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veröffentlicht am: 12. Juni 2017

Neugierde

“Neugier, das Verlangen, Verborgenes aufzudecken, ist angeboren. Sie dient dem Weiterleben, weil sie Wissen schafft, mit dem Entwicklungen vorausgesagt und Verhaltensstrategien optimiert werden können. Weil Unentdecktes nicht vorausgewußt werden kann, muß Neugier ungerichtet sein.”

Wolf Singer

Der optimale Bereich für Neuroplastizität

Menschen suchen heute unter anderem eine Therapie auf, da die Art und Weise, wie sie leben nicht übereinstimmt, mit der Art und Weise, wie sie leben möchten. Um diese Kluft zu überbrücken und um das meiste aus einer Therapie herausholen zu können, ist es ratsam für den Patienten, in einem aufnahmefähigen Zustand zu sein. Aufnahmefähig ist der Patient dann, wenn ein Gleichgewicht zwischen der Amygdala und dem Hippocampus besteht. Die Amygdala hat in diesem Gleichgewicht die vorwiegende Aufgabe, Situationen emotional zu bewerten, um für die Zukunft mögliche Gefahren zu erkennen. Alles was mit Angst zu tun hat, hat auch mit der Amygdala zu tun. Der Hippocampus im Gegenzug ist primär an der Gedächtniskonsolidierung beteiligt, d.h. alles was ins Kurz-, bzw. Langzeitgedächtnis eingeht wird vorher vom Hippocampus bewertet. Es liegt nun nahe, das ein Ungleichgewicht zwischen Amygdala und Hippocampus zu einem Einbruch der Lernleistung führen kann. Dies macht es nachvollziehbar, dass es unglaublich schwer ist, bzw. fast schon unmöglich, für manche Menschen zu lernen, um gewisse Situationen in ihrem Leben zu ändern. Dies lässt sich sehr gut mit der Glockenkurve erklären.

Wir haben die Intensität der Erregung bzw. das Stresslevel auf der Waagerechten (X-Achse) und die Leistung, bzw. das Lernvermögen auf der Senkrechten (Y-Achse). Zwei Psychologen namens Yerkes und Dodson haben ca. 1906 einen Zusammenhang zwischen Erregung und Leistung herstellen können. Dies taten sie erst bei Ratten und später wurden die Ergebnisse auch beim Menschen festgestellt. Es wurde festgetellt, das ein zu niedriges Stress Level mit Langeweile gleichzusetzen ist und somit nichts erwähnenswertes auftritt. In anderen Worten, sind alle unsere Grundbedürfnisse befriedigt, besteht kein Handlungsbedarf irgendetwas zu ändern und somit kommt es auch nicht zu einer erheblichen Lernleistung. Hierbei sendet die Amygdala dem Hippocampus ein Signal sich zu entspannen. Anders sieht es bei zu viel Erregung aus. Jetzt besteht Gefahr, also keine Zeit zum Lernen, so dass alle Energie entweder in den Kampf oder in die Flucht investiert werden kann. Zwischen diesen beiden Extremen gibt es ein optimales Stresslevel, welches ein wunderbares Zusammenspiel zwischen Amygdala und Hippocampus ermöglicht. Dieses Level liegt ein wenig links von dem Mittelwert (auf dem Bild die gelbe Linie). In diesem Bereich sprechen wir von Neuroplastizität, dem optimalen Bereich um nachhaltig und effizient zu lernen.

Der Langzeit-Potenzierung zu liebe

Gerhard Wallner hat in seinem Buch einen sehr schönen Absatz, welchen ich hier anbringen möchte.

“Es besteht kein Zweifel, daß die geistige Neugierde ein treibender und der wichtigste Faktor ist, der das Rohmaterial für das Denken liefert. Der wißbegierige Geist ist immer wach und forscht, sucht Denkobjekte. Die erste Manifestation der Neugierde ist ein vitales Überströmen, Ausdruck reicher organischer Energie. Es genügt, ein Kleinkind flüchtig zu beobachten, um zu bemerken, daß es unentwegt forscht und prüft. Eine physische Unruhe treibt es dazu, die Hände auszustrecken, zu tasten, stoßen, spähen, die Nase in alles zu stecken. Gegenstände werden besaugt, mit den Fingern abgetastet, niedergeworfen, gezogen, gehandhabt, geschleudert – kurz, so untersucht, bis sie nichts Neues mehr zu offenbaren haben; solch eine Tätigkeit kann kaum geistig genannt werden, und doch ist sie notwendig für geistige Tätigkeit.”

Gerhard Wallner

Wißbegierde bringt den neugierigen Geist dazu, immer wach zu sein, aufnahmefähig zu sein, zu forschen. Gerhard Wallner erwähnt die physische Unruhe des Kleinkindes. Ich finde, dass dies eine sehr wichtige Erwähnung ist, denn genau hier besteht ein Optimum, um zu lernen. Auf dem Bild wäre dies der zweite Bereich von links gesehen, in dem sich Motivation und Fokus einstellen. Dieses Minimum an gesunder Spannung ist notwendig, um optimale Ergebnisse zu erzielen. In diesem Bereich sendet die Amygdala die Neurotransmitter Norepinephrin und das Hormon Glukokortikoid zum Hippocampus. Dieser weiß nun, dass das nun erfahrbare Wissen wichtig ist und dadurch kommt es zur “long-term-potentiation”, der Langzeit-Potenzierung. Dieser Bereich ist wichtig, um sprachlich und auch motorisch Fortschritte zu machen, d.h. neue bessere Verschaltungen überschreiben die älteren Verschaltungen. Dies wird synaptische Plastizität genannt. Da bei Menschen der Hippocampus für den Aufbau des episodischen Gedächtnisses wichtig ist, ist es ratsam sich Gedanken zu machen, ein Gleichgewicht zwischen Amygdala und Hippocampus herzustellen. Das episodische Gedächtnis ist im folgenden Sinn wichtig für uns Menschen, da darüber unser eigenes Narrativ geschrieben wird, welches uns einen Sinn vermittelt über unser Leben. Wir können somit besser und verständlicher bestimmte Lebensereignisse einordnen, ihnen einen Sinn zuschreiben und unserem Leben eine Richtung geben.

Feldenkrais im optimalen Bereich

Ich mache jetzt schon für eine ganze Weile Feldenkrais Lektionen und im Bezug auf die oben aufgeführte Grafik kann ich sagen, dass ich mehrere Zustände erlebt habe. Ich lag schon mehrere Male auf dem Boden, müde, lustlos, nicht fokussiert, dass ich bei der kleinsten Bewegung eingeschlafen bin. Jetzt sagen wir Feldenkrais Lehrer, das Schlafen total in Ordnung ist bei einer Lektion. Sollte ich jedoch immer schlafen, wäre das Geld anderweitig bestimmt besser investiert. Bei einem “zuviel” an Erregung, bekam ich das Gefühl, dass ich nicht ganz bei der Sache war. Zu viele Eindrücke, zu viele Gedanken, zu viel Aufruhr. Ein zuviel, welches mir die notwendigen sensomotorischen Eindrücke verstellte. In der Mitte der beiden Pole zu sein, stellt sich auch bei Feldenkrais als sehr hilfreich heraus. Genau so viel Erregung, um mit der Bewusstheit dabei zu sein, aber nicht zu viel, das es in Zappeligkeit endet. Führe ich regelmäßig Feldenkrais in diesem Bereich aus, können im Gehirn Verschaltungen geschaffen werden, welche nachhaltig sind.

“Eine Möglichkeit, die den bewussten Teil des Gehirns des Schülers an der Klärung und Annahme neuer Bewegungsmuster beteiligt, besteht darin, seine Aufmerksamkeit durch einen unüblichen oder nicht gewohnheitsmäßigen Kontext zu fesseln. Zu denken wäre an die eine unübliche Haltung oder eine ungewöhnliche Bezugnahme zu einem Gegenstand der unmittelbaren Umgebung. Geschieht dies vorsichtig und langsam, könnte die Aufmerksamkeit wieder auf die für das Muster relevante Sinneserfahrung gerichtet werden. Eine gewohnte Situation löst nur eine bereits bestehende Funktionsweise aus, an der das Bewusstsein weniger oder gar nicht beteiligt ist.”

Yochanan Rywerant

Abschließend verhält es sich mit Langzeit-Potenzierung beim Lernen wie auch beim Schmerz. Sobald ich ein bestimmtes schmerzerzeugendes Muster immer wieder ausführe, führt dies dazu, den Schmerz noch schneller und leichter zu spüren, da immer wieder die gleichen Muster aktiviert werden. Wie Yochanan Rywerant oben schreibt, geht es darum, den Schüler durch einen unüblichen oder nicht gewohnheitsmäßigen Kontext zu fesseln, ihn aus seinen gewohnten Bahnen herauszuholen und ihn auf neue Wege aufmerksam zu machen. Diese neuen Wege werden dann von Lektion zu Lektion verfeinert, vertieft und integriert. Ein neues Muster ist enstanden. Neugierde, Verborgenes aufzudecken, es zu erforschen, es zu integrieren, all dies dient dem Leben und dem Überleben. Das macht Feldenkrais zu einer Methode, die im optimalen Bereich ausgeführt, Neuroplastizität unterstützt. In Verbindung mit einer psychotherapeutischen Behandlung begibt sich der Patient auf eine sehr interessante Reise.

 

Verwendete Quellen:
Cozolino, Louis: Why therapy works. W.W. Norton & Company (2016)
Rywerant, Yochanan: Grundlagen der beruflichen Feldenkrais Arbeit. Von Loeper Literaturverlag (2013)
Singer, Wolf: Der Beobachter im Gehirn. Suhrkamp Verlag (2002)
Wallner, Gerhard: Wahrnehmen und Lernen. Junfermannsche Verlagsbuchhandlung (2000)

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