Die Arbeit von Jaak Panksepp hat uns gezeigt, dass unsere Bedürfnisse tief in biologischen Affektsystemen wurzeln, in jenen lebendigen Kräften, die Bewegung, Bindung, Schutz und Neugier hervorbringen. Sie sind der innere Motor des Lebens, der uns verbindet, mit uns selbst, miteinander und mit der Welt. Doch wie geschieht diese Verbindung konkret im Körper? Wie regulieren sich diese emotionalen Systeme im Kontakt, in Sicherheit oder Bedrohung, Nähe oder Rückzug? Hier knüpft Stephen Porges an. Mit seiner Polyvagal-Theorie beschreibt er, wie das autonome Nervensystem (kurz: ANS) unsere affektiven Zustände verkörpert und steuert, wie sich Verbindung, Schutz und Trennung in der Physiologie unseres Vagusnervs ausdrücken. Während Panksepp das WARUM unserer Emotionen erklärt, zeigt Porges das WIE ihres Entstehens im Körper. In Teil 16 geht es also um diese nächste Ebene: Wie der Körper Sicherheit, Beziehung und Lebendigkeit reguliert und wie das Verständnis der Polyvagal-Theorie therapeutisch helfen kann, die Sprache des Nervensystems zu hören und Verbindung neu zu gestalten. Ich möchte gerne zu Beginn folgendes Zitat anbringen. Ich finde, es bringt es auf den Punkt.
“This is really the entire basis of the Polyvagal Theory: that mammals evolved specific mechanisms for seeking safety in an unsafe world, and that these mechanisms are closely tied to social behaviour, as well as to our general health and well-being” (Porges & Porges, 2023).
Nervensystemzustände kommen vor der Philosophie
Es ist überaus wichtig, wie sicher wir uns fühlen, nicht nur für unsere körperliche Gesundheit, sondern ebenso für unser mentales Wohlbefinden und unser Glücksempfinden. Dabei ist das Gefühl von Sicherheit nie objektiv, sondern stets subjektiv. Das ist ein sehr wichtiger Punkt, der manchmal für manche Menschen sehr hart zu verdauen ist. Das Gefühl von Sicherheit ist geprägt von unserer gesamten Entwicklungsgeschichte und den daraus entstandenen Erlebens- und Verhaltensmustern. Fühlen wir uns sicher, eröffnet sich ein Raum für Großzügigkeit, Empathie, Selbstlosigkeit, Wachstum und Mitgefühl.
In diesem Kontext verliert auch die alte philosophische Diskussion darüber, was einen guten oder schlechten Menschen ausmacht, an Bedeutung. Ganz gleich, ob man Platon betrachtet, der in der “Politeia” zwischen gerechtem und ungerechtem Menschen unterscheidet, oder Thomas von Aquin, der in seiner natürlichen Moralgesetzethik das Gute als Handeln im Einklang mit Naturordnung und Vernunft definierte und das Schlechte als Abweichen davon verstand – die alten Definitionen erscheinen im Licht von Sicherheit und Vertrauen fast nebensächlich. Auch Thomas Hobbes betrachtete den Menschen als von Natur aus egoistisch, als “homo homini lupus”, und sah ihn moralisch gut, wenn er innerhalb von Verträgen und Gesetzen kooperativ handelt, und schlecht, wenn er dies nicht tut. Immanuel Kant schließlich verband Moral mit Pflicht und verstand das Gute als Handeln nach dem kategorischen Imperativ, während der schlechte Mensch aus Eigennutz und Neigung handelt. Friedrich Nietzsche wiederum kritisierte die traditionellen Moralvorstellungen und betonte, dass Gut und Böse soziale Konstrukte seien, wobei das Gute die schöpferischen, lebensbejahenden Menschen beschreibt und das Schlechte jene, die das Leben verneinen. Albert Camus sah moralisches Gutsein in Authentizität und Rebellion gegen die Absurdität des Lebens, während das Schlechte in Resignation und Gleichgültigkeit liegt. Peter Singer schließlich argumentiert aus utilitaristischer Perspektive, dass moralisch gut handelt, wer Leid mindert und Wohl maximiert, und moralisch schlecht, wer egoistisch handelt und Leid verursacht.
Also noch einmal: Fühlen wir uns hingegen unsicher, wird unsere Wahrnehmung der Selbsterhaltung beeinträchtigt, was alle anderen Bereiche unseres Lebens torpediert. Aggression findet leichter ihren Weg, gleichzeitig öffnet sich Tür und Angel für destruktive Impulse. Unser autonomes Nervensystem wirkt dabei wie eine Brille, durch die wir die Welt sehen, interpretieren und entsprechend handeln. Im Englischen heißt es treffend: “story follows state”. Damit ist gemeint, dass unser Nervensystemzustand – unser “State” – die Geschichte oder Erzählung prägt, wie wir uns in der Welt verorten, wie wir uns erleben und wie wir handeln.
Sicherheit als grundlegendes Bedürfnis
Sicherheit ist bei Porges kein abstraktes Gefühl, sondern ein neurophysiologischer Zustand, der durch das ventrale vagale System vermittelt wird. Wenn dieses System dominant/regulierbar ist, unterstützt es Homöostase, Wachstum, soziale Ko-Regulation und Gesundheit; fehlt diese Sicherheit, werden ältere Verteidigungsprogramme aktiviert (mobilize zu immobilize) und höhere psychologische Funktionen werden eingeschränkt. Das macht Sicherheit für die Entfaltung aller anderen Bedürfnisse fundamental.
Wenn die Umgebung als sicher bewertet wird, reguliert das ANS physiologische Zustände, die Wachstum, Wiederherstellung und soziale Interaktion unterstützen – via myelinisierter ventraler Vaguswege (Social Engagement System) (Porges, 2009). Ich schrieb vorher: story follows state. Schauen wir uns das mal näher an.
Story follows State
Porges macht explizit, dass der physiologische Zustand Verhalten, Wahrnehmung und soziale Erzählung limitiert — also zuerst der State, dann die Story. Zustandswechsel folgen der Jackson’schen Dissolution (neu → alt). Weil der State das Erleben, die Aufmerksamkeit und damit auch die Geschichte vorher bestimmt, ist therapeutische Arbeit darauf angewiesen, zuerst das Nervensystem (State) zu regulieren, bevor narrative Rekonstruktionen langfristig zugänglich/tragfähig werden. Porges formuliert genau diesen Mechanismus (Ko-Regulation über Social Engagement als Portal zur Umstimmung). Wer war eigentlich Jackson?
Der Ursprung: John Hughlings Jackson (1835–1911)
Der britische Neurologe John Hughlings Jackson gilt als einer der ersten, der das Nervensystem hierarchisch-evolutionär dachte. Seine Grundidee: Neuere (höher entwickelte) Gehirnschichten hemmen und modulieren ältere (primitivere) Schichten. Wenn das Nervensystem unter Stress oder Krankheit zusammenbricht, geschieht das nicht chaotisch, sondern hierarchisch rückwärts – von neu nach alt. Das nannte er „dissolution“ (= Auflösung, Rückbildung). Das Gegenteil – also die Entwicklung von einfachen zu komplexeren Kontrollsystemen – nannte er “evolution”. “The polyvagal hierarchy follows Jacksonian principles: newer circuits inhibit older ones, and under threat, the system hierarchically shifts to older neural circuits.” (Porges, 2023, p. 3)
Kurz gesagt:
- In gesunden Zuständen: Höhere Zentren (z. B. Cortex, ventrale Vagus-Systeme) halten die älteren, reflexhaften Systeme gehemmt.
- Unter Stress, Schock oder Schädigung: Diese Hemmung bricht weg – die Kontrolle „löst sich auf“. Das System fällt zurück auf ältere, überlebensorientierte Reaktionsweisen.
Man könnte sagen: Wenn das Leben sicher ist, sind wir modern. Wenn es gefährlich wird, werden wir archaisch.
Wie hängen Story, State und Neurozeption zusammen?
Die Neurozeption ist nach Stephen Porges ein reflexiver, nicht-bewusster Bewertungsprozess, mit dem unser Nervensystem fortlaufend prüft, ob wir uns in Sicherheit befinden oder ob Gefahr droht. Porges beschreibt: “Neuroception describes how neural circuits distinguish whether situations or people are safe, dangerous, or life threatening. Because of our heritage as a species, neuroception can trigger adaptive physiological states even in the absence of awareness.” (Porges, 2009, S. S88). Diese Einschätzung geschieht also automatisch, noch bevor wir darüber nachdenken können. Sie aktiviert entsprechende autonome Zustände – Sicherheit, Mobilisation oder Immobilisation – und beeinflusst damit unmittelbar, wie wir fühlen, wahrnehmen und handeln.
Porges betont, dass Neurozeption sowohl Top-down- als auch Bottom-up-Prozesse umfasst: “Neuroception involves both top-down and bottom-up processes. Top-down mechanisms reflect cortical evaluation of facial expression, vocal prosody, and gesture that conveys the intentions of others. Bottom-up processes include the afferent feedback from the body that can influence the regulation of the brainstem circuits that control the autonomic state.” (Porges, 2009, S. S88–S89). Das bedeutet: Einerseits interpretiert der Cortex soziale Signale wie Stimme, Mimik oder Körperhaltung und schließt daraus auf die Absicht eines Gegenübers (Top-down); andererseits geben viszerale Empfindungen, Herzrhythmus oder Darmaktivität Rückmeldung über den inneren Zustand des Körpers (Bottom-up). Neurozeption verbindet also das, was wir wahrnehmen, mit dem, was wir körperlich spüren – und bestimmt so, ob wir uns öffnen oder schützen.
Entscheidend ist: Diese neurophysiologische „Sicherheitsmessung“ ist geprägt von unserer Geschichte. Frühe Bindungserfahrungen, Stress oder Traumata können das System „verstimmen“ – Porges spricht davon, dass die Neurozeption retuned werden kann (Porges, 2021, S. 3). Dann reagiert das Nervensystem vielleicht überempfindlich auf Signale, die eigentlich neutral oder freundlich sind, und meldet Gefahr, wo keine ist. So entstehen chronische Zustandsmuster, die unsere Wahrnehmung und unser Verhalten filtern.
In diesem Sinne gilt: Story follows state. Unser Körperzustand – also der State – prägt die Geschichte, die wir über uns und die Welt erzählen. Wenn das Nervensystem Sicherheit signalisiert, entsteht Vertrauen, Offenheit und Mitgefühl; wenn es Gefahr meldet, sehen wir die Welt durch die Linse von Misstrauen oder Bedrohung. Erst wenn wir den physiologischen Zustand verändern, kann sich auch die Geschichte wandeln.
Die verschiedenen Äste des autonomen Nervensystems – drei Pfade der Regulation
Die Polyvagal-Theorie beschreibt das autonome Nervensystem (ANS) nicht mehr als ein einfaches Gleichgewicht zwischen Sympathikus und Parasympathikus, sondern als ein dynamisches, hierarchisch aufgebautes System mit drei phylogenetisch gestaffelten Reaktionswegen. Stephen Porges spricht in diesem Zusammenhang von unterschiedlichen „neurophysiologischen Skripten“, die sich im Verlauf der Evolution herausgebildet haben, um auf Situationen von Sicherheit, Gefahr und Lebensbedrohung adaptiv zu reagieren (Porges, 2009).
An oberster Stelle steht der ventrale Vagus, das sogenannte Social Engagement System. Es ist der jüngste Zweig des autonomen Nervensystems und ermöglicht soziale Verbundenheit, Vertrauen und Ko-Regulation. Seine myelinisierten Fasern entspringen dem Nucleus ambiguus und sind eng mit den Hirnnerven für Gesichtsausdruck, Stimme, Hören und Atmung verschaltet. Dadurch werden feine Abstimmungen von Mimik, Blickkontakt, Stimmmelodie und Atmung möglich – jene subtilen Signale, über die Menschen einander Sicherheit vermitteln. Ist dieses System aktiv, verlangsamt sich der Herzschlag, der Körper kann regenerieren und sich öffnen; man erkennt dies physiologisch an einer hohen Respiratory Sinus Arrhythmia (RSA), einem Maß für vagale Flexibilität. Porges fasst es so zusammen: “The mammalian myelinated vagus serves as a brake on the heart, promoting calm behavioral states and fostering social engagement.” (Porges, 2009).
Wenn die Umgebung jedoch als potenziell bedrohlich wahrgenommen wird, übernimmt der Sympathikus die Regulation. Er bereitet den Organismus auf Mobilisation vor – auf Kampf oder Flucht. Herzfrequenz und Muskeltonus steigen, die Verdauung wird gehemmt, die Wahrnehmung verengt sich auf Gefahrenreize. Dieser Zustand ist metabolisch kostenintensiv und reduziert die Zugänglichkeit für soziale Signale: Ein Körper, der auf Überleben ausgerichtet ist, kann nicht gleichzeitig Verbundenheit herstellen.
Wird die Bedrohung zu groß und die aktive Verteidigung erscheint aussichtslos, greift das älteste System: der dorsale Vagus. Seine unmyelinisierten Fasern entspringen dem dorsalen motorischen Kern und sind phylogenetisch der ursprüngliche parasympathische Weg der Wirbeltiere. In Extremsituationen führt seine Aktivierung zu Immobilisation – ein Schutzmechanismus, der sich als „Freeze“, Bradykardie, Erschlaffung der Muskulatur oder gastrointestinale Symptome äußern kann. Es ist die älteste Überlebensstrategie: Energiesparen, Erstarrung, Rückzug aus der Wahrnehmung. Wie Porges (2009) beschreibt, stellt dieser Zustand die „phylogenetisch älteste Form der parasympathischen Reaktion“ dar – eine Art biologische Notabschaltung, wenn alle anderen Systeme versagen.
Die Polyvagal-Theorie zeigt damit, dass unsere Reaktionen auf die Welt nicht willkürlich, sondern hierarchisch organisiert sind: Sicherheit ermöglicht soziale Offenheit; wahrgenommene Gefahr führt zu Mobilisation; und extreme Bedrohung zu Erstarrung. Diese drei Pfade – ventral vagal, sympathikoton, dorsal vagal – bilden zusammen das Kontinuum menschlicher Regulation zwischen Verbindung und Überleben.
Verbindung zu Maslow – Sicherheit als Grundlage allen Wachstums
Abraham Maslow beschrieb die menschlichen Bedürfnisse in einer hierarchischen Ordnung: Erst wenn die physiologischen Grundbedürfnisse wie Nahrung, Schlaf und Atmung gesichert sind, entsteht Raum für das Bedürfnis nach Sicherheit – und darauf aufbauend für Zugehörigkeit, Wertschätzung und Selbstverwirklichung. Was Maslow psychologisch formulierte, liefert Stephen Porges mit der Polyvagal-Theorie als neurobiologische Grundlage nach.
Sicherheit ist in diesem Modell kein bloßes Gefühl, sondern ein körperlicher Zustand. Das ventrale vagale System vermittelt diesen Zustand durch seine beruhigende Wirkung auf Herz, Atmung und Gesichtsmuskulatur. Wenn dieses System aktiv ist, kann der Organismus in einen Zustand von Regeneration, Wachstum und sozialer Offenheit übergehen – genau jene Voraussetzungen, die Maslow als Basis für höhere Bedürfnisse beschrieb.
Porges schreibt, dass die Aktivierung des ventral-vagalen Netzwerks physiologische Zustände hervorbringt, die „homeostatic support, growth and restoration“ ermöglichen (Porges, 2009). Wird hingegen chronisch Gefahr signalisiert, schaltet das Nervensystem auf Verteidigung um. In solchen Zuständen sind Vertrauen, Bindung oder Kreativität neurophysiologisch blockiert. So lässt sich Maslows Sicherheitsstufe als die Schwelle zwischen Überleben und Entfaltung verstehen – eine Schwelle, die im Körper verankert ist.
Verbindung zu Brazelton & Greenspan – Sicherheit als Wurzel emotionaler Entwicklung
Die Kinderärzte T. Berry Brazelton und Stanley Greenspan beschrieben in ihren Modellen der frühkindlichen Entwicklung sieben fundamentale Bedürfnisse – darunter besonders Sicherheit, liebevolle Beziehungen und emotionale Kommunikation. Porges liefert hierzu die biologische Erklärung, wie diese Bedürfnisse überhaupt entstehen und erfüllt werden können.
In den ersten Lebensmonaten reguliert sich der Säugling ausschließlich über Co-Regulation mit der Bezugsperson: über Stimme, Mimik, Rhythmus und Berührung. Diese Interaktionen aktivieren den ventralen Vagus, der Atmung, Herzrhythmus und Gesichtsmotorik miteinander verschaltet. Saugen, Atmen, Schlucken und Lautäußerungen („suck–swallow–breathe–vocalize“) bilden ein fein abgestimmtes Muster, das Sicherheit vermittelt und Bindung stärkt.
Damit schafft Porges eine neurophysiologische Brücke zu Brazelton & Greenspan: Das Bedürfnis nach Sicherheit und liebevoller Beziehung ist nicht nur emotional, sondern tief biologisch. Es entsteht in der gegenseitigen Abstimmung zweier Nervensysteme – eine Resonanz, die den Boden für emotionale Entwicklung, Selbstregulation und soziale Kompetenz bildet.
Verbindung zu Laurence Heller und dem NARM-Modell – Vertrauen als Regulationsergebnis
Der Psychotherapeut Laurence Heller entwickelte das Neuroaffektive Beziehungsmodell (NARM), das auf die Heilung von Entwicklungs- und Bindungstraumata zielt. Zentrale Themen sind Selbstregulation, Kontakt und besonders Vertrauen. Porges liefert hier die neurobiologische Basis: Vertrauen ist ein physiologischer Zustand, der nur entstehen kann, wenn das Nervensystem Sicherheit signalisiert.
Frühe traumatische Erfahrungen können die Neurozeption – also die unbewusste Wahrnehmung von Sicherheit oder Gefahr – dauerhaft verändern. Porges spricht davon, dass das Nervensystem durch solche Erlebnisse „retuned“ wird (Porges, 2021). Das bedeutet: Selbst in objektiv sicheren Situationen kann der Körper Gefahr signalisieren, wodurch das Social Engagement System nicht zugänglich ist.
NARM und die Polyvagal-Theorie treffen sich hier auf der gleichen Ebene: Beide betonen, dass Heilung erst möglich wird, wenn der Körper wieder Sicherheit spürt. Therapeutische Arbeit zielt daher nicht nur auf Einsicht oder kognitive Neubewertung, sondern auf die Regulation des States – über Beziehung, Präsenz, Atmung und Resonanz. So entsteht Vertrauen nicht als Gedanke, sondern als verkörperte Erfahrung.
Verbindung zu Fritz Riemann – Angst als Ausdruck des autonomen Zustands
Der Psychoanalytiker Fritz Riemann beschrieb in seinem Klassiker Grundformen der Angst vier existentielle Angstpole, die menschliches Verhalten prägen: Angst vor Selbsthingabe, Angst vor Selbstwerdung, Angst vor Veränderung und Angst vor Notwendigkeit. Diese Ängste sind für Riemann Grundkonstanten des Lebens – sie strukturieren Persönlichkeit und Beziehung.
Die Polyvagal-Theorie bietet dazu eine physiologische Lesart: Angst ist kein rein psychisches Phänomen, sondern Ausdruck eines autonomen Zustands. Wenn das Nervensystem Gefahr detektiert, aktiviert es Mobilisation (Sympathikus) oder Immobilisation (dorsaler Vagus). Jeder Mensch entwickelt in seiner Geschichte bevorzugte Muster – also spezifische Weisen, wie sein Körper auf Unsicherheit reagiert. Diese Muster lassen sich als chronifizierte autonome Zustände verstehen.
So entsteht eine Brücke zwischen Riemanns psychodynamischer Typologie und Porges’ neurophysiologischer Logik: Angst ist nicht nur „in der Seele“, sondern im Körper eingeschrieben. Der Weg zur inneren Freiheit führt daher über die Fähigkeit, den eigenen physiologischen Zustand zu regulieren – also vom autonomen Reflex zur bewussten Selbstberuhigung.
Fazit
Aus polyvagaler Sicht ist Sicherheit kein Bedürfnis unter vielen, sondern die physiologische Wurzel aller Bedürfnisse. Erst wenn der Körper Sicherheit spürt, kann die Psyche wachsen, kann Beziehung entstehen, kann Bewusstsein sich erweitern. Das Gefühl von Vertrauen, das Streben nach Sinn oder die Fähigkeit zur Liebe – all das ruht auf der stillen Arbeit des ventralen Vagus.
Damit schließt sich der Kreis: Was Panksepp als biologische Affektsysteme beschrieb, zeigt Porges als deren Regulationsgrundlage im Nervensystem. Sicherheit ist nicht bloß ein Zustand der Abwesenheit von Angst, sondern ein lebendiger Raum, in dem Verbindung, Mitgefühl und Kreativität überhaupt erst möglich werden.
Vielleicht lässt sich so auch das uralte moralische Ringen neu lesen: Der gute Mensch ist nicht der, der sich über seine Triebe erhebt, sondern der, dessen Körper sicher genug ist, um offen zu bleiben. In dieser Perspektive wird Therapie – und letztlich jede Form menschlicher Begegnung – zu einem Prozess der Wiederherstellung von Sicherheit: im Körper, in der Beziehung, in der Welt. Denn erst wenn wir uns sicher fühlen, können wir uns wirklich begegnen.
Literatur:
- Porges S. W. (2009). The polyvagal theory: new insights into adaptive reactions of the autonomic nervous system. Cleveland Clinic journal of medicine, 76 Suppl 2(Suppl 2), S86–S90. https://doi.org/10.3949/ccjm.76.s2.17
- Porges S. W. (2021). Polyvagal Theory: A biobehavioral journey to sociality. Comprehensive psychoneuroendocrinology, 7, 100069. https://doi.org/10.1016/j.cpnec.2021.100069
- Porges S. W. (2023). The vagal paradox: A polyvagal solution. Comprehensive psychoneuroendocrinology, 16, 100200. https://doi.org/10.1016/j.cpnec.2023.100200
- Porges Stephen W. & Porges, Seth (2023). Our polyvagal world. How safety and trauma change us. New York: W.W. Norton and Company Inc.
Bilder:
- Foto von Johannes Plenio auf Unsplash

