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veröffentlicht am: 14. März 2017

Mehr Eigenverantwortung mit Feldenkrais

Kann organisches Lernen die Eigenverantwortung stärken? Dies ist eine sehr interessante Frage, gerade in unserem heutigen Gesundheitssystem. Niemand möchte wirklich Verantwortung an eine äußere Instanz abgeben, jedoch geschieht genau dies jeden Tag. Wir geben ständig Verantwortung an äußere Instanzen ab. Dies fängt mit Dingen, wie die Steuererklärung an, wozu wir einen Steuerberater beauftragen. Dem Bankangestellten bzw. Investmentbroker vertrauen wir unser Geld an und hoffen, dass er es vermehrt. Der Kfz.-Mechaniker kümmert sich um unser Auto. Und die Liste geht fast endlos weiter. Viele Leute vertrauen einem Arzt, was ihre psychische und/oder physische Gesundheit betrifft. Der Arzt muss es ja wohl besser wissen. Er weiß es bestimmt besser, doch fühlt er auch, wie Sie sich fühlen und nimmt er Dinge auch so wahr, wie Sie sie wahrnehmen? Ärzte sind gut, genauso wie Steuerberater und Kfz.-Mechaniker. Und, Sie sind es auch!

Wie können Sie nun das Beste aus dem machen, was Ihnen gegeben ist? Das ist zu einem gewissen Teil Einstellungssache und somit auch Körpersache. Was meine ich denn mit Körpersache? Das möchte ich Ihnen hier ein wenig erklären anhand des Denkens von Moshé Feldenkrais. Laut Moshé Feldenkrais sind allen Lebewesen drei Tätigkeiten gemeinsam.

  1. Die Fortpflanzung
  2. Der Lebensunterhalt
  3. Die Selbsterhaltung

Diese drei Tätigkeiten finden bei Pflanzen vorwiegend passiv statt, bei Tieren und Menschen kommt eine weitere Tätigkeit hinzu, nämlich die

  1. Die Selbstbewegung

Diese Selbstbewegung brauchen wir und auch die Tiere, um die ersten drei Tätigkeiten sicherzustellen. In unserer heutigen Zeit wird sehr viel Wert auf geistige Leistungen gelegt, d.h. es werden die Menschen finanziell belohnt, welche Karriere machen, natürlich nur solange sie den richtigen Berufszweig ergriffen haben. Mehr ist besser, immer höher, immer weiter. Wir verlieren dabei unsere Grenzen ganz aus den Augen und enden, wie oft leider zu sehen ist, im Burnout, in der Depression, beim Therapeuten aufgrund von mechanischen Schäden am Bewegungsapparat und dergleichen. Es gibt noch eine andere Grenze. Unser Körper hat eine gewisse Struktur. Zwischen dieser Struktur und der Umwelt besteht eine Grenze. Innerhalb dieser Grenze sind wir, unser Körper, unser Gehirn und das Produkt namens Geist, was uns unser Sosein wahrnehmen lässt. Diese Struktur hat eine gewisse Daseinsberechtigung, wir können diese Daseinsberechtigung auch Funktion nennen. Die Funktion besteht darin die ersten drei genannten Tätigkeiten aufrechtzuerhalten. Dazu bewegen wir uns. Nimmt diese Bewegung ein Ende, nehmen wir ein Ende.

Struktur und Funktion bedingen sich einander und arbeiten sehr eng miteinander zusammen. Diese Arbeit geschieht nicht im luftleeren Raum, sondern in einer Umwelt, in welcher wir eingebettet sind. Wir unterliegen alle einem Gesetz, dem Gesetz der Gravitation. Einen langen Weg haben wir Menschen zurückgelegt, um aufrecht zu gehen, uns nicht mehr vor gefährlichen Raubtieren schützen zu müssen und unsere Hände und Sinne nun frei haben, um zu programmieren, zugunsten einer immer mehr technisierten Welt namens Industrie 4.0. Diese Komplexität welche uns zuteil wird, funktioniert natürlich nicht im Chaos. Auch hierfür bedarf es Kontrollen. Diese Kontrollen werden von unserem Nervensystem ausgeführt. Unsere Entwicklung dieser Kontrollen passiert im engen Zusammenspiel mit der Umwelt. Mit der Feldenkrais Methode werden wir uns in einem niemals endenden Lernprozess dieser Kontrollen bewusst. Je besser wir uns verstehen, und ich rede hier vom Körper, nicht vom Geist, desto besser funktionieren wir. Das liegt daran, dass Feldenkrais primär mit der Bewegung und der Wahrnehmung der Bewegung arbeitet. Die Wahrnehmung der Bewegung wird auf den kleinsten gemeinsamen Nenner reduziert, sensomotorische Zusammenhänge zu sehen und zu verstehen, zwischen den Gelenken im Geringen und komplexeren Bewegungsabläufen im Größeren. Nachdem wir das Puzzle auseinandergebaut haben und jedes Teil untersucht haben, bauen wir es wieder zusammen. Vielleicht “fühlt” es sich danach anders an als vorher.

Ich möchte Sie darauf hinweisen, dass die Umstände nicht alles entschuldigen. Sie mögen für vieles herangezogen werden, da wir davon wissen, das ein optimales Funktionieren unseres Selbst einem utopischen Zustand gleicht. Mangelhafte Funktionen sind mehr Alltag als Ausnahme und genau hier möchte ich das Prinzip Verantwortung einflechten. Verantwortung heißt seine Umstände zu kennen, seine Ängste zu verstehen, Entscheidungen zu treffen anstatt alles passiv passieren zu lassen, sich seiner eigenen Lügen bewusst zu sein, nicht anderen den Grund für das eigenen Tun bzw. Nichtun in die Schuhe zu schieben.

“Ich erkenne mich so an wie ich bin und nicht wegen der Anerkennung anderer wegen.”

Dies waren die Worte, eines von mir sehr hoch geschätzten Psychologen Roland Storath. Der Tenor tendierte hin zur eigenen Stimme. Es geht darum Ordnung ins Chaos zu bringen und dies macht unser Nervensystem schon wirklich alleine. Es ist ein ausgeklügeltes System. Stellen Sie sich mal vor, Sie müssten Ordnung schaffen. Glauben Sie wirklich, Sie hätten noch den Nerv sich auf alltägliche notwendige Dinge zu konzentrieren? Der Fakt, dass Sie im fortgeschrittenen Alter so viele Dinge tun können, liegt einem langen Lernprozess zugrunde. In diesem Prozess wurden Fehler gemacht und zwar jede Menge. Als Neugeborenes kann es sein, dass wir Fehler in unserer Bewegungsorganisation nicht wahrnehmen. Wenn dies der Fall ist, so werden diese Neugeborenen zu Erwachsenen und leben nun mit diesen Fehlern. Der Mensch ist nun in seiner reibungslosen Funktion eingeschränkt. Normalerweise, könnte man sagen, unterliegt die Entwicklung eines Menschen gewissen Gesetzen und Entwicklungsstufen. Sollte alles gut gehen, so wird wahrscheinlich alles gut. Ich muss Sie enttäuschen. Wir sind keine Maschinen. Fehler sind menschlich, dennoch ist es nie zu spät.

Lernen ist ein Geschenk und dieses Geschenk nutzen wir in der Feldenkrais Methode. Ich rede nicht von einem Lernen an der Schule/Universität, um etwas in der Welt zu tun, sondern von einem Lernen, um in der Welt zu sein, selbst zu sein. Dieses Lernen, um in der Welt zu sein, bezeichnen wir als organisches Lernen. Lernen findet in einer gewissen Reihenfolge statt. Wir werden nicht geboren und laufen sofort, sondern liegen erst mal auf dem Rücken, saugen am Daumen, bis es dann mit einer Rolle zur Seite und auf dem Bauch zum Krabbeln und Kriechen weitergeht. Dieser Prozess läuft sehr langsam und auch sehr schnell ab. Wir lernen unglaublich viel als Neugeborenes und dies in sehr kurzen Zeitspannen und dennoch laufen diese Prozesse sehr langsam ab. Wenn es überhaupt ein Ziel gibt, dann wäre es wohl dies:

“Das Unmögliche möglich machen, das Mögliche einfach und das Einfache ästhetisch ansprechend.”

Dieses Lernen hat kein Ende. Es verfeinert uns, es führt zu einer immer wieder verbesserten Art und Weise des Funktionierens. Wir erweitern unsere Möglichkeiten, Dinge tun zu können. Also, Umstände entschuldigen nicht alles. Neben der Genetik und unserer sehr langen Erziehung, obliegt uns noch ein gewisser Teil der Selbsterziehung. Diese Selbsterziehung erzeugt Eigenverantwortung und das Ziel Eigenverantwortung inspiriert uns, uns mehr mit uns in unserer Umwelt zu befassen.

Ich freue mich auf Ihre Kommentare. Wie stehen Sie zu dem Thema Eigenverantwortung?

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