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Bedürfnisse – Blickwinkel – Teil 15 – Jaak Panksepp

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Während Antonio Damasio (letzter Artikel) aufzeigt, dass Gefühle untrennbar mit der Regulation des Körpers und damit mit der Aufrechterhaltung des Lebens verbunden sind, öffnet Jaak Panksepp den Blick auf die tiefer liegenden emotionalen Systeme, die diesen Prozessen zugrunde liegen. Während Damasio beschreibt, wie Emotionen unsere Homöostase regulieren, erforscht Panksepp die neuronalen und affektiven Grundsysteme, die dieses Verhalten aus biologischen Bedürfnissen heraus antreiben.

Panksepp betont, dass Emotionen nicht sekundäre, kognitive Konstruktionen sind, sondern primäre biologische Handlungsprogramme, die tief in subkortikalen Strukturen des Gehirns verankert sind. Diese Systeme steuern grundlegende Motivationen wie Exploration, Bindung, Fürsorge und Spiel. Sie sind gewissermaßen die neurobiologischen Wurzeln unserer Bedürfnisse (Panksepp, 2005). Seine Arbeit verdeutlicht, dass unsere emotionalen Impulse nicht bloß Reaktionen sind, sondern Ausdruck universeller, evolutionär verankerter Bedürfnisse nach Sicherheit, Bindung, Exploration und sozialer Verbundenheit. 

Wer ist Jaak Panksepp?

Jaak Panksepp war ein einflussreicher Neurobiologe und Pionier der affektiven Neurowissenschaft, der die Disziplin “affective neuroscience” wesentlich geprägt hat. Seine Arbeit verknüpft vergleichende Tierforschung, elektrophysiologische Hirnstimulation und pharmakologiegestützte Experimente mit theoretischer Synthese. Sein Ziel bestand darin, die evolutionär konservierten, subkortikalen „emotional operating systems“ der Säugetierhirne zu identifizieren und zu beschreiben. Seine große Lehrschrift Affective Neuroscience (1998) bietet die systematische Darstellung dieser Idee. Was war die Grundidee dahinter?

Grundidee: primäre emotionale Betriebssysteme

Panksepp schlägt vor, dass im Säugetiergehirn mehrere relativ autonome, evolutionär alte neuronale Betriebssysteme existieren, die bestimmte psychobehaviorale Tendenzen, Gefühle und Handlungsprogramme hervorbringen. Diese Systeme sind phylogenetisch konserviert, liegen tief subkortikal (limbisch / hypothalamisch / Hirnstamm) und lassen sich bei vielen Säugetieren, und teils sogar bei wirbellosen Tieren, durch gezielte elektrische und chemische Stimulation aktivieren. Panksepp bezeichnet die wichtigsten dieser Systeme (konventionell in Großbuchstaben geschrieben) als: SEEKING, RAGE (ANGER), FEAR, PANIC/SADNESS (Separation Distress), CARE, LUST, PLAY. Diese Systeme sind nach Panksepp als „primary process emotions“ zu verstehen. Sie bilden die basalen neurodynamischen Grundlagen des Fühlens und Handelns und wirken unabhängig von kognitiven Bewertungen. Erst auf dieser Basis entstehen sekundäre Lernprozesse und schließlich bewusste Gefühle (Panksepp, 2005). Panksepp unterscheidet klar drei Ebenen:

  1. primäre, instinkthafte Emotionen (subkortikal),
  2. sekundäre Lernprozesse (klassische/operante Konditionierung) und
  3. tertiäre, neokortikale Denk- und Grübelprozesse.

Diese Schichtung erklärt, warum Emotionen sowohl evolutionär tief verwurzelt als auch durch Erfahrung modifizierbar sind und warum therapeutische Arbeit sowohl auf Körper-/Affekt- als auch auf Lern- und Denkebenen ansetzen sollte (Panksepp, 2010). Diese Aufteilung bildet auch die Grundlage des ANPS-Fragebogens.

Warum Panksepp für die Arbeit mit Bedürfnissen zentral ist

Jaak Panksepp hat das, was in der Psychologie oft als Emotion oder Gefühl verstanden wird, auf eine neue, körperlich tief verankerte Ebene zurückgeführt. Er zeigte, dass unsere emotionalen Regungen keine rein psychischen oder kulturellen Phänomene sind, sondern biologische Grundkräfte, also Urbewegungen des Lebens. Diese „Urbewegungen“ sind nach Panksepp keine bloßen Reaktionen, sondern Ausdruck eines evolutionär gewachsenen Bewusstseins, das im Körper verankert ist. Affektive Zustände entstehen aus neuronalen Kernsystemen, die das Überleben und die soziale Verbundenheit fördern. Sie sind somit die Brücke zwischen Biologie und subjektivem Erleben (Panksepp, 2005). Diese Kräfte sind in uns angelegt wie die Grundfarben einer inneren Palette, aus denen sich unser Erleben, unsere Beziehungen und unser Bedürfnisleben zusammensetzen. Wenn wir im therapeutischen oder persönlichen Prozess von Bedürfnissen sprechen, sprechen wir letztlich über diese affektiven Systeme, über neurobiologische Programme, die das Leben auf Verbindung, Sicherheit, Neugier und Nähe hin organisieren.

Emotionen als evolutionäre Wurzeln des Menschseins

Panksepp zeigt, dass Emotionen nicht erst durch Denken entstehen, sondern umgekehrt. Das Denken baut sich auf emotionalen Zuständen auf. Lange bevor Menschen sprechen oder reflektieren konnten, haben sich im Säugetiergehirn emotionale Steuerungssysteme entwickelt, die Verhalten organisieren: Flucht, Kampf, Bindung, Fürsorge, Neugier, Spiel. Diese Systeme sind tief im limbischen und hirnstammnahen Bereich verankert. Dort entsteht das, was wir als Affekt oder „gefühlte Energie“ erleben, also die unmittelbare Bewegung, etwas zu tun, etwas zu suchen, etwas zu vermeiden, jemanden zu rufen.  Panksepp beschreibt diese affektiven Impulse als „core consciousness“ des Lebendigen. Sie repräsentieren die älteste Form bewusster Erfahrung im Gehirn, aus der sich alle höheren mentalen Prozesse entwickeln (Panksepp, 2005).

Therapeutisch bedeutet das: Wenn wir mit Emotionen arbeiten, arbeiten wir an der Basis des Lebens. Wir greifen auf etwas zu, das älter ist als jede Lebensgeschichte, älter als jedes Narrativ, etwas, das uns mit allen Lebewesen verbindet.

Die einzelnen Systeme

Panksepp beschreibt sieben primäre emotionale Systeme. Jedes dieser Systeme drückt ein Grundbedürfnis des Lebendigen aus und kann sowohl in gesunder als auch in dysregulierter Form erlebt werden. In der therapeutischen Arbeit können sie als Karten verstanden werden, um das innere Erleben von Menschen zu orientieren.

SEEKING

  • Funktion: antreibende Explorations-/Such-Motivation; Erwartung, Neugier, das „Energie-/Batterie-Gefühl“, das Handeln motiviert (Nahrungs-, Partnersuche, Zielverfolgung).
  • Neuroanatomie & Chemie: zentrale Rolle von mesolimbischen Dopaminpfaden (VTA— mediales Vorderhirnbündel — Basalganglien, lateraler Hypothalamus).
  • Methodenbefund: Stimulation bestimmter subkortikaler Bahnen erhöht zielgerichtetes Suchen; Psychostimulanzien (Amphetamine, Kokain) aktivieren ähnliche Prozesse.
  • Klinische Relevanz: Unterfunktion ist mit Antriebslosigkeit/Depression assoziiert; therapeutische Tiefenhirnstimulation in SEEKING-Arealen wird bei therapierefraktärer Depression untersucht. 
  • Grundbedürfnis: Entdecken, sich mit der Welt verbinden, Sinn und Richtung erleben. Wenn SEEKING aktiv ist, fühlen wir uns wach, kreativ und handlungsfähig. Wird es blockiert, z.B. durch Angst, Erschöpfung oder chronische Enttäuschung, entsteht Antriebslosigkeit, Leere, Depression. Therapeutisch: Menschen, deren SEEKING-System erschöpft ist, brauchen keine reine Motivation, sondern wieder Zugang zu dem, was sie innerlich bewegt. Achtsamkeit, Bewegung und kreativer Ausdruck können SEEKING reaktivieren. Sie nähren die innere Energie, die uns mit der Welt in Kontakt bringt. Panksepp beschreibt SEEKING als das „reality-creating“ mesolimbische System, das Neugier, Voraussicht und Zielverfolgung generiert. Seine Dysfunktion erklärt zentrale Elemente von Antriebslosigkeit und Anhedonie bei Depression. (Panksepp, 2010).

    Wright und Panksepp (2012) betonen, dass das SEEKING-System nicht einfach ein „Belohnungssystem“ ist, sondern eine evolutionär alte, energetische Triebkraft, die das Lebewesen dazu befähigt, aktiv und erwartungsvoll mit der Welt in Beziehung zu treten. Dieses System erzeugt nicht primär Genuss, sondern ein Gefühl lebendiger Vorfreude und Eifer, das Handlungsenergie freisetzt: “This ‘rewarding system’ does not generate sensory pleasure but, rather, a psychomotor eagerness to obtain resources that can engender pleasure and also help avoid distress” (Wright & Panksepp, 2012, S. 6). Damit wird SEEKING zu einer Art neurobiologischer Quelle von Lebensfreude und Sinnsuche, einer Basisbewegung, die therapeutisch wieder aktiviert werden kann, wenn Antrieb, Neugier oder Lebensenergie erloschen sind.

RAGE / ANGER

  • Funktion: Reaktion auf Behinderung/Frustration; Energie, um Hindernisse zu entfernen oder Ressourcen zu verteidigen.
  • Neuroanatomie & Chemie: Hypothalamus, Periaquäduktales Grau (PAG), Amygdala; Serotoninerge Systeme modulieren Impulsivität/Aggression; MAO-A-Varianten können Risiko mit Umweltinteraktionen erhöhen.
  • Interaktion: SEEKING und RAGE sind teilweise gegensätzlich reguliert (gegenseitige Hemmung). 
  • Grundbedürfnis: Schutz der Integrität, Wahrung der Grenzen, Wiederherstellung von Gerechtigkeit. RAGE entsteht, wenn ein Bedürfnis blockiert wird oder ein Lebewesen eingeschränkt wird. Es ist nicht destruktiv per se. Es ist ein Signal, dass Lebenskraft auf ein Hindernis trifft. In unterdrückter Form führt es zu Passivität und Selbstaufgabe; in überaktiver Form zu Aggression oder chronischer Gereiztheit. Therapeutisch: Gesunde Wut ist eine Kraftquelle. Wenn sie sicher gefühlt und in Handlung umgesetzt werden darf, verwandelt sie sich in Klarheit und Selbstwirksamkeit. Hier geht es um Verkörperung von Stärke ohne Gewalt.

FEAR

  • Funktion: unmittelbare Vermeidung und Schutz vor Bedrohung (Furcht vs. Angst: unterschiedliche Bedeutungen — Orientierung/unsicher vs. klar definierte Bedrohung).
  • Neuroanatomie: Amygdala, Hypothalamus, PAG und mit Stresshormonachsen verknüpfte Systeme.
  • Klinik: Überaktivität/Plastizität dieser Schaltkreise wird mit Angststörungen, PTSD u.ä. in Verbindung gebracht. 
  • Grundbedürfnis: Sicherheit, Schutz, Geborgenheit. FEAR ist ein uraltes Überlebenssystem. Es schützt uns, wenn Gefahr droht. Problematisch wird es, wenn es dauerhaft aktiviert bleibt, dann erleben wir das Leben als Bedrohung. Therapeutisch: Angst will nicht bekämpft, sondern verstanden werden. Sie ist die Bewegung des Lebens, das „Nein“ sagt, wenn etwas zu viel ist. Indem wir sie würdigen, kann sie sich verwandeln in Präsenz und Intuition.

    Wright und Panksepp (2012) betonen, dass das FEAR-System in enger Gegenspielerschaft zum SEEKING-System steht. Wenn Angst chronisch aktiv ist, wird die dopaminerge Energie des SEEKING-Systems gehemmt, der Organismus verliert seinen explorativen Impuls und richtet seine Aufmerksamkeit auf Vermeidung statt auf Verbindung. Dadurch entsteht eine Art „existenzielle Enge“, in der Schutz wichtiger wird als Neugier: “When fear dominates, the organism’s exploratory impulses are inhibited; SEEKING activity gives way to defensive postures designed to minimize exposure to potential harm” (Wright & Panksepp, 2012, S. 10). Therapeutisch betrachtet bedeutet das: Angst reduziert nicht nur Handlungsspielräume, sondern schließt den Zugang zu Lebensenergie und Interesse. Erst wenn Sicherheit spürbar ist, kann das SEEKING-System wieder aktiviert werden. Das ist ein Prozess, der Heilung ermöglicht, weil sich Angst und Neugier gegenseitig regulieren.

PANIC / SADNESS

  • Funktion: soziale Bindung, Sehnsucht, Trennungs-/Bindungsschmerz; motiviert Wiederannäherung an soziale Partner (Überlebenswert für Jungtiere).
  • Neurochemie: Opioid-Systeme, verschiedene Peptide (z. B. Motive rund um endogene Opioide) sind relevant; Distress-Vocalizations bei Tieren sind Verhaltensindizes.
  • Klinik: Überaktivität kann mit anhaltender Traurigkeit / Depression zusammenhängen; Opiat-Selbstmedikation wird diskutiert. Nach Panksepp ist das Trennungs-/GRIEF-System evolutionär eng mit Schmerz-Mechanismen verknüpft und wird stark von endogenen Opioiden und Oxytocin moduliert. Seine Überaktivität kann das „psychische Schmerzgefühl“ erklären, das in vielen Formen von Depression zentral ist. Daher schlagen Panksepp und Kollegen gezielte Interventionen vor, die soziale Bindung und opioiderge/oxytocinerge Regulation stärken (Panksepp, 2010).
  • Grundbedürfnis: Zugehörigkeit, Bindung, Wiederverbundenheit. Dieses System wird aktiviert, wenn wir jemanden verlieren oder uns getrennt fühlen. Es motiviert soziale Annäherung und das Bedürfnis nach Nähe. In seiner gesunden Form verbindet es uns mit Mitgefühl; in seiner Überaktivierung führt es zu Depression und Rückzug. Therapeutisch: Trauer ist ein Weg der Wiederverbindung. Wenn Menschen ihren Trennungsschmerz fühlen dürfen, öffnet sich oft wieder das CARE-System, die Fähigkeit, Nähe zuzulassen und sich selbst zu trösten.

CARE (Fürsorge / Bindung)

  • Funktion: CARE fördert Fürsorge und Bindung (Nurturance).
  • Neurochemie: Oxytocin als Schlüsselmolekül für Bindung/soziale Kognition; Hypothalamus/Neurohypophyse sind anatomisch wichtig.
  • Grundbedürfnis: Geben und Empfangen von Zuwendung. CARE organisiert mütterliche und partnerschaftliche Bindung, Oxytocin ist zentral. Es öffnet uns für Empathie und Co-Regulation. In Dysregulation wird Fürsorge zur Selbstaufgabe oder zur Distanz. Therapeutisch: CARE reift durch Selbstmitgefühl. Menschen, die sich selbst liebevoll halten lernen, öffnen dieses System und damit die Fähigkeit, Verbundenheit zu erleben, ohne sich zu verlieren.

LUST (Lust / Sexualität)

  • Funktion: LUST regelt reproduktives Verhalten.
  • Neurochemie: Oxytocin als Schlüsselmolekül für Bindung/soziale Kognition; Hypothalamus/Neurohypophyse sind anatomisch wichtig.
  • ANPS-Bezug: LUST wird im ANPS (= Affective Neuroscience Personality Scales) nicht erfasst, gehört aber zu Panksepps zentralen Systemen. Es steht für die Lebendigkeit und Sinnlichkeit des Seins.
  • Grundbedürfnis: Nähe, Fortpflanzung, körperliche Freude. LUST ist das Lebensprinzip, das Körper und Seele verbindet. Therapeutisch: In gesunder Form ist es das Bedürfnis, das eigene Leben zu spüren und zwar sinnlich, lebendig, verkörpert. Arbeit mit Scham, Körperakzeptanz und Präsenz kann hier Heilung bringen.

PLAY

  • Funktion: rough-and-tumble play fördert soziale Kompetenz, Motorik, Emotionsregulation; ist ein evolutionäres Lern- und Sozialisierungsinstrument.
  • Neurochemie: Opioide spielen eine Rolle; Ultrasonic-Vocalizations (z. B. 50-kHz beim Rattenlachen) sind Indikatoren.
  • Klinik: Defizite werden mit Entwicklungsstörungen (z. B. Autismus, ADHS-Hypothesen) in Verbindung gebracht; Spieltherapien sind relevant. 
  • Grundbedürfnis: soziale Nähe, Lernen, gemeinsames Entdecken. PLAY ist essenziell für Entwicklung und psychische Gesundheit. In ihm lernen wir, Beziehungen zu gestalten, Grenzen zu erfahren und Vertrauen zu bilden. Erwachsene, die den Zugang zu PLAY verloren haben, erleben das Leben oft als Pflicht statt als Begegnung. Therapeutisch: Humor, Leichtigkeit, Tanz, kreativer Ausdruck reaktivieren dieses System. In Gruppenarbeit, Körpertherapie oder Improvisation kann PLAY zum Tor für Heilung werden. Panksepp hebt hervor, dass PLAY positive Neurotrophine und opioid-ähnliche Prozesse stimuliert und deshalb gezielte spielerische Interventionen (auch im Erwachsenenalter) neuroplastische und stimmungsaufhellende Effekte haben können. (Panksepp, 2010).

Integration: Bedürfnisse als „emotionale Landkarte“

Panksepps Systeme zeigen, dass Bedürfnisse keine abstrakten Konzepte sind, sondern neurobiologisch fundierte Bewegungen. Wenn ein System aktiviert ist, spüren wir ein Bedürfnis und wenn es erfüllt wird, erleben wir Ruhe und Zufriedenheit.

  • SEEKING → Bedürfnis nach Sinn, Handlung, Lebensfluss
  • FEAR → Bedürfnis nach Sicherheit
  • RAGE → Bedürfnis nach Selbstbestimmung
  • PANIC/SADNESS → Bedürfnis nach Verbindung
  • CARE → Bedürfnis nach Geborgenheit und Mitgefühl
  • PLAY → Bedürfnis nach Freude und Lebendigkeit
  • LUST → Bedürfnis nach Körperlichkeit und Verschmelzung

Panksepps Modell liefert ein diagnostisches Raster: durch das Abschätzen der relativen Stärke/Schwäche primärer Systeme (z.B. über ANPS-Screening) lassen sich therapeutische Prioritäten setzen - SEEKING stärken, GRIEF regulieren, PLAY wieder zulassen. Auf dieser Basis können Interventionen ausgewählt werden, die nicht nur kognitiv, sondern systemisch-affektiv wirken (Panksepp, 2005; 2010). In der therapeutischen Arbeit können diese Systeme helfen, das emotionale Erleben zu kartieren: Was ist aktiv? Welches Bedürfnis ruft? Und welches System braucht Regulation oder Ausdruck? Panksepp verstand Emotionen als Boten des Lebenswillens. Für die therapeutische Praxis bedeutet das:

  • Wir müssen Emotionen nicht „kontrollieren“, sondern sie verstehen.
  • Wir helfen Menschen, ihre innere Lebenskraft wieder zu spüren, anstatt sie zu unterdrücken.
  • Wir erkennen, dass Bedürfnisse keine Schwächen sind, sondern Wege zur Verbindung, zu sich selbst, zu anderen und zur Welt.

Entstehungsgeschichte oder wie diese Systeme phylogenetisch wurden

Das Wissen um diese evolutionären Wurzeln hilft, Emotionen im therapeutischen Prozess nicht als Defizite, sondern als uralte Lebensbewegungen zu verstehen, die Ausdruck eines Anpassungswillens sind. Panksepp argumentiert, dass diese emotionalen Systeme sich schrittweise aus älteren reflex- und instinktähnlichen Reaktionsmustern entwickelt haben. Evolution modifizierte und koordinierte bereits vorhandene Mechanismen (z.B. Suchverhalten, Flucht, Paarungsverhalten) zu integrierten „command processes“, die flexibles Verhalten unter Stress- und Belohnungsbedingungen erlauben. 

Da limbische/subkortikale Strukturen stark über Säugetiere hinweg konserviert sind, sind die zugehörigen emotionalen Schaltkreise genetisch verankert und vergleichsweise stabil. Deshalb sind Tiermodelle (insbesondere Nagetiere) sinnvoll, um Grundzüge menschlicher Emotionalität zu studieren. 

Panksepp zitiert Befunde, wonach sehr basal verankerte Motivationsprozesse (z.B. dopaminerge SEEKING-ähnliche Aktivität) bis in sehr entfernte Linien nachweisbar sind. Manche Elemente sogar in wirbellosen Tieren (z. B. Erforschung von Neugierverhalten bei Flusskrebsen, mit dopaminerger Beteiligung). Das unterstützt die Idee, dass die Grundlagen dieser Systeme sehr alt sind. 

Panksepp im größeren Kontext

Er liefert eine Neurobiologie-gestützte Basis, um psychologische Bedürfnisse (z.B. nach Nähe, Exploration, Spiel) als emergente Produkte konkreter, evolutionär geformter Gehirnsysteme zu verstehen, nicht nur als kulturelle Konstrukte. Das macht Bedürfnisse mess- und manipulierbar in Forschung und Therapie.

Er schließt eine Brücke zwischen Tier und Mensch: Seine Betonung auf konservierten subkortikalen Systemen erlaubt es, Tierbefunde verantwortbar auf menschliche Emotionen/Bedürfnisse zu übertragen, relevant für Psychopathologie (z.B. Depression, Angst, Aggression), Therapieansätze und psychometrische Instrumente wie das ANPS. 

Panksepp schuf ein klares Vokabular (SEEKING, PLAY etc.) und argumentierte für experimentell überprüfbare „command systems“, wodurch Emotionen nicht länger nur vage philosophische Begriffe sind, sondern bezugnehmbar auf Neuroanatomie und Neurochemie. 

Sein Modell erklärt, warum Über- oder Unteraktivität bestimmter Systeme in typische psychische Störungsbilder münden kann (z.B. depressive Unteraktivität von SEEKING, Überaktivität von SADNESS etc.). Das eröffnet therapeutische Zielrichtungen (Pharmaka, Stimulation, Psychotherapie). 

Verbindung zum ANPS (Affective Neuroscience Personality Scales)

Das ANPS (Reuter, Panksepp, Davis & Montag, 2017) operationalisiert Panksepps primäre emotionale Systeme als Persönlichkeitsdimensionen (Skalen für SEEKING, PLAY, CARE, SADNESS, FEAR, ANGER; LUST nicht enthalten). Damit wird das neuroevolutionäre Konzept direkt in ein psychometrisches Instrument überführt, das individuelle Unterschiede in diesen basal-emotionalen Systemen erfasst. Das Manual erklärt Hintergrund, Items und Validierung (z.B. Überschneidungen mit etablierten Persönlichkeitsmodellen und genetische Befunde). 

Kurze Zusammenfassung

Panksepp hat gezeigt, dass grundlegende emotionale Bedürfnisse (z.B. nach Zugehörigkeit, Exploration, Spiel, Schutz) neurobiologische Wurzeln in alten, über Säugetiere konservierten subkortikalen Systemen haben. Seine Methode (Stimulation + Pharmakologie + Verhalten) ermöglichte das Identifizieren mehrerer „primärer“ Systeme: SEEKING, RAGE/ANGER, FEAR, PANIC/SADNESS, CARE, LUST, PLAY. Diese Systeme erklären, wie Bedürfnisse entstehen, wie sie sich phylogenetisch entwickelten und wie ihre Dysregulation zu psychischen Störungen führen kann Das sind Gründe, warum Panksepp meiner Meinung nach zentral ist für das Verständnis von Bedürfnissen. 

Panksepps Modell ist eine Einladung, den Menschen nicht über seine Störung, sondern über seine Lebensbewegung zu verstehen. Wenn wir spüren, welches System gerade spricht, können wir Bedürfnisse klarer benennen, Selbstmitgefühl kultivieren und Verbindung wieder ermöglichen. So wird neurobiologische Theorie zu gelebter Menschlichkeit. Panksepp (2005) betont, dass das Verständnis dieser primären emotionalen Systeme eine Rückverbindung zu unseren lebendigen Wurzeln ermöglicht. Wenn wir lernen, ihre Signale zu erkennen und zu integrieren, entsteht eine tiefere Selbst- und Welterfahrung – ein „affective consciousness“, das uns in Kontakt mit dem Leben selbst bringt.

Literatur:

  • Panksepp, J. (1998). Affective neuroscience: The foundations of human and animal emotions. Oxford University Press
  • Panksepp, Jaak (2005). Affective consciousness: Core emotional feelings in animals and humans. Consciousness and cognition, 14(1), 30–80. https://doi.org/10.1016/j.concog.2004.10.004
  • Panksepp, Jaak (2010). Affective neuroscience of the emotional BrainMind: evolutionary perspectives and implications for understanding depression. Dialogues in clinical neuroscience, 12(4), 533–545. https://doi.org/10.31887/DCNS.2010.12.4/jpanksepp
  • Reuter, M., Panksepp, J., Davis, K., & Montag, C. (2017). Affective Neuroscience Personality Scales (ANPS). Hogrefe.
  • Wright, J. S., & Panksepp, Jaak (2012). An Evolutionary Framework to Understand Foraging, Wanting, and Desire: The Neuropsychology of the SEEKING System. Neuropsychoanalysis, 14(1), 5–39. https://doi.org/10.1080/15294145.2012.10773683

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