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veröffentlicht am: 14. August 2017

Verkörperte Gelassenheit

“Learn out of the past, be in the now, build for the future!”

Als ich mit 24 mein Abitur nachholte, bastelte ich an dem oben stehenden Satz. Er wurde einer meiner Lieblingsaphorismen. Ein vor kurzen geführtes Gespräch erinnerte mich wieder an diesen Aphorismus. Es war ein Gespräch über Zweifel, gesellschaftliche Zwänge, Angst und Zielen. Ein Herr, Anfang mittleren Alters, ich nenne ihn mal Max, geplagt von Zweifeln, gehemmt in seinen Entscheidungen bezüglich seiner beruflichen und persönlichen Entwicklung, sagte plötzlich den folgenden Satz zu mir, “du hast Recht”. Diesen Satz hörte ich in den letzten zwei Tagen vor Entstehung dieses Artikels zwei mal. Eine reine Lawine an Gedanken und ein plötzliches ungutes Gefühl wurden durch diesen Satz ausgelöst. Das zweite Mal fiel der Satz in dem vor kurzen geführten Gespräch mit Max, das erste Mal Mal benutzte ich ihn selbst und sagte ihn zu jemanden. Erst als ich den Satz auf mich bezogen zum zweiten Mal hörte, began ich nochmals darüber nachzusinnen.

Was ich hinter diesen Satz höre, ist eine Art von Machtübertragung. Im Vordergrund mag es danach aussehen, oder sich danach anhören, dass sich der Gesprächspartner für das Gesagte bedankt. Dies mag auch so sein. Im Hintergrund jedoch sehe ich eine gewisse Verwandtschaft mit gesellschaftlichen Zwängen. Dieser Hintergrund macht eine ganze Bandbreite an korrelativen Themen auf. Themen wie Ziele, Angst, Entwicklung etc. Hermann Hesse sagte einst, das nur der Mensch lebe, welcher seine Träume verwirklicht. Jetzt wissen wir, das dies nicht immer und überall möglich ist. Zum anderen hängt dies natürlich von den Zielen ab. Wenn das Ziel Ataraxie, oder innere Seelenruhe ist, so mag es sehr vielen Menschen möglich sein, dieses Ziel zu erreichen. Liegt das Ziel darin mehrere Ferraris zu besitzen, so ist dies mit viel Geld verbunden und für einen Plantagenarbeiter höchstwahrscheinlich schwer erreichbar.

Ergo, Träume erfüllen heißt leben. Träume sind nocht nicht umgesetzte Ziele. Woher kommen nun diese Träume? Kommen sie aus meinem Innersten? Oder wurden sie sublim von aussen in mich hineinprojeziert von der Gesellschaft, durch Werbung, durch gesellschaftliche Glaubenssätze? Dies zu wissen stellt die erste große Differenzierungsleistung dar. Gesellschaftliche Glaubenssätze wären unter anderem, das ein Mensch mit einem gewissen Alter auf einen grünen Zweig kommen müsse. Er müsse auch eine Karriere bzw. einen Job haben, um nicht als Verlierer abgestempelt zu werden. Die nichterfüllte Karriere bzw. der nicht stetige Job, könnte einem dann mit zunehmenden Alter von anderen Menschen vorgehalten werden. Sind wir diesen Glaubenssätzen komplett ausgeliefert? Die Antwort darauf lautet, “es kommt darauf an”. Es wird gesagt, das man von den Reichen und Großen, von der Wirtschaft und der Politik, manipuliert wird, das wir deren Sklaven wären. Ich stimme dem nicht zu und zwar aus folgendem Grund. Machen wir uns selbst zum Thema und begeben uns auf eine Suche, nach innen, das Außen benutzend, um zu einer höheren Stimmigkeit zu gelangen, so kann uns diese Suche zu einem selbstbestimmten Leben führen. Jetzt verglich sich Max mit zweien seiner Freunde. Ein Vergleich ist etwas, was wir Menschen ständig tun, jedoch kann er unserem eigenen Leben nicht gerecht werden, sofern wir uns in diesem Vergleich verfangen und dadurch eine nach unten gerichetet Spriale von negativen Gefühlen erzeugen.

Wir sehen die Welt nicht wie sie wirklich ist, sondern wie wir sind. Wir sehen auch andere Menschen wie wir sind, in anderen Worten, wir nehmen in anderen Menschen verstärkt die Eigenschaften wahr, welche auch in uns sind. Jetzt fragen Sie sich mal, wie ein Vergleich aufgrund dieser Realitätswahrnehmung ausgehen soll? Erfahrungen und Erlebnisse unserer Vergangenheit, unserer Kindheit machen einen großen Teil unserer Gewohnheiten aus. Diese geben uns Sicherheit. Sicherheit ist lauf Abraham Maslow eines der untersten Grundbedürfnisse. Erst wenn dieses Bedürfniss befriedigt ist, können wir uns über andere Gefilde Gedanken machen. Jetzt können Gewohnheiten natürlich zuträglich oder abträglich sein. Was sie letzten Endes sind, bedarf der individuellen Analyse. Zu sehr auf andere Menschen zu hören, hat zum einen mit Angst und zum anderen mit Zweifel zu tun. Dies erinnert mich gerade an ein Modell. In diesem Modell gibt es vier Stufen.

Stufe 1: Ich bin ok, du bist nicht ok
Ein Mensch befindet sich auf einem Kontinuum, von extremer Überheblichkeit bis hin zur Selbstsicherheit, jedoch durch die Abwertung des Anderen.

Stufe 2: Ich bin nicht ok, du bist ok
Hier verfällt ein Mensch in Selbstmitleid, in Depression, hat keine eigene Stimme, befindet sich in einer großen Abhängigkeit nach aussen, von Anderen.

Stufe 3: Ich bin nicht ok, du bist nicht ok
Ich nenne dies die misanthropische Sichtweise, wobei ich dem nicht eine Pathologie zugrunde lege, sondern eine Einstellung, unter anderem auch ein Glaubenssatz.

Stufe 4: Ich bin ok, du bist ok
Die philanthropische Sichtweise. Hier blickt der Mensch optimistisch in die Zukunft. Er handelt nach ethischen Gesichtspunkten, akzeptiert die Andersartigkeit Anderer und auch seine Einzigartigkeit.

Höre ich nun zu sehr auf andere Menschen, so kommt dies der zweiten Stufe nahe, jedoch lässt sich dies auch auf der vierten Stufe finden. Dies wäre dann ein Austausch unter Gleichberechtigten, mit vollem Respekt, Akzeptanz des Anderen, das Sich-Für-Einen-Anderen-Freuen. Was ich bei Max hörte waren Zweifel und die damit korrelierten angstbasierten Entscheidungen. Angst hat Vor-, und Nachteile. Eine gewisse Grundangst zu haben, ist vorteilhaft, denn sie sorgt dafür mit beiden Beinen im Leben zu stehen, realistische Ziele zu setzen und diszipliniert an einer Sache bis zur Vollendung zu arbeiten, z.B. ein Studium zu Ende zu bringen. Ein Zuviel an Angst kann auf eine mangelnde Zielsetzung zurückgehen. Spätestens dann beginnt man zu zweifeln, so war es jedenfalls bei mir. Ungefähr Mitte 2012 bekam ich eine Anleitung von einem Philosophen namens Andreas Tenzer, mit Selbstzweifel umzugehen.

Diese lautet wie folgt:

  1. Selbstzweifel klären
  2. Selbstzweifel loslassen
  3. Selbstzweifel und Zweifel an anderen verschwinden
  4. Es wird innen und außen hell
  5. Negative Gedankenketten lösen sich auf
  6. Selbst- und Fremdzerstörung verwandeln sich in konstruktives Handeln
  7. Widerstände verschwinden
  8. Das eigene Leben wird immer mehr zu einem konfliktfreien Flow
  9. Daraus erwächst die Kraft, neu aufkommende Negativität innen wie außen im Keim zu ersticken
  10. Man tut das Bestmögliche für sich und die Welt

Glaubenssätze sind keine absoluten Wahrheiten, es wären lediglich Wahrscheinlichkeiten und auch das Wort “Wahrscheinlichkeit” ist nicht ganz passend. Glaubenssätze sind Thesen, welche von einem bzw. mehreren Menschen durch Wiederholung im Denken manifestiert werden. Das bedeutet, dass sie sich gedanklich umstrukturieren lassen. Dafür müsste ich sie natürlich vorher in Frage stellen. Dies kann ich tun indem ich frage, was der Fall ist und warum es der Fall ist.

Nehmen wir noch ein weiteres Stufenmodell bezüglich der Handlungsfreiheit hinzu:

  1. Spielball des Lebens sein, d.h. sich fremdbestimmt hin- und herschubsen lassen. Der Handelnde ist nicht Urheber seines Lebens.
  2. Ziele haben. Ein Bewusstheitsprozess wurde gestartet. Ein Abwägen für und gegen bestimmte Entscheidungen basierend auf einer Kongruenz von Denken und Fühlen, welches schließlich zum Handeln führt. Der Handelnde ist bewusst Urheber seines Lebens.
  3. Das Ziel haben keine Ziele zu haben. Der vorübergehende Verlust von Zielen.
  4. Die Verbindung von (2) und (3). Sich dem bewussten Flow hingeben. Ein kongruentes, konfliktfreies Leben führen, oder einfach das bestmögliche Leben führen. Der Handelnde ist unbewusst Urheber seines Lebens.

Wie setze ich nun Ziele und was hat das mit Feldenkrais zu tun?

Es gibt unzählige Methoden und Schematas, nach denen man vorgehen kann, um eine Kongruenz zwischen Gefühlen, Gedanken und Handlungen herzustellen. Da wäre z.B. die Arbeit mit dem Inneren Team (siehe Literaturliste Friedemann Schulz von Thun), bewusst leben, d.h. Gefühle und Bedürfnisse wahrnehmen und differenzieren (siehe Literaturliste Marshall Rosenberg). Glaubenssätze entscheiden über Ihren Fokus, deswegen raus aus der Opferhaltung, raus aus der Komfortzone. In der Gewaltfreien Kommunikation entwarf Herr Rosenberg den folgenden Satz, “what you see is what you get”. Wenn die Gedanken sich immer um Negatives dreht, so wird dieser Mensch auch nur die schlechten Dinge im Leben sehen. Um nicht in einer Kopfgeburt steckenzubleiben, stellt sich die Frage, “wo der Körper bleibe”.

Die Feldenkrais Methode schließt eine ganz wichtige Lücke, die Lücke von Außen und Innen. Mit Feldenkrais kreiere ich eine Verbindung zu mir selbst. Für Moshé Feldenkrais bestand eine Handlung immer aus vier Elemente haben: 1) die Bewegung 2) das Gefühl 3) den Gedanken 4) die Wahrnehmung. Keine von den vier Elementen entsteht im luftleeren Raum. Sie erscheinen alle gleichzeitig in einem Raum-Zeit-Kontinuum. Und genau das ist das schöne daran. Es geht nicht um flexible Körper, sondern um flexible Gehirne. Wenn Sie Feldenkrais machen, dann deshalb, um ihre Selbstorganisation zu verbessern. Mit der bewegungsorientierten Selbstorganisation verbessern sich auch Gedanken,- und Gefühlsstrukturen. Einfach so! Denn Gefühle stecken uns regelrecht in den Knochen. Sie machen sich selbst zum Thema und starten damit einen Prozess, welcher kein Ende in Sicht hat, denn es gibt immer etwas neues dazu zulernen. Dadurch, dass Sie sich selbst zum Thema machen, finden Sie erstens mehr zu sich und zweitens, Sie sind mehr bei sich.

“Fortschritt bzw. Verbesserung, und somit eventuell auch Glück, entsteht durch eine konstante und stufenweise Veränderung von Variablen. Diesen Prozess nenne ich Lernen.”

Nun stelle ich Ihnen die folgende Frage. Welche Variablen werden Sie nun für sich verändern? Für den Fall, das Sie etwaige Fragen zum Text bzw. zu diesem Thema haben sollten, fühlen Sie sich so frei und kontaktieren Sie mich. Über Kommentare freue ich mich natürlich auch!

 

Verwendete und weiterführende Literatur:
Bieri, Peter: Das Handwerk der Freiheit: Über die Entdeckung des eigenen Willens. Fischer (2003)
Bieri, Peter: Wie wollen wir leben? Residenz Verlag (2011)
Hüther, Gerald: Die Macht der inneren Bilder. Vandenhoeck & Ruprecht (2014)
Martens, Jens-Uwe: Einstellungen erkennen, beeinflussen und nachhaltig verändern: Von der Kunst, das Leben aktiv zu gestalten. Kohlhammer (2008)
Rosenberg, Marshall B.: Nonviolent Communication: A language of life. Nonviolent Communication Guide (2005)
Schnell, Tatjana: Psychologie des Lebenssinns. Springer (2016)
Schulz von Thun, Friedemann: Miteinander Reden, Band 3, das Innere Team und situationsgerechte Kommunikation. Rowohlt (2013)
Storch, Maja: Machen Sie doch, was Sie wollen! Hogrefe (2016)
Storch, Maja: Das Geheimnis kluger Entscheidungen. Piper (2011)

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