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veröffentlicht am: 20. Mai 2017

Taoistisches Feldenkrais

Vor kurzen lief mir ein Buch eines Feldenkrais Kollegen über den Weg. Der Kollege heißt Alfons Grabher und sein Kapitel “Der Weg ist das Ziel” faszinierte mich und erinnerte mich zugleich an Zeiten, in denen ich viel über den Taoismus laß. Folgendes Zitat ist aus dem Buch:

“Für das innere Wachstum kennt ein Krieger des Lichts eine höchst wirksame Übung: er achtet auf Dinge, die er automatisch tut (..) Damit befreit er sich von Spannungen und lässt seiner Intuition freier arbeiten, ohne von seinen Ängsten und Wünschen beeinflusst zu werden. Bestimmt Probleme, die ihm unlösbar vorkamen, finden eine Lösung, bestimmte Schmerzen, die er für unbesiegbar hielt, verschwinden plötzlich.”

Paul Coelho

Taoismus, ganz kurz

Logik ist eine gedankliche Krücke, denn Wissen steht der geistigen Fortentwicklung im Weg. Das was wir über uns wissen ist wahrscheinlich durch Vergleich entstanden, d.h. wir orientieren uns an Maßstäben. Durch dieses Untersuchen und Analysieren bewegen wir uns von der Wirklichkeit weg. Wir arbeiten nun mit der Erinnerung, also in der Vergangenheit. Diese Erinnerung ist die Sammlung aller im Leben gemachten Erfahrungen, also das Ich. Das Denken erzeugt das Ich. Das Ich erzeugt Gedanken. Dieses Denken jedoch kann nicht unterdrückt oder kontrolliert werden, denn Druck erzeugt Gegendruck. Wir sind mit Gedanken in der Vergangenheit beschäftigt, somit ignorieren wir die Gegenwart. Ein Leben aus dem Gedächtnis ist ein Leben in der Vergangenheit.

Das Vollkommene im Tao ist die Leere. Die Leere enthält alles in sich. Leere ist Gedankenfreiheit. Leere ist der Urzustand des Kosmos. In dieser Leere haben wir keine Gedanken an die Zukunft und keine Gedanken an die Vergangenheit. Wir sind frei von Meinungen. Wir leben im Hier und Jetzt mit wahrer Aufmerksamkeit. Wir sind offen für den Augenblick. Wir sind in der Mitte. Das Tao ist die Mitte. Der im Tao Lebende findet vom Extrem immer in die Mitte zurück. Tao ist der erste Schritt zu sich selbst. Tao hört auf die innere Autorität. Das Sicherheitsbedürfnis macht es dem Tao unmöglich, denn Orientierung ist entgegen der Freiheit. Freiheit ist Tao. Bindungen machen uns unfrei. Durch Konditionierung denken wir, größere Sicherheit zu haben. Konditionierung könnte hier als Gängelung durch Gesetze, Regeln usw. angesehen werden. Dies wurde uns gelehrt von den Eltern, von der Schule, von der Arbeitswelt. Nicht ertragbare Bewusstseinsinhalte werden ins Unbewusste gedrängt, zugunsten der Konformität. Dies wird dann Selbsterhaltung genannt.

Beobachten ohne darüber nachzudenken macht Probleme klarer. Beobachte deine Gedanken und komme dem, der du bist, näher. Durch Beobachten werden Bindungen klarer, wir erfahren was mit uns los ist, indem wir in uns hineinblicken. Es kehrt Ruhe ein. Dies ist eine Art Meditation. Keine Sorgen mehr vor Krankheit, keine Furcht, keine Unsicherheit mehr. Jeden Tag, jede Stunde. Dafür müssen wir aufmerksam sein. Aufmerksamkeit ist nicht Konzentration. Konzentration ist ein Vorgang des Denkens. Aufmerksamkeit wird durch Gedanken verfälscht. Aufmerksam sein ist eine Voraussetzung, um Bindungen klarer zu sehen. Es entsteht Einsicht. Handeln ist Beobachten, ist Aufmerksamkeit. Wir befinden uns in der Gegenwart. Handeln ist Wu Wei. Kreativität entsteht. Wahrnehmung ist bereits Änderung.

Taoistisches Feldenkrais

Bei einer Feldenkrais Lektion sind wir ganz im Moment. Im Hier und Jetzt. Im Körper. Wir entdecken kleinste Spannungen, zum einem durch aufmerksames Verweilen im Körper und zum anderen durch kleinste und feinste Bewegungen. Spannungen im Körper haben meist auch ein emotionales und gedankliches Korrelat. Damit meine ich, das wir uns nicht nur bewegen, sondern mit jeder Bewegung auch etwas denken und fühlen. Dies mag natürlich unter unserer Wahrnehmungsschwelle liegen, somit nehmen wir es gar nicht wahr. Geduldig bewegen wir uns Richtung Leichtigkeit. Es gibt keinen Preis zu gewinnen, somit gibt es keine Hetze auf dieser Forschungsreise. Wir kommen zu uns. Wir dehnen uns nicht. Wir kräftigen uns nicht. Wir lernen uns lediglich kennen, auf eine ganz andere Art und Weise. Vor allem lassen wir den Gedanken der Kausalität, den Gedanken von Ursache und Wirkung, los. Einfach nur wahrnehmen, Verbindungen erkennen und schätzen lernen. Unser Nervensystem macht den Rest, ganz nach dem Prinzip “der Pfad des geringsten Widerstandes”, organisiert es uns neu. Wie der im Tao lebende dem Tao vertraut, vertrauen wir unserem Nervensystem, welches an der besten aller möglichen Lösungen interessiert ist. Auf diesem Weg machen wir zwar Fehler und aus diesen Fehlern lernen wir noch mehr. Wir lernen loszulassen, Gedanken, welche Gefühle erzeugen und Spannungen im Körper hervorrufen. Das so hochgelobte Streben in unserer alles-maximierenden Kultur nimmt hier ein Ende.

“Wer nicht strebt, erreicht. Nur wer in seiner eigenen Geschwindigkeit lebt, kann von niemanden überholt werden.”

Verwendete Literatur:
Fischer, Theo: Wu wei. Die Lebenskunst des Tao. Rowohlt Taschenbuch Verlag (2002)
Fischer, Theo: Wu wei. Fragen und Antworten. Rowohlt Taschenbuch Verlag (2008)
Grabher, Alfons: Unmöglich, Möglich, Leicht. Createspace (2016)
Laotse: Tao Te King. Eugen Diederichs Verlag (1978)

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