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veröffentlicht am: 1. August 2018

Wieviel wiegt die Wiederholung?

Alles ist neu. Alles ist frisch und einmalig zu betrachten, alles was uns begegnet, alles was wir selbst tun und was wir sind. Alles ist lebendig. Nichts wiederholt sich. Wiederholung ist eine Scheinrealität. Zwanghafte Muster sind Konstruktionen unseres Geistes. Mit dieser Einstellung wird das Leben interessant, wie es für Kinder und für ältere Menschen ist. Und immer mehr Angst fällt von uns ab.

Wenn sich jede Sekunde unseres Lebens unendliche Male wiederholt, sind wir an die Ewigkeit genagelt wie Jesus Christus ans Kreuz. Eine schreckliche Vorstellung. In der Welt der ewigen Wiederkehr lastet auf jeder Geste die Schwere einer unerträglichen Verantwortung. Aus diesem Grund hat Nietzsche den Gedanken der Ewigen Wiederkehr “das schwerste Gewicht” genannt.

Wenn die Ewige Wiederkehr das schwerste Gewicht ist, kann unser Leben vor diesem Hintergrund in seiner ganzen herrlichen Leichtheit erscheinen.

Ist aber das Schwere wirklich schrecklich und das Leichte herrlich?

Das schwerste Gewicht beugt uns nieder, erdrückt uns, preßt uns zu Boden. (…) Das schwerste Gewicht ist also gleichzeitig ein Bild intensivster Lebenserfüllung. Je schwerer das Gewicht, desto näher ist unser Leben der Erde, desto wirklicher und wahrer ist es.

Im Gegensatz dazu bewirkt die völlige Abwesenheit von Gewicht, daß der Mensch leichter wird als Luft, daß er emporschwebt und sich von der Erde, vom irdischen Sein entfernt, daß er nur noch zur Hälfte wirklich ist und seine Bewegungen ebenso frei wie bedeutungslos sind.

Was also soll mann wählen? Das Schwere oder das Leichte?

Parmenides hat sich diese Frage im sechsten Jahrhundert vor Christus gestellt. Er sah die ganze Welt in Gegensatzpaaare aufgeteilt: Licht – Dunkel; Wärme – Kälte; Sein – Nichtsein. Er betrachtete den einen Pol (Licht, Feinheit, Wärme, Sein) als positiv, den anderen als negativ. Eine solche Aufteilung sieht kinderleicht aus, bringt jedoch eine Schwierigkeit mit sich: was ist positiv, das Schwere oder das Leichte?

Parmenides antwortete: das Leichte ist positiv, das Schwere ist negativ.

Hatte er recht oder nicht? Das ist die Frage. Sicher ist nur eines: der Gegensatz von leicht und schwer ist der geheimnisvollste und vieldeutigste aller Gegensätze. 1

Die Geisteshaltung, die dem angemessen ist, heißt Anfängergeist oder Präsenz, und sie drückt sich in Liebe und Kreativität aus. Jeder Tag eine Inszenierung und auch jede Arbeit eine kunstvolle Inszenierung. Präsenz vertreibt die Angst. Präsenz ist etwas, das man tun kann, vielleicht sogar das Einzige, das wir tun können. Kein hehres, schwer erreichbares Ziel, sondern das Naheliegendste der Welt, Anfängertum im Wahrnehmen, Denken und Tun. Angst hat in der Präsenz einfach keinen Platz. Geben Sie einfach die Idee auf, dass sich irgendetwas wiederholt.

 

1  Kundera, Milan (2009). Die unerträgliche Leichtigkeit des Seins (S. 11 ff). Frankfurt am Main: Fischer Taschenbuch Verlag

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