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veröffentlicht am: 9. Juli 2017

Lernen ist das Verändern von Variablen

Den Artikel “Warum haben wir ein Gehirn” beendete ich mit den Worten, dass Bewegung nicht alles ist, doch ohne Bewegung ist vieles nichts. Nun nehme ich folgendes Zitat dazu.

“Fortschritt bzw. Verbesserung, und somit eventuell auch Glück, entsteht durch eine konstante und stufenweise Veränderung von Variablen. Diesen Prozess nenne ich Lernen.”

Wären Sie gerne ein Fisch? Dieser wird geboren mit einem genetischen Programm. Er muss nicht nachdenken und lernen, wie etwas funktioniert, sondern er macht es bereits, schwimmt genau dorthin wo er hin muss, legt die Eier dort ab, wo er es für richtig hält. Er verhält sich perfekt angepasst an seine Umgebung. Doch nehmen Sie ihn nicht aus dem Wasser, denn das wäre gar nicht gut. Wir Menschen hingegen haben es ein wenig schwieriger, und das ist auch nicht mal so schlecht. Wir sind zum Lernen gezwungen. Lernen als dauerhafte Veränderung im Verhalten eines Organismus aufgrund von Erfahrung. Dies entspricht auf jeden Fall der Definition von Psychologen. Wir manipulieren gewisse Variablen von Zeit zu Zeit und stufenweise verändert sich etwas in unserem Leben. Das macht das Leben sehr spannend.

Täglich zwei Monate lang etwas bestimmtes tun! Seien Sie vorsichtig, denn es könnte zu einer Gewohnheit werden:

  • Es wurde ein Test mit 96 Studenten durchgeführt. Die Studenten sollten vor dem Abendessen joggen und das jeden Tag. Nach ungefähr zwei Monaten fühlte es sich ganz normal an, es entstand ein Automatismus, es entstand eine Gewohnheit. In diesem Prozess konditionierten sich die Studenten selbst.

Assoziatives Lernen ist ein Prozess. Dies kann auf zwei Arten geschehen. Einmal treten zwei Reize zusammen, bzw. kurz hintereinander auf, z.B. auf dem Blitzschlag folgt der Donner. Dies nennt sich klassische Konditionierung. Im operanten Konditionieren lernen wir die Folgen unseres Verhaltens kennen und somit lernen wir gute Handlungen zu wiederholen und schlechte Handlungen zu vermeiden. Ein weiteres Beispiel für das klassische Konditionieren beim assoziativem Lernen wäre unter anderem das Wissen des nächsten Songs auf unserer Lieblings-CD, obwohl wir wahrscheinlich nicht einmal den Namen des Songs wissen. Wir wissen jedoch am Ende des vorherigen Songs, was als nächstes kommen wird, vorausgesetzt wir hörten uns diese CD mehrere Male an.

  • Dann gibt es auch noch das kognitive Lernen, d.h. wenn ich bouldern (Bouldern ist ein anderes Wort für Klettern in der Halle) gehe und eine Route nicht schaffe, beobachte ich jemanden, der sie schafft und lerne die aufeinanderfolgenden Schritte durch Beobachtung. Anschließend setze ich diese Beobachtung in die Tat um und mache es nach.

Japaner haben ein Unvermögen den Unterschied zwischen R und L zu hören, da diese Laute in ihrem Sprachraum nicht vorkommen. Kognitive Strukturen passen sich an den jeweiligen Sprachraum an, welche komplett anders sein könnten, gegeben dem Umstand, dass ein Japaner in Deutschland aufwächst. Dies lässt schlussfolgern, ob wir nicht alle für bestimmte kognitive Bereiche empfindungslos sind.

 

Abschließend möchte ich einen kurzen Dialog zwischen Humberto R. Maturana und Bernhard Pörksen anführen. In diesem Dialog fand ich eine sehr interessante Definition bzw. eine Sichtweise auf Intelligenz.

„Maturana: Intelligenz manifestiert sich in der Möglichkeit, das eigene Verhalten in einer sich verändernden Welt zu variieren. Wann immer man ein Lebewesen als intelligent klassifiziert, so meint man eigentlich, dass es sein Verhalten in adäquater Weise transformiert. Als in der Sprache lebende Wesen benötigen und besitzen wir eine derart gigantische Plastizität des Verhaltens, dass man mit Fug und Recht sagen kann: Allein dieses Faktum, dass wir in einem Bereich der Koordination von Verhaltenskoordinationen existieren, macht uns zu allesamt in gleicher Weise intelligenten Lebewesen. Natürlich gibt es unterschiedliche Erfahrungen und Vorlieben, Interessen und auch Fähigkeiten, das stimmt schon. Aber ich behaupte, dass jeder Mensch, wenn er nur will, zu lernen vermag, was ein anderer auch lernen konnte.

Pörksen: Das klingt nun so, als könne sich jeder in einen Albert Einstein – in eine Ikone überragender Intelligenz – verwandeln.

Maturana: Nicht jeder wird ein Albert Einstein, aber jeder kann, wenn er dies will, lernen, was Albert Einstein gelernt und gelehrt hat. Natürlich wird er nicht denselben Weg gehen wie Albert Einstein, er wird auch nicht dieselben Begriffe und Theorien erfinden, weil dies auch gleichartige Lebensumstände und identische Erfahrungen voraussetzen würde. Und selbstverständlich schränkt sich ein Mensch, der eine Lebensform und einen beruflichen Weg gewählt hat, in seinen sonstigen Fähigkeiten ein. Wenn ich als Bodybuilder Karriere machen will, dann konzentriere ich mich auf besondere Anforderungen – und andere tauchen erst gar nicht auf. Das bedeutet aber nicht, dass es diesem Bodybuilder, der sich für eine ganz bestimmte Existenz entschieden hat, an einer fundamental gegebenen Intelligenz fehlt.“

Setzen Sie sich mal für ein paar Minuten entspannt hin, und überlegen, was Sie so täglich Neues tun, also gewisse Variablen verändern, bzw./oder komplett neue Dinge lernen. Was fällt Ihnen ein?

Die Zeilen im Anschluss schrieb ich ca. 2012 in den USA. Ich konnte damals nur meine linke Hand benutzen. Aus der Not lernte ich mit links zu schreiben. Ich könnte sagen, dass ich gezwungen wurde, denn ich wollte ja schreiben, nur ging es mit rechts nicht, somit lernte ich es mit links. Es war mühsam und unbeholfen am Anfang, doch gibt man dem Ganzen Zeit, so kann Leichtigkeit und Schwung entstehen.

Life is about being present!

 

Verwendete Quellen:
Maturana, Humberto R.; Pörksen, Bernhard: Vom Sein zum Tun. Carl-Auer-Verlag (2008)
Singer, Wolf: Der Beobachter im Gehirn. Suhrkamp Taschenbuch (2002)

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