Wenn wir von Heilung sprechen, denken viele zuerst daran, dass Schmerzen verschwinden, Symptome nachlassen oder eine Krankheit überwunden wird. Doch Heilung ist mehr als Symptomfreiheit. Sie ist kein Zustand, den wir irgendwann erreichen und dann für immer besitzen. Heilung ist eine Bewegung. Eine Bewegung hin zu mehr Ganzheit. Nicht zu einem perfekten Leben. Nicht zu einem Menschen ohne Angst, Trauer oder Schmerz. Sondern zu einem Leben, in dem wir immer mehr zu dem werden, was in uns bereits angelegt ist. Statt Bewegung könnte ich auch das Wort Prozess nehmen. In der Klinik sage ich immer, Heilung ist nicht zu vergleichen wie ein Lichtschalter, den man einfach mal anschaltet. Heilung ist eher etwas das erscheint, wenn die hinreichenden Bedingungen dafür gegeben sind. Heilung ist deshalb kein Ziel, sondern eine Richtung. Vielleicht hilft dieser Artikel dabei, verschiedene Brillen auszuprobieren. Dann starten wir mal mit dem Brillenwechsel.
Am Ende eines jedes Unterkapitels werde ich einen kurzen Satz, bzw. eine Formel einfügen, um das in diesem Unterkapitel Gesagte so kurz wie möglich zu sagen.
< Heilung = nicht perfekt werden, sondern ganz werden. >
Heilung bedeutet nicht, ein besserer Mensch zu werden
Unsere Kultur spricht ständig von Selbstoptimierung. Wir sollen produktiver werden, gesünder, erfolgreicher, resilienter oder achtsamer. Selbst Entwicklung wird oft zu einem weiteren Projekt, das wir möglichst effizient bewältigen sollen. Heilung folgt einer anderen Logik. Sie fragt nicht: Wie kann ich besser werden? Sondern: Wie kann ich wieder mehr ich selbst werden? Es geht nicht darum, etwas Neues zu erschaffen. Vielmehr geht es darum, zu dem zurückzufinden, was unter Schutzmechanismen, Anpassung und Verletzungen noch immer vorhanden ist. Heilung ist deshalb weniger Selbstverbesserung als Selbstwiederentdeckung. Der Psychiater Michael Lehofer beschreibt diesen Weg als eine Hinwendung zum eigenen Wesen statt zu einem immer besseren Selbst: „Freiheit hängt mit Selbstwirksamkeit zusammen. Daher streben Menschen immer nach Möglichkeiten. Dieses Streben erzeugt jedoch Unfreiheit und ist meist mit Ängsten verbunden. Die wahre Freiheit, könnte man sagen, ist die ultimative Selbstwirksamkeit, die Freiheit von Ängsten und damit die Freiheit vom Sterben. Die Hinwendung zu sich selbst, die Selbstliebe, führt dazu, dass wir unserem wahren Wesen entsprechen, und fordert von uns, die bisherige Vorstellung von uns selbst zu hinterfragen“ (Lehofer, 2019). Heilung bedeutet in diesem Sinne nicht, jemand anderes zu werden. Sie beginnt dort, wo wir den Mut finden, vertraute Selbstbilder loszulassen und dem Menschen näherzukommen, der wir unter ihnen bereits sind.
< Heilung = weniger Selbstoptimierung + mehr Selbstbegegnung. >
Heilung ist nicht dasselbe wie Gesundwerden
Ein Mensch kann medizinisch gesund sein und sich dennoch innerlich abgeschnitten, leer oder entfremdet fühlen. Umgekehrt erleben manche Menschen trotz chronischer Erkrankungen eine tiefe Verbundenheit mit sich selbst, mit anderen Menschen und mit dem Leben. Heilung und Gesundwerden überschneiden sich häufig, sind aber nicht identisch. Gesundwerden beschreibt das Verschwinden einer Krankheit oder ihrer Symptome. Heilung beschreibt die Wiederherstellung von Ganzheit. Manchmal geschieht beides gleichzeitig. Manchmal nicht. Deshalb heilen wir nicht nur, um gesund zu werden. Heilung besitzt einen eigenen Wert. Sie verändert die Art, wie wir mit uns selbst, mit unserem Körper und mit der Welt in Beziehung treten. Diese Unterscheidung findet sich auch bei Jon Kabat-Zinn (2013). Aus seiner Sicht ist Heilung nicht in erster Linie das Verschwinden einer Erkrankung, sondern die Wiederentdeckung von Ganzheit. Ein Mensch kann weiterhin Schmerzen oder eine chronische Erkrankung haben und dennoch Heilung erfahren, wenn er wieder in eine tiefere Beziehung zu sich selbst, seinem Körper und seinem Leben tritt. Heilung beschreibt vielmehr einen Prozess, in dem wir lernen, dem Leben so zu begegnen, wie es gerade ist, anstatt unser Wohlbefinden ausschließlich vom Verschwinden der Symptome abhängig zu machen.
< Gesundwerden = Symptome verändern. Heilung = Beziehung zu sich selbst wiederfinden. >
Heilung beginnt mit einem Brillenwechsel
Unser Verständnis von Heilung hängt davon ab, mit welcher Brille wir auf den Menschen schauen. Lange Zeit dominierte vor allem eine medizinische Sichtweise. Krankheit galt als Defekt, Symptome als Störung und Heilung als deren Beseitigung. Diese Perspektive hat zweifellos ihre Berechtigung. Doch sie beschreibt nur einen Teil dessen, was Heilung ausmacht. Ein Brillenwechsel bedeutet nicht, die bisherige Sicht für falsch zu erklären. Er erweitert sie. Plötzlich fragen wir nicht mehr nur: „Wie bekomme ich das Symptom weg?“, sondern auch: „Was möchte mir dieses Symptom erzählen?“ Nicht: „Was stimmt mit mir nicht?“, sondern: „Was ist mir passiert?“ Oder noch weiter: „Welche Fähigkeiten, Bedürfnisse und Möglichkeiten warten darauf, wieder gelebt zu werden?“ Mit jeder neuen Perspektive verändert sich nicht nur unser Denken, sondern auch unser Erleben. Was eben noch wie ein persönliches Versagen erschien, kann sich als verständliche Anpassung an schwierige Lebensbedingungen zeigen. Aus einem Gegner wird ein Signal. Aus einem Defekt ein Schutzversuch. Und aus dem Wunsch nach Reparatur wird die Einladung, sich selbst neu zu begegnen. Heilung beginnt deshalb oft nicht mit einer neuen Methode, sondern mit einer neuen Sicht auf uns selbst. Ein Brillenwechsel verändert nicht die Vergangenheit, aber er verändert die Bedeutung, die wir ihr geben. Und manchmal ist genau das der erste Schritt zurück in Richtung Ganzheit.
< Neue Sichtweise → neues Erleben → neue Möglichkeiten. >
Heilung beginnt auch mit Wahrheit
Jede Bewegung in Richtung Ganzheit beginnt mit der Bereitschaft, ehrlich hinzusehen. Nicht, um sich in der eigenen Geschichte zu verlieren oder eine Identität als „traumatisierter Mensch“ oder gar als „heilender Mensch“ aufzubauen. Auch das kann zu einer neuen Form der Enge werden. Heilung beginnt dort, wo wir unser Leben anerkennen, wie es war und wie es heute ist. Wo wir die Verletzungen sehen, die wir erfahren haben. Wo wir ihre Auswirkungen erkennen, auf unser Denken, unser Fühlen, unseren Körper und unsere Beziehungen. Diese Wahrheit ist keine philosophische oder absolute Wahrheit. Es geht nicht um große Antworten auf die Frage nach dem Sinn des Lebens. Es geht um eine viel einfachere Wahrheit: Wie ist es gerade wirklich? Was nehme ich jetzt wahr? Was geschieht in meinem Körper? Welche Gefühle sind da? Wonach sehne ich mich? Was versuche ich zu vermeiden? Diese Form von Ehrlichkeit öffnet den Raum, in dem Heilung überhaupt erst möglich wird. Der Philosoph Peter Bieri beschreibt Selbsterkenntnis nicht als das Sammeln von Wissen über sich selbst, sondern als einen lebenslangen Prozess, in dem wir uns immer wieder neu begegnen. Wirkliche Selbsterkenntnis entsteht dort, wo wir bereit sind, unsere Gewohnheiten, Motive, Ängste und Selbsttäuschungen ehrlich wahrzunehmen. Sie ist keine Selbstanalyse um ihrer selbst willen, sondern die Voraussetzung dafür, ein freieres und stimmigeres Leben führen zu können. Heilung beginnt deshalb nicht mit einer perfekten Erklärung unserer Vergangenheit, sondern mit der Bereitschaft, uns selbst immer wieder neu zu begegnen (Bieri, 2011).
< Wahrnehmen, was ist → verstehen, was war → verändern, was möglich ist. >
Heilung braucht einen inneren Raum
Heilung entsteht nicht dadurch, dass wir etwas in uns erzwingen. Sie braucht einen Raum, in dem das, was ist, überhaupt erst erscheinen darf. Einen Raum, in dem Gefühle nicht sofort verändert, Schmerzen nicht sofort beseitigt und innere Widersprüche nicht sofort aufgelöst werden müssen. Erst wenn wir aufhören, ständig gegen unser Erleben anzukämpfen, kann sich zeigen, was darunter liegt. Der Gestalttherapeut Peter Bourquin beschreibt Heilung deshalb weniger als eine Technik oder ein Ziel, sondern als einen Raum, der sich zwischen Menschen und ebenso in uns selbst öffnen kann. In diesem Raum müssen wir nichts leisten und niemand anderes werden. Wir dürfen mit dem in Kontakt kommen, was bereits da ist, mit Verletzungen ebenso wie mit Lebendigkeit, mit Angst ebenso wie mit Sehnsucht. Heilung geschieht nicht, weil wir uns verändern wollen, sondern weil wir beginnen, dem, was in uns lebt, wirklich zu begegnen (Bourquin, 2013). Der französische Philosoph Gaston Bachelard erweitert diesen Gedanken um eine tiefere Perspektive. In seiner Poetik des Raumes beschreibt er Räume nicht als bloße Behälter unseres Lebens, sondern als Orte, in denen sich unsere innere Welt entfaltet. Ein geschützter Raum schenkt Geborgenheit, lädt zum Verweilen ein und ermöglicht Begegnung, nicht nur mit der Welt, sondern auch mit uns selbst. Räume können Erinnerungen bewahren, Fantasie nähren und jene innere Weite entstehen lassen, in der Entwicklung überhaupt erst möglich wird (Bachelard, 2014). Vielleicht besteht eine der wichtigsten Voraussetzungen für Heilung genau darin, diesen inneren Raum immer wieder neu entstehen zu lassen. Einen Raum, der groß genug ist, um Schmerz und Freude, Unsicherheit und Hoffnung gleichzeitig zu tragen. Denn häufig ist nicht das Gefühl selbst das Problem, sondern dass wir ihm keinen Platz geben. Wo innerer Raum entsteht, entsteht oft auch Bewegung. Und wo wieder Bewegung möglich wird, beginnt Heilung.
< Was Raum bekommt, kann sich verändern. >
Der Körper kennt Wahrheiten, die der Verstand allein nicht erreichen kann
Unser Verstand ist ein wunderbares Werkzeug. Doch viele der wichtigsten Wahrheiten unseres Lebens lassen sich nicht allein denken. Wir spüren sie. Manchmal als Enge im Brustkorb. Manchmal als Kloß im Hals. Manchmal als ein tiefes Gefühl von Erleichterung. Oder als ein stilles inneres Ja. Unser Körper verfügt über eine eigene Form des Wissens. Gefühle, Intuition und Körperempfindungen liefern Informationen, die sich nicht vollständig in Worte übersetzen lassen. Der Verstand kann diese Signale verstehen lernen, aber er erzeugt sie nicht. Heilung entsteht deshalb nicht durch Denken allein. Sie entsteht dort, wo Denken, Fühlen und Körpererleben wieder miteinander in Verbindung kommen. Der Körper braucht dafür jedoch Zeit. Heilung geschieht selten durch Einsicht allein. Sie entsteht oft in den Momenten, in denen wir lernen, langsam genug bei unserem Erleben zu bleiben, ohne es sofort verändern oder erklären zu müssen. Der Körperpsychotherapeut Stanley Keleman beschreibt diese Fähigkeit als Slow Attending, ein langsames, absichtsfreies Verweilen beim körperlichen Erleben. Erst wenn wir einer Empfindung genügend Zeit geben, kann sie sich entfalten, verändern und eine neue innere Form hervorbringen. Heilung bedeutet aus dieser Perspektive nicht, den Körper zu kontrollieren, sondern ihm zuzuhören und seiner eigenen Entwicklungsbewegung zu vertrauen (Keleman, 2011). Michael Lehofer bringt diese Bedeutung des Empfindens auf den Punkt: „Die Liebe ist eine Empfindung. Nicht die Liebe als Ganzes, in die sich immer Gefühle einfärben, sondern das Wesentliche an ihr. Und um dieses Wesentliche geht es. Wie kann man also lieben? Aktiv kann man das wohl nicht, da eine Empfindung nichts aktiv Erzeugbares ist. Wenn wir aber lernen, empfindsamer zu werden, dann werden wir lernen zu lieben. Selbstliebe bedeutet also das Empfinden der totalen Nähe zu sich selbst“ (Lehofer, 2019). Heilung besteht deshalb nicht nur darin, den Körper besser zu verstehen. Sie bedeutet auch, wieder empfindsam für das zu werden, was in uns lebendig ist. Vielleicht beginnt Selbstliebe genau dort, nicht als Gedanke über uns selbst, sondern als die Erfahrung, uns wieder wirklich nahe zu sein.
< Nicht nur verstehen, sondern erfahren: Der Körper ist ein Weg zur Heilung. >
Heilung bedeutet, Verantwortung für die Gegenwart zu übernehmen
Niemand sucht sich seine frühen Erfahrungen aus. Niemand entscheidet sich bewusst für Verletzungen oder belastende Prägungen. Doch irgendwann stellt sich eine andere Frage. Die gewohnte Frage lautet, warum ich so geworden bin, die andere Frage hingegen, wie ich von hier aus weiterleben möchte. Wir können die Vergangenheit nicht verändern. Aber wir können lernen, bewusster mit dem umzugehen, was sie in uns hinterlassen hat. Heilung bedeutet nicht, für das Vergangene schuld zu sein. Sie bedeutet, Verantwortung für den nächsten Schritt zu übernehmen. Immer wieder. Nicht ein für alle Mal, sondern in jedem einzelnen Moment. Verantwortung bedeutet dabei nicht, sich ständig zu optimieren oder alles unter Kontrolle zu haben. Peter Bieri versteht Selbstbestimmung vielmehr als die Fähigkeit, das eigene Leben bewusst zu gestalten, anstatt ausschließlich von Gewohnheiten, Ängsten oder äußeren Erwartungen bestimmt zu werden. Selbstbestimmt zu leben heißt nicht, frei von Einflüssen zu sein. Es bedeutet, sich zu ihnen ins Verhältnis setzen zu können und nach und nach der Mensch zu werden, der man sein möchte (Bieri, 2011).
< Nicht schuld an der Vergangenheit – aber verantwortlich für die Zukunft. >
Heilung geschieht in Verbindung
Vielleicht zeigt sich Heilung letztlich am deutlichsten darin, dass Verbindung wieder möglich wird. Verbindung zum eigenen Körper. Verbindung zu den eigenen Bedürfnissen. Verbindung zu anderen Menschen. Und Verbindung zum Leben selbst. Bevor wir uns auf andere Menschen einlassen können, brauchen wir einen Ort innerer Sicherheit. „Wir können uns der Begegnung und dem damit verbundenen Risiko nicht aussetzen, wenn wir uns im Grunde nicht selbst bejahen, den Wert unseres Selbst nicht anerkennen können. Es ist eigenartig, aber dann auch wieder logisch, dass wir nur dann riskieren können, ein anderer zu werden, wenn wir uns in uns und mit uns selbst sicher fühlen. Jene, die sich unsicher fühlen, ob sie es zeigen oder nicht, können dies nicht. Stattdessen streben sie nach Bestätigung in dem, was sie zu sein glauben“ (Lehofer, 2019). Erst wenn wir uns selbst nicht mehr ständig beweisen müssen, entsteht Raum für echte Begegnung. Verbindung wächst nicht aus Perfektion, sondern aus der Erfahrung von Sicherheit. Der Arzt und Traumaforscher Gabor Maté beschreibt diese Erfahrung eindrücklich: “I’ve noticed how it’s the connections that I make with people that are actually the thing worth living for, and nothing else, really. It’s the connections that make me feel I am here and that also make me want to be here. How I can reach out to other people to help them feel connected? That’s the only thing of any heartfelt importance to me” (Mate, 2022). Je mehr wir in Kontakt mit uns kommen, desto weniger müssen wir gegen uns kämpfen. Heilung bedeutet dann nicht, ein anderer Mensch zu werden. Sondern der Mensch zu werden, der wir unter all den Schutzstrategien, Anpassungen und Verletzungen schon immer gewesen sind.
< Sicherheit in mir → Offenheit für dich → Verbindung mit dem Leben. >
Heilung beginnt auch mit der Kraft der Vorstellung
Die Erkenntnisse der vergangenen Kapitel bleiben nicht abstrakt. Sie können in konkrete Erfahrungen übersetzt werden. Genau hier setzt der Psychologe und Hypnotherapeut Gary Bruno Schmid an. In seinem Buch “Selbstheilung stärken” beschreibt er Selbstheilung nicht als geheimnisvolle Fähigkeit weniger Menschen, sondern als eine natürliche Ressource, die jeder Mensch durch seine Vorstellungskraft beeinflussen kann. Schmid zeigt anhand zahlreicher wissenschaftlicher Befunde, dass unsere Erwartungen, inneren Bilder und Überzeugungen messbare Auswirkungen auf den Organismus haben. Placebo- und Nocebo-Effekte machen deutlich, dass Gedanken keine bloßen Begleiter biologischer Prozesse sind, sondern diese aktiv mitgestalten können. Entscheidend ist dabei nicht positives Denken im Sinne eines oberflächlichen Optimismus, sondern die Entwicklung einer glaubwürdigen inneren Geschichte, in der Heilung überhaupt wieder vorstellbar wird (Schmid, 2019). Deshalb arbeitet Schmid mit persönlichen Bildern, Erinnerungen und inneren Orten der Sicherheit. Eine ruhige Atmung, ein selbstgewählter Kraftort oder eine individuell stimmige Vorstellung helfen dem Nervensystem, vom Zustand chronischer Alarmbereitschaft in einen Modus von Sicherheit, Regeneration und Offenheit zu wechseln. Die Vorstellung wird dadurch nicht zur Flucht aus der Wirklichkeit, sondern zu einer Möglichkeit, den Körper auf Heilung auszurichten.
Unsere Vorstellungskraft ist weit mehr als Fantasie. Sie beeinflusst, wie wir unseren Körper erleben, welche Bedeutung wir unseren Erfahrungen geben und welche Möglichkeiten wir für unsere Zukunft überhaupt wahrnehmen. Gary Bruno Schmid beschreibt eindrücklich, dass innere Bilder, Erwartungen und Überzeugungen biologische Prozesse mitgestalten können. Selbstheilung beginnt deshalb häufig dort, wo wir eine neue innere Geschichte entwickeln, eine Geschichte, in der Veränderung wieder möglich wird. Einen ähnlichen Gedanken verfolgt die Traumatherapeutin Luise Reddemann. Für sie ist Imagination keine Flucht vor der Wirklichkeit, sondern eine Möglichkeit, innere Ressourcen zugänglich zu machen. Menschen mit belastenden oder traumatischen Erfahrungen verfügen oft nicht über genügend innere Sicherheit, um sich schmerzhaften Erinnerungen unmittelbar zuzuwenden. Deshalb entwickelt Reddemann imaginative Übungen wie den Inneren sicheren Ort, hilfreiche innere Begleiter oder schützende innere Räume. Solche Bilder beruhigen das Nervensystem, fördern Selbstmitgefühl und stärken die Fähigkeit, schwierige Gefühle auszuhalten, ohne von ihnen überwältigt zu werden. Erst auf dieser Grundlage wird eine tiefere Verarbeitung überhaupt möglich. Betrachtet man Schmid und Reddemann gemeinsam, entsteht ein umfassenderes Bild der Vorstellungskraft. Schmid macht deutlich, dass innere Bilder körperliche und psychische Heilungsprozesse beeinflussen können. Reddemann zeigt, wie diese Bilder gezielt genutzt werden können, um Sicherheit, Orientierung und Stabilität aufzubauen. Vorstellungskraft ist damit kein Gegensatz zur Realität, sondern eine Ressource, die unser Erleben ordnet und unserem Organismus neue Erfahrungen von Sicherheit ermöglicht. Vielleicht liegt genau darin ihre heilsame Kraft. Wir verändern die Vergangenheit nicht, aber wir verändern die Art und Weise, wie wir ihr heute begegnen.
< Was wir uns vorstellen können, kann unser System lernen. >
Heilung ist der Weg zurück zu uns selbst
Vielleicht ist Heilung am Ende weniger ein Prozess des Werdens als ein Prozess des Wiedererkennens. Wir müssen nicht jemand anderes werden. Wir müssen nicht ein perfekterer, stärkerer oder optimierter Mensch werden. Vielmehr geht es darum, die Schichten aus Angst, Anpassung, Schutz und alten Überzeugungen wahrzunehmen, die uns von uns selbst entfernt haben. Heilung bedeutet, wieder in Beziehung zu treten: mit unserem Körper, unseren Gefühlen, unseren Bedürfnissen und unserem eigenen Wesen. Sie entsteht dort, wo wir aufhören, gegen uns selbst zu kämpfen, und beginnen, uns mit Offenheit und Mitgefühl zu begegnen. Der indische Philosoph Jiddu Krishnamurti (2010) beschreibt einen ähnlichen Weg. Für ihn entsteht Freiheit nicht dadurch, dass wir uns nach einem Ideal formen oder eine vorgegebene Vorstellung von uns selbst erreichen. Freiheit beginnt mit der Fähigkeit, klar zu sehen, was tatsächlich ist, ohne Bewertung, ohne Flucht und ohne den Versuch, etwas anderes daraus machen zu müssen. Vielleicht liegt genau darin die Essenz von Heilung: nicht darin, eine neue Identität aufzubauen, sondern die Illusionen loszulassen, die uns daran hindern, uns selbst zu erkennen. Heilung ist der Weg zurück zu uns selbst. Nicht zurück zu einem früheren Zustand. Sondern zurück zu einer lebendigen Beziehung mit dem Menschen, der wir im Innersten immer waren.
< Heilung bedeutet nicht, jemand anderes zu werden, sondern wieder in Beziehung zu dem Menschen zu treten, der wir unter all unseren Schutzmechanismen immer gewesen sind. >
Literatur:
- Bachelard, Gaston (2014). The Poetics of Space. New York: Penguin Classics
- Bieri, Peter (2011). Wie wollen wir leben. Salzburg: Residenz Verlag
- Bourquin, P. (2013). Heilung ist ein Raum: Über die Kunst der Psychotherapie. Synergia Verlag.
- Kabat-Zinn, Jon (2013). Full Catastrophe Living: Using the Wisdom of Your Body and Mind to Face Stress, Pain, and Illness. New York City: Bantam Books
- Keleman, Stanley (2011). Slow attending: The art of forming intimacy. International Body Psychotherapy Journal, 10(2), 5–11.
- Krishnamurti, Jiddu (2010). Freedom from the known. New York: Random House Publishing
- Lehofer, Michael (2019). Mit mir sein. Selbstliebe als Basis für Begegnung und Beziehung. Wien: Braumüller
- Maté, Gabor (2022). The myth of normal. Illness, health and healing in a toxic culture. London: Penguin
- Reddemann, Luise (2001). Imagination als heilsame Kraft: Zur Behandlung von Traumafolgen mit ressourcenorientierten Verfahren. Pfeiffer bei Klett-Cotta.
- Schmid, Gary Bruno (2019). Selbstheilung stärken: Wie Sie durch Vorstellungskraft Ihre Gesundheit optimieren. Springer.
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