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veröffentlicht am: 16. Dezember 2018

Lernen und Wachstum

Was tun? Worum geht es? Große Fragen! Keine leichten und kurzen Antworten. Was soll ein Individuum in der Welt tun, um sich voll und ganz wohl zu fühlen? Ändern wir das Wort „soll“ in das Wort „kann“ um und fragen uns, was eigentlich innerhalb unserer Grenzen möglich ist. Das Leben ist heute sehr reich geworden. Reich an Informationen oder Reizen. Wir leben in einem wahren Informationszeitalter, geprägt von Reizüberflutung. Dieser Überflutung kann unser Gehirn, speziell unsere eher evolutionär jüngere Großhirnrinde, nicht effizient genug beikommen. Uns bleibt nichts anderes übrig, als zu differenzieren. Wenn wir dies nicht tun, werden wir früher oder später mit Informationen überflutet und gehen sogleich in dieser Flut unter. Wir wenden uns also spezifischen Informationen zu und von anderen Informationen wenden wir uns ab. Das tun wir schon allein wegen der Verantwortung uns selbst gegenüber, denn Maschinen sind wir noch lange nicht. Dabei gibt es Prozesse, welche uns während der ganzen Zeit begleiten: Lernen und Wachstum.

Die Welt, wie sie im Moment ist, hat viel mit den Entscheidungen zu tun, die wir alltäglich treffen, auf individueller und kollektiver Ebene. Auf individueller Ebene treffen wir Entscheidungen, welche wir zum Teil kulturell gelernt haben, zum Teil geerbt haben und uns zu einem Teil selbst beigebracht haben. Diese Entscheidungen basieren unter anderem auf Wissen und auf Intuition. Eine reine Anhäufung von Wissen ist toll, doch ohne zeitlichen Gebrauch, bzw. ohne adäquater Anwendung des Wissens, gleicht es doch vielmehr einem Ballast. Schon weitaus vor dem Kleinkindalter beginnt das Lernen. Wir lernen angefangen im Mutterleib bis zur letzten Sekunde unseres Lebens. Wir lernen, das etwas so ist und nicht anders. Auf einer höheren Stufe lernen wir, das es auch anders sein kann. Wir erweitern sozusagen unsere Grenzen. Wenn ein Kind ca. 5 Monate alt ist, kann es noch nicht genau wahrnehmen, wann genau Tiefe eine Gefahr darstellt. Dies wurde in der Entwicklungspsychologie mit der visuellen Klippe untersucht (siehe Bild).

Ein 5-Monate altes Kind erkennt noch nicht die Gefahr, welche von dieser visuellen Klippe ausgeht. Es krabbelt einfach drauf los und befindet sich dann auf der Klippe, sprich auf der Glasscheibe. Ein 8-Monate altes Kind besitzt mittlerweile die Fähigkeit zu differenzieren, „Halt, von dieser Klippe geht Gefahr aus“. Es entwickelt sich Angst, sich nicht weiterbewegen zu wollen. Somit hält das Kind vor der visuellen Klippe inne. Nur die Mutter, oder eine enge Bezugsperson, können es zusammen mit dem Kind schaffen, diese Angst wieder zu regulieren, und das Kind wagt somit die ersten Versuche hin zur Klippe. In diesen drei Monaten ist eine Menge passiert, es fand Lernen statt. Lernen, muss hier angebracht werden, findet immer dann statt, wenn eine neue Erfahrung eine alte Erfahrung ersetzt oder erweitert. Eine neue Erfahrung mit alten Wissen zu betrachten, stellt kein Lernen dar. Im gleichen Zug dazu findet Wachstum statt.

Wachstum kann hier als Bewegung in Richtung eines breiteren Verständnisses von der Natur der Dinge verstanden werden. Die Natur der Dinge beinhaltet uns, mit all unseren Gedanken, Gefühlen, Wahrnehmungen, Empfindungen, und die Umwelt mit all den Lebewesen und Pflanzen und Errungenschaften in ihr. Dieses Wachstum setzt Lernen voraus. Dies besagt gleichzeitig, das es möglich ist für Jahrzehnte etwas zu lernen, z.B. eine weitere Fremdsprache (Chinesisch), ohne jedoch dabei zu wachsen. Wachstum würde bedeuten, mehrere Sichtweisen auf die Welt zu bekommen. Wie wir heute wissen, sieht die Welt ein wenig anders aus, abhängig von der jeweiligen Sprache. Für mich stellt dies einen unglaublichen Reichtum dar. Dieser Reichtum bezieht sich weniger auf das Wissen, sondern mehr auf die Erfahrung, welche mir die zusätzliche Sprache ermöglicht, nämlich die Welt durch „andere Augen“ zu sehen und zu verstehen. Dieses Wachstum, welches die Welt ein wenig über den Haufen wirft, ist ein natürlicher Prozess, welcher mit der Zeugung angestoßen wird und mit dem Tode erlischt. Dieses Wachstum kann verlangsamt werden, oder sogar gestoppt werden. Das wird für eine Weile funktionieren, bis der Organismus nach mehr schreit, nach Wachstum.

Wachstum hat meist auch etwas mit Schmerzen zu tun. Das ist dann der Fall wenn jemand glaubt, das es unbedingt so sein muss und nicht anders. Hier wäre es notwendig zu lernen, einen gewissen Umweg zu machen, um weiterzukommen. Diesen Umweg zu machen, mag anfangs nicht leicht aussehen, da der Umweg nicht offensichtlich vor unseren Füßen liegt. Wir müssen ihn suchen und kultivieren. Das ist Lernen. Dieses Lernen hat sehr viel mit Eigenverantwortung zu tun. Sobald wir nicht mehr das tun was alle tun, oder das tun was andere von uns wollen, sondern lediglich das, was unser innerer Kompass sagt, ohne dabei die Grenze eines anderen Menschen zu verletzen, sprechen wir von authentischen Entscheidungen. Diese authentischen Entscheidungen unterliegen dem individuellen Gesetz der Zeit. Genau so wenig wie man eine Blume mit den Fingern zieht, um sie zum Wachsen anzuregen, genau so wenig erwartet man zwanghaft von einem Menschen, in einer gewissen Zeit ein gewisses Pensum zu schaffen. Ich weiß, das entspricht nicht ganz unserer westlichen Gesellschaft, denn es geht hier vornehmlich darum in einer gewissen Zeit ein gewisses Pensum zu schaffen. Beispiele dafür lassen sich alltäglich finden. Für mich besteht Wachstum in einer freien kreativen Entfaltung der tiefer liegenden eigenen Möglichkeiten (anderes Wort: Potential). Diese Entfaltung geht mit Eigenverantwortung einher, mit einer Überwindung der spezifischen Angst und der Hingabe, neue Informationen mit Freude und Leichtigkeit aufzunehmen, um weitere Wachstumsprozesse anzustoßen.

Ich schließe diesen Artikel mit ein paar Worten von Moshé Feldenkrais ab:

Learning that is not conducted through a new way of action is not learning. … Trust yourself to work out what is right for you.

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