem Emotionen und emotionale Reaktionen zugeschrieben.
  • Neokortex: Er gilt als Sitz des rationalen Denkens, der Planung und bewussten Entscheidungsfindung.

In dieser Vorstellung kontrolliert der jüngste und vermeintlich am höchsten entwickelte Teil des Gehirns die älteren, triebhaften und emotionalen Bereiche. Das Modell ist eingängig. Es liefert eine einfache Erklärung für unsere inneren Konflikte. Und es vermittelt uns das Gefühl, wir könnten unsere animalischen Impulse durch genügend Vernunft in Schach halten. Nur: So funktioniert unser Gehirn nicht.

Evolution baut keine Gehirne aus drei Stockwerken

Die Kritik an diesem Modell ist keineswegs neu. Joseph Cesario, David J. Johnson und Heather L. Eisthen haben sich 2020 in ihrem Fachartikel Your Brain Is Not an Onion With a Tiny Reptile Inside ausführlich mit diesem Missverständnis beschäftigt. Sie zeigen, dass die Vorstellung einer evolutionären Schichtung des Gehirns, bei der neue Strukturen auf ältere aufgesetzt werden und jeweils neue psychische Funktionen übernehmen, mit den Erkenntnissen der modernen vergleichenden Neurobiologie nicht vereinbar ist (Cesario et al., 2020). Die Evolution hat nicht einfach neue Gehirnschichten auf ältere aufgesetzt. Vielmehr teilen unterschiedliche Wirbeltiere grundlegende anatomische und neuronale Organisationsprinzipien. Im Laufe der Evolution haben sich bestehende Strukturen verändert, erweitert, spezialisiert und neu miteinander vernetzt.

Was bedeutet das konkret?

Bestimmte Bereiche des menschlichen Gehirns, die an der Verarbeitung von Körperempfindungen und Berührungen beteiligt sind, bestehen aus mehreren spezialisierten Regionen. Bei Ratten finden sich vergleichbare Funktionen in einer einzigen Region. Das bedeutet aber nicht, dass Ratten diese Fähigkeiten grundsätzlich fehlen. Vielmehr haben sich bestehende Strukturen im Laufe der Evolution ausdifferenziert und ihre Aufgaben neu organisiert. Evolution bedeutet also nicht zwangsläufig, dass etwas völlig Neues entsteht. Häufig werden vorhandene Strukturen erweitert, umgebaut und stärker miteinander vernetzt. Auch der menschliche Neokortex ist keine völlig neue Erfindung der Evolution. Seine grundlegenden neuronalen Bausteine finden sich bei anderen Wirbeltieren ebenfalls. Cesario und Kollegen weisen zudem darauf hin, dass sich die Evolution von Gehirnen nicht als lineare Entwicklung hin zu immer höher entwickelten Arten verstehen lässt. Ein Mensch ist nicht evolutionär höher entwickelt als eine Ratte oder ein Reptil. Jede Art hat sich auf ihre eigene Weise an ihre Umwelt angepasst. Wir sind also nicht deshalb besonders rational, weil wir eine zusätzliche Gehirnschicht besitzen, die andere Tiere nicht haben. Unser Gehirn ist anders organisiert, nicht grundsätzlich anders gebaut.

Emotion und Vernunft sind keine Gegenspieler

Was bedeutet das für unser Verständnis von Emotionen und rationalem Denken? Zunächst einmal müssen wir uns von der Vorstellung verabschieden, dass Emotionen in einem eigenen Gehirnbereich entstehen und anschließend von der Vernunft kontrolliert werden müssen. Emotion und Kognition sind keine voneinander unabhängigen Prozesse. Sie entstehen aus der gemeinsamen Aktivität eines Gehirns, das fortlaufend Informationen verarbeitet, Vorhersagen trifft und den Körper reguliert. Das hat eine wichtige Konsequenz: Emotionen sind nicht automatisch irrational. Und rationales Denken ist nicht automatisch frei von emotionalen Einflüssen. Stell dir vor, du stehst auf einem Bahnsteig und bemerkst, dass ein Zug mit hoher Geschwindigkeit einfährt. Dein Herzschlag beschleunigt sich, deine Aufmerksamkeit richtet sich auf den Zug und dein Körper bereitet dich darauf vor, Abstand zu gewinnen. Würdest du diese Reaktion als irrational bezeichnen? Vermutlich nicht. Dein Gehirn mobilisiert Ressourcen, damit du angemessen auf eine mögliche Gefahr reagieren kannst. Aber auch das Gegenteil ist möglich: Du sitzt zu Hause auf dem Sofa, bist eigentlich in Sicherheit und bemerkst plötzlich einen starken körperlichen Alarmzustand. Dein Herz schlägt schneller, deine Muskeln spannen sich an und du wirst unruhig. Die körperliche Reaktion kann ähnlich sein. Der Unterschied liegt im Kontext. Dein Gehirn reagiert nicht einfach auf das, was gerade geschieht. Es versucht vorauszuberechnen, was geschehen könnte, und bereitet deinen Körper entsprechend vor. Dabei können auch Vorhersagen entstehen, die nicht mehr zur aktuellen Situation passen. Das bedeutet: Eine emotionale Reaktion ist nicht grundsätzlich ein Zeichen dafür, dass die Vernunft versagt hat. Sie kann Ausdruck eines Gehirns sein, das versucht, dich auf etwas vorzubereiten.

Rationalität ist auch eine Frage der körperlichen Ressourcen

Hier kommt ein weiterer Gedanke von Lisa Feldman Barrett ins Spiel: das sogenannte Body Budgeting. Wie wir bereits im ersten Artikel gesehen haben, muss unser Gehirn den Energiehaushalt des Körpers fortlaufend regulieren. Es organisiert die Verfügbarkeit von Glukose, Wasser, Salz und anderen Ressourcen, die wir benötigen, um handlungsfähig zu bleiben. Diese Aufgabe ist komplex. Denn unser Körper verfügt nicht über unbegrenzte Ressourcen. Jede Bewegung, jede Entscheidung, jede körperliche Reaktion und jede Anpassung an unsere Umwelt kostet Energie. Unser Gehirn muss deshalb ständig abschätzen, wo Ressourcen gebraucht werden und welche Investitionen sich lohnen. Aus dieser Perspektive bekommt auch Rationalität eine andere Bedeutung. Rational zu handeln bedeutet nicht einfach, möglichst emotionslos zu entscheiden. Es bedeutet vielmehr, in einer bestimmten Situation eine sinnvolle Investition körperlicher Ressourcen vorzunehmen, mit Blick auf die unmittelbaren Anforderungen und mögliche zukünftige Konsequenzen. Ein Beispiel: Du befindest dich in einer belastenden Situation und dein Körper reagiert mit erhöhter Anspannung. Dein Gehirn mobilisiert Energie, um dich auf eine mögliche Herausforderung vorzubereiten. Das kann durchaus sinnvoll sein. Wenn du allerdings dauerhaft in einem Zustand erhöhter Alarmbereitschaft bleibst, obwohl die ursprüngliche Gefahr längst vorbei ist, wird diese Strategie zunehmend kostspielig. Dein Gehirn verfolgt weiterhin eine nachvollziehbare Schutzstrategie. Nur passen seine Vorhersagen möglicherweise nicht mehr zu deiner gegenwärtigen Lebenssituation. Barrett beschreibt damit einen interessanten Zusammenhang: Was kurzfristig sinnvoll und schützend war, kann langfristig zur Belastung werden. Das ist ein anderer Blick auf psychische Belastungen. Wir betrachten Reaktionen nicht länger ausschließlich als Ausdruck fehlender Vernunft oder mangelnder Selbstkontrolle, sondern fragen auch danach, welche Funktion sie ursprünglich erfüllt haben und ob sie noch zur aktuellen Umwelt passen.

Was bedeutet das für unser Menschenbild?

Wenn wir das Modell des dreigeteilten Gehirns hinter uns lassen, verändert sich mehr als nur unser Verständnis der Neuroanatomie. Wir müssen auch unsere Vorstellung davon überdenken, wie Menschen Entscheidungen treffen, Gefühle erleben und Verantwortung für ihr Verhalten übernehmen. Emotionen sind keine störenden Einflüsse, die wir möglichst ausschalten sollten. Sie sind Teil der Informationsverarbeitung und der körperlichen Regulation. Sie beeinflussen, worauf wir achten, wie wir Situationen bewerten und welche Handlungsmöglichkeiten uns zur Verfügung stehen. Gleichzeitig ist Denken nicht unabhängig vom Körper. Unsere körperlichen Zustände beeinflussen, welche Möglichkeiten wir wahrnehmen, welche Entscheidungen wir treffen und wie wir unsere Umwelt interpretieren. Das bedeutet nicht, dass wir für unser Verhalten keine Verantwortung tragen. Es bedeutet aber, dass wir menschliches Verhalten nicht verstehen können, wenn wir Vernunft, Emotion und Körper voneinander trennen. Wir sind keine Wesen, in denen drei Gehirne um die Kontrolle kämpfen. Wir sind verkörperte Lebewesen, deren Gehirn fortlaufend versucht, körperliche Bedürfnisse, Erfahrungen und Anforderungen der Umwelt miteinander in Einklang zu bringen.

Fazit: Ein Gehirn, ein Körper, eine komplexe Welt

Die Vorstellung vom dreigeteilten Gehirn ist verlockend. Sie macht komplexe Vorgänge verständlich und bietet eine einfache Erklärung für unsere inneren Konflikte. Doch sie wird der tatsächlichen Funktionsweise unseres Gehirns nicht gerecht. Lisa Feldman Barrett lädt uns dazu ein, unser Gehirn nicht als Ansammlung voneinander getrennter Zuständigkeiten zu verstehen, sondern als ein zusammenhängendes Regulationssystem. Das verändert auch unseren Blick auf uns selbst. Vielleicht geht es nicht darum, unsere Gefühle besser zu kontrollieren oder unsere Vernunft gegen vermeintlich irrationale Impulse durchzusetzen. Vielleicht geht es vielmehr darum, die Zusammenhänge zwischen unserem körperlichen Zustand, unseren Erfahrungen und unserer Wahrnehmung besser zu verstehen. Denn unser Gehirn arbeitet nicht gegen unseren Körper. Es arbeitet für ihn. Und genau darin liegt eine der faszinierendsten Eigenschaften unseres Menschseins: Wir denken, fühlen und handeln nicht unabhängig von unserem Körper. Wir tun es durch ihn.

Literatur:

  • Barrett, L. F. (2020). Seven and a half lessons about the brain. Boston, MA: Houghton Mifflin Harcourt.
  • Cesario, Joseph & Johnson, David & Eisthen, Heather. (2019). Your brain is not an onion with a tiny reptile inside. Current Directions in Psychological Science, 29(3), 255–260. https://doi.org/10.1177/0963721420917687

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