Lesezeit: 7 Minuten


veröffentlicht am: 24. März 2017

Morgensteifigkeit und Pandikulation

Kennen Sie das Gefühl, Sie wachen morgens auf und fühlen sich steif? Es muss nicht einmal die nächtliche Ruhephase sein, sondern es kann auch eine längere Pause am Tage sein. Die Gelenke melden sich, es wirkt alles nicht mehr so geschmeidig, nicht mehr so geschmiert. Im Laufe des Tages jedoch ändert sich dieser Zustand. Der Lauf zur U-Bahn oder einfach schon das morgendliche Prozedere in der Küche und im Badezimmer und siehe da, die anfängliche Steifigkeit ist wieder weg. Und nun? Kommt sie wieder oder bleibt sie fern?

Morgensteifigkeit, ein Symptom

Morgensteifigkeit und Muskelschmerzen, beides zusammen, das könnte der Beginn einer Erkrankung namens Rheuma sein. Rheuma belagert nicht nur die Gelenke, sondern auch noch die Muskeln, sowie auch weitere Organe. Die kleinen Gelenke sind für Rheuma typisch, angefangen bei Fingergelenken bis zu den Sprunggelenken. Anders sieht es bei Arthrose aus, denn hier werden typischerweise die größeren Gelenke wie Hüfte und Knie belagert. Die Muskeln lassen die Ärzte hier außen vor. Sätze wie “Ich hatte schon immer ein Knirschen im Knie”, bzw. “Beim Treppe runterlaufen fühlte ich mich immer schon unwohl” sind typische Aussagen von Patienten mit einer Kniegelenksarthrose. Wieder ein anderer Missetäter nennt sich Multiple Sklerose. Auch hier kann Morgensteifigkeit ein Erscheinungsbild dieser Krankheit sein, wobei hier eine Erkrankung der Nervenisolierung zugrunde liegt. Wussten Sie schon, dass wenn der Kortisonspiegel in der Nacht absinkt, dies zu einer gesteigerten Entzündungsreaktion im Körper führen kann. Geringere Beweglichkeit zum einen und stärkere Gelenkschmerzen wären das Resultat der nächtlichen Entzündungsreaktion. Während des Tages pendelt sich der Kortisonspiegel wieder ein und zwar durch Bewegung. Sie haben richtig gelesen, durch Bewegung! Die Entzündungsprozesse werden dadurch gehemmt. Speziell bei Frauen kann auch die Hormonumstellung im Zuge der Wechseljahre ein ausschlaggebender Faktor für Gelenk-, und Muskelschmerzen sein. Dieser Faktor sollte jedoch nach der Hormonumstellung des Körpers wieder bereinigt sein und keine weiteren Probleme verursachen. All diese vorher genannten Erkrankungen verursachen das Symptom Morgensteifigkeit bzw. verursachen Muskel,- und/oder Gelenkschmerzen.

Im Nachhinein ist man immer schlauer, …, immer?

“Hättest du nur mit dem Krafttraining nicht begonnen, dann wärst du jetzt beweglicher”, “Ich wusste es ja schon immer, Tennis ist ungesund für das Kniegelenk”, oder “Mit der richtigen Ernährung wäre dir das nie passiert”. Das sind meist Aussagen von Leuten, welche sich als große Analytiker verstehen und im Nachhinein alles erklären können. Dieser sogenannte Rückschaufehler, einem Begriff aus der Psychologie, unterliegt der Fehlannahme, nach dem Eintreten eines Ereignisses zu glauben, dass man es vorhersehen hätte können. Ich frage mich, können Sie auch Vorhersagen treffen, vor allem wenn es um die Zukunft geht? Ich bediente mich gerade einem Wortspiel von Niels Bohr. Wenn es möglich wäre zuverlässige Vorhersagen zu treffen, so müsste es auch möglich sein, Ratschläge zu geben, nach dessen Befolgen die oben genannten Krankheiten nicht auftreten. Doch so einfach ist es nicht. Der gesunde Menschenverstand und unsere Intuition beschreibt ziemlich gut Dinge, welche schon passiert sind. Er beschreibt diese Dinge kohärent und zwar subjektiv kohärent. Fragen Sie fünf verschiedene Menschen und Sie bekommen eventuell fünf völlig unterschiedliche und sehr glaubwürdige kohärente Erklärungen für die Morgensteifigkeit, Gelenk,- und Muskelschmerzen. Wem glauben Sie nun? Therapievorschläge zu machen, ist nicht immer eine leichte Sache, denn es richtet sich zuerst einmal nach der zugrundeliegenden Erkrankung. Primär wird die Therapie darauf abzielen, die Entzündungen im Gelenk zu lindern, die Beweglichkeit wieder zu verbessern und eventuell Ernährungsempfehlungen zu geben. Somit kommen Medikamente wie Ibuprofen bei Arthrose oder Kortisol bei Rheuma ins Spiel.

Manchmal probiert man im Nachhinein, d.h. wenn der Schmerz einen dazu veranlässt, gewisse Dinge über einen Zeitraum aus und kommt somit zu einer Schlussfolgerung. So tat ich dies jedenfalls. Vorab ein paar Worte zu meiner Problematik. Ich hebe seit meinem 17.ten Lebensjahr Gewichte, davon widmete ich volle ganze 2 Jahre dem Kraftdreikampf, d.h. damals (ich war 22 Jahre alt) lag meine Kniebeuge bei 160 kg für 6 Wiederholungen, aus dem Kreuz hebte ich 210 kg ganze 6 mal und beim Bankdrücken drückte ich 120 kg ca. 6 mal. Davor und danach arbeitete ich mit einem “mehr” moderatem Gewicht. Derzeit mache im Krafttrainingsbereich Kniebeugen und Kreuzheben mit entweder 60, 80 oder 100 kg. Knie,- und Kreuzschmerzen sind mir definitv ein Begriff. Wie in der Sektion “Über mich” schon hervorgeht, klingelte es bei mir, als ich die Feldenkrais Methode kennenlernte. Ich glaube, ich muss hier nicht noch einmal erwähnen, dass ich von dieser Methode voll überzeugt bin, da ich erfahren durfte, was sich bei mir durch Feldenkrais alles zum positiven verändert hat. Es muss ca. Mitte letzten Jahres (also Juni 2016) gewesen sein, als meine Knie wieder schmerzten. Dies taten sie für ca. 2 Wochen, worauf ich einen MRT machen lies. Ergebnis war unter anderem eine zu hohe Quadrizepssehnenspannung, eine Bakerzyste in der Kniekehle neben der Arthrose Grad II. Mir wurde empfohlen, mit dem Krafttraining zu pausieren, was ich für ca. 6 Wochen tat. Und wie ging es weiter? Derzeit trainiere ich 2x/ Woche die besagten Übungen (Kniebeuge/Kreuzheben) zusammen mit Übungen an der Klimmzugstange und Bodengymnastik, laufe und klettere 1x /Woche. Feldenkraiseinheiten gibt es bei mir jeden Tag und außerdem Mobilisationseinheiten in Form von dynamischen Stretching, Contact Improvisation und Capoeira-Einlagen. Meine Ernährung passte ich teilweise an, mit Hilfe des Buches “Die Dr. Feil Strategie – Arthrose und Gelenkschmerzen überwinden”. Zusätzlich nehme ich seit Anfang 2016 ein hochdosiertes Phytonährstoffkonzentrat und seit Juli 2016 ein weiteres Nahrungsergänzungsmittel mit folgenden Inhaltsstoffen: Glucosamin, Chrondroitinsulfat, Hyaluronsäure, Kollagenhydrolysat. Ich bewege mich derzeit beschwerdefrei, d.h. ohne Schmerzen und Verspannungen (welche es natürlich auch im Kniegelenk gibt und nicht nur im Nacken und unterem Rücken). Somit lässt sich für mich folgendes sagen: “Im Nachhinein bin ich ein wenig schlauer geworden”. Muss es denn immer soweit kommen?

Vorher ist nachher!

Wäre es nicht angebracht und auch nett, vorher schon ein wenig zu tun, um gar nicht erst so viele Verspannungen aufzubauen? Sie stimmen mir zu? Dann beginnen Sie noch heute mit Feldenkrais. Darf es auch etwas anderes sein? Natürlich darf es auch etwas anderes sein. Haben Sie schon mal das Wort Pandikulation gehört? Wenn Sie dieses Wort jetzt nachschauen, finden Sie wahrscheinlich heraus, dass es sich hierbei um ein Stretchen und Anspannen der Muskulatur handelt, insbesondere kommt dies beim Gähnen vor. Beobachten Sie mal Ihre Katze oder irgendeine Katze. Die machen dies den ganzen Tag und sind sie nicht ziemlich flink und vor allem beweglich?!? Ist das jetzt Stretchen? Neueste Erkenntnisse aus den Sportwissenschaften besagen, dass ein statisches Stretching, also das Halten der Muskelspannung in einer gewissen Endposition für ca. 30 Sekunden, sogar kontraproduktiv sein soll. Weder zum Aufwärmen, noch nach dem Training wäre es empfehlenswert. Beim Aufwärmen setzt es den Muskeltonus herab, welcher so wichtig ist, vor allem bei Sportarten, welche Schnelligkeit, Power und Kraft benötigen, um überhaupt eine anständige Leistung zu vollbringen. Am Ende eines Trainings unterbricht es angeblich den Regenerationsprozess und dies verstärkt wiederum einen möglichen Muskelkater. Aus diesem Grund wird empfohlen sich ca. 1 Stunde nach dem eigentlichen Training zu stretchen. Darüber kann man jetzt natürlich endlose Diskussionen führen. Halten wir somit kurz fest, dass beim Dehnen kein Lernprozess im Zentralnervensystem stattfindet, da der Muskel in die Länge gezogen wird, was wiederum die Leistungsfähigkeit des Muskels herabsetzt und dies kann auch noch Schmerzen bereiten. Die Längenänderung, und dies ist ein wichtiger Punkt, ist nicht anhaltend, sondern nur vorübergehend. Was sich anpasst, ist die Schmerztoleranzgrenze, und dies tut sie auch nur, wenn wir regelmäßig an unseren Muskeln ziehen. Wenn Sie mal einen sehr interessanten Artikel über Stretching lesen möchten, empfehle ich Ihnen diesen hier:

Ingraham, Paul: Quite a stretch – Stretching science shows that a stretching habit isn´t doing much of what people hope

Mittendrin statt nur dabei!

Nun zurück zur erwähnten Pandikulation. Worum geht es genau bei dieser Technik? Bei dieser Technik begeben wir uns in einen aktiven Lernprozess über unsere Sensomotorik, also über unser Bewegungs,- und Wahrnehmungsverhalten. Pandikulation beschäftigt sich mit Bewegungsmustern, im Gegensatz zum Dehnen, welches meistens nur einen Muskel bzw. eine Muskelgruppe aufs Korn nimmt. Der sensomotorische Kortex, auch Großhirnrinde genannt, kümmert sich um die kinästhetische Wahrnehmung, also die Wahrnehmung von unserem Körper im dreidimensionalen Raum. Dafür senden die Muskeln ja ständig Informationen über ihren Spannungszustand zum Kortex. Genau diese Informationen brauchen wir nun, um eine bessere Kommunikation zwischen Gehirn und Körper herzustellen, um uns besser zu bewegen, neue Bewegungen zu lernen und zu programmieren.

Das Wort Pandikulation wird auch mit der sensomotorischen Amnesie, kurz SMA, in Verbindung gebracht. Wenn ältere Schichten des Gehirns, also nicht der sensomotorische Kortex, den Muskeltonus kontrollieren, kann dies zur chronisch angespannten bis hin zur verspannten Muskulatur führen. Was einst ein Unfall, bzw. ein Traumata war, oder ganz einfach das stressige alltägliche Leben ist, führt irgendwann zu Schmerzen in den Gelenken, schlechter Haltung und flache Atmung, aufgrund der verspannten Muskulatur. Da wir aber die Kontrolle über die Muskeln möchten, müssen wir lernen uns zu entspannen. Dies erreichen wir, indem wir den Muskel über die komplette Bewegungsamplitude nutzen. Es entsteht nicht nur eine Verbesserung der Stoffwechselvorgänge und eine bessere Energiebereitstellung, sondern vor allem, und das ist hier der wichtigste Punkt, eine bessere Ansteuerung der Muskeln durch das Nervensystem. Je besser unsere Sensomotorik, desto besser wird die Kontrolle der Muskulatur, desto weniger Schmerzen haben wir, da wir nicht mehr in dem Modus “automatischer Pilot” durchs Leben laufen. Wenn das nicht mal ein Grund ist, Pandikulation in den Alltag zu integrieren.

Wie läuft eine sogenannte Pandikulation ab? Wir spannen die Muskeln bzw. den Muskel aktiv und bewusst an, über seinen gewohnheitsmäßigen Tonus hinaus. Nennen wir dies mal Kontrolle zurückgewinnen, die wir spüren. Dies stellt gleichzeitig einen Unterschied zum statischen Stretching dar, wofür wir nicht wirklich fokussiert sein müssen. Dann reduzieren wir aktiv die Spannung bishin zur Entspannung. Das Gehirn speichert nun diese neue Längenänderung in der Muskulatur ab und hat somit etwas gelernt. Nämlich folgendes: eine neue Muskellänge durch Reduzierung des Muskeltonus. Es ist wie Gähnen und wer kann nicht sagen, dass dies nicht entspannend ist.

Zusammenfassung

Halten wir also noch mal in Stichpunkten fest: Pandikulation,

  • schult unsere Sensomotorik, also die Ansteuerung der Muskeln durch die Nervenfasern
  • ist schmerzfrei, fühlt sich gut an
  • bringt dauerhafte Veränderungen bezüglich Längenänderungen mit sich
  • benötigt unsere volle Bewusstheit
  • befreit uns von SMA

Cat Stretch Video

Zum Abschluss, wenn Sie noch etwas zum Schmunzeln möchten, hier ein witziges Video zum “cat stretch” nach Thomas Hanna von Edward Barrera. Das würde sich morgens in der Küche anbieten, oder, was meinen Sie?

Artikel als PDF

Keine Kommentare

Einen Kommentar abgeben

Alle Beiträge

Kategorien

Newsletter

Ihnen gefallen die Artikel. Im Newsletter halte ich Sie imer auf dem Laufenden.

Ihre E-Mail wird persönlich behandelt und nicht weitergegeben.