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veröffentlicht am: 10. Mai 2017

Freiheit – die magische Lücke

“Erst wenn du weißt, was du tust, kannst du tun, was du willst.”
Moshé Feldenkrais

Philosophie der Freiheit

Feldenkrais ist eine Philosophie der Freiheit, eine praktische Philosophie. Es geht um die Möglichkeiten, sich in seinem Leben als freier wahrzunehmen und es geht darum, Bewegung als das Medium zu sehen, diese Möglichkeiten näher zu erfahren. Schaffen wir es, unseren Wahrnehmungshorizont zu erweitern und ihn mit sprachlichen Konzepten zu beschreiben, um ihn uns und anderen mitzuteilen, so kann dadurch ein komplett neues Handlungsbild entstehen. Nun wissen wir den Unterschied zwischen schwer und leicht nicht nur aus Büchern, sondern auch aus uns heraus. Obwohl unser primäres Umfeld, die Eltern, und unser sekundäres Umfeld, die Gemeinschaft/Gesellschaft, uns in gewisser Weise prägen, mag es nicht nur so sein, sondern es gibt immer noch ein Fenster für Entwicklung. Es mag klein sein, doch steht es für ziemlich lange Zeit offen. Es obliegt uns, es zu nützen, um uns von dem Gefühl des Geworfenseins zu verabschieden. Individuelles Lernen schafft es unsere natürlichen neuromuskulären Beziehungen, welche jenseits unser gewohnheitsmäßigen Muster liegen, besser zu spüren und zu verstehen und somit wieder zu integrieren. Wir kreieren eine Einheit mit unserem Skelett, benutzen unser Nervensystem in solch einer Manier, dass unsere Muskeln uns mit Leichtigkeit durchs Schwerefeld navigieren.

Zwei Beschreibungssysteme

Ein Kind wird geboren, eingebettet in ein soziales Umfeld, sich noch nicht als Individuum wahrnehmend. Durch Sprache entwickelt sich langsam aber sicher das kulturelle Konzept des Ichs heraus. Dies passiert in den ersten drei Jahren. Sobald dieses Konzept steht, sieht sich das Kind als eigenständiges Wesen. Auch die Menschen um sich herum, sieht es als eigenständige Wesen an. Gibt uns nun Bewusstheit auch die Freiheit, eine Wahl zu treffen und uns in dieser Wahl als freie Wesen wahrzunehmen? Dazu möchte ich kurz auf zwei Beschreibungssysteme eingehen. Wir können Sachverhalte in der Erste-Person-Perspektive (subjektive Wahrnehmung) und Dritte-Person-Perspektive (Wissenschaft) beschreiben. Untersuchungsgegenstand und Untersuchender sind in der Dritte-Person-Perspektive nicht identisch. In der Dritte-Person-Perspektive werden natürliche Phänomene beschrieben, z.B. wir beobachten, dass ein Apfel, den wir in der ausgestreckten Hand halten Richtung Boden fällt, sobald wir ihn loslassen. In der Erste-Person-Perspektive werden soziale Realitäten beschrieben, wir beschreiben Inhalte, wie Gefühle und Gedanken unserer selbst, z.B. das wir uns nun schlecht fühlen, da wir diesen Apfel, den wir soeben haben fallen lassen, essen wollten. Dieser Bereich bedient sich einem anderem Vokabular, welches unter anderem in der Dritte-Person-Perspektive verwendet wird, jedoch nicht verwendet werden kann.

Allein eine gemeinsame Sprache zu finden, welche zwischen beiden Systemen eine Brücke schlägt, scheint schwierig zu sein, denn beide Systeme müssten sich Wörter des anderen Bereichs zu Nutze machen, z.B. das Wort Aufmerksamkeit, welches sehr wohl in der Sprache der Psychologie zu finden ist, jedoch nicht in der Sprache der Neurowissenschaft, in dem neuronale Korrelate beschrieben werden. Die Hirnforschung leidet hier an einem adäquaten Beschreibungssystem, denn aus der Dritte-Person-Perspektive lassen sich keine subjektiven Phänomene, wie z.B. Intentionalität beschreiben. Dies ist eine Theorie des Geistes, d.h. Identifikation von Phänomenen die nur über subjektive Erfahrungen wahrnehmbar sind und in Sprache zu fassen sind. Genau diese kulturellen Konstrukte erlauben es uns die Realität anders zu erfahren.

Biologische und kulturelle Evolution

Die Vorstellung vom freien Willen hat sich im Übergang von der biologischen Evolution hin zur kulturellen Evolution gebildet. Während der kulturellen Evolution wurde Wissen von Generation zu Generation weitergegeben. Dies beinhaltete natürlich auch Sinnzuschreibungen, was es so bei der biologischen Evolution nicht gab. Die kulturelle Evolution brachte drei Errungenschaften mit sich.

  1. Das Vermögen uns unserer kognitiven Prozesse gewahr zu werden und diese symbolisch zu repräsentieren und anderen Menschen mitzuteilen.
  2. Das Vermögen uns ein Bild der mentalen Prozessen eines anderen zu machen, um uns vorstellen zu können, was in dem anderen vorgeht.
  3. Das Vermögen unser erworbenes Wissen zu speichern, zu kodieren, um es an nachkommende Generationen weiterzugeben.

Menschen sind zu einer Interpretationsleistung fähig, welches Tieren nicht nahe liegt. Daher können wir uns in andere hineinversetzen und nachempfinden, wie sie denken und fühlen. Die Komplexität unserer Gehirne hat zugenommen, im speziellen, die Komplexität unserer Großhirnrinde. Dies brachte Leistungen hervor, die den Tieren fremd ist. Die Fähigkeit Interpretationen anzustellen, unsere Gedanken mit anderen auf einer Metaebene auszutauschen hat Kultur hervorgebracht. Das macht Kultur zu dem Ergebnis einer langen Entwicklung von der biologischen Evolution bis hin zur kulturellen Evolution.

Die magische Lücke – das nicht vorhandene Konvergenzzentrum

Unser So-Sein ist auf der einen Seite biologisch und auf der anderen Seite historisch-kulturell-sozial bedingt. Determinismus, d.h. die Vorherbestimmtheit aller Ereignisse unter Ausschluss des freien Willens, ist nicht nur auf die Biologie, also die Gene, beschränkt, sondern findet sich auch wieder in der Kultur, in welcher wir mit Werten, Anschauungen, Sprache geprägt werden. Es wäre ein Trugschluss, alles auf die Gene zu schieben. Da machen wir es uns zu einfach. Unsere genetische Ausstattung heute unterscheidet sich nicht wirklich von der Ausstattung eines Menschen aus der Steinzeit, jedoch gibt es erhebliche Unterschiede bezüglich unserer Großhirnrinde. Und diese Komplexität unserer Großhirnrinde macht es uns schwer ein kohärentes Erklärungssystem zu erstellen, ein Erklärungssystem, mit welchen wir alle Ereignisse voraussagen könnten.

Kausale Erregungszutände ganz einfacher Organismen sind mit der naturwissenschaftlichen Sprache beschreibbar, d.h. wir können ungefähr voraussagen, was z.B. ein Wurm als nächstes tun wird. Beim Menschen unterliegen die Neurowissenschaftler der Annahme, dass höhere Verhaltensleistungen ausschließlich der Entwicklung immer komplexerer Nervensysteme zu verdanken sind. Doch nun entstehen Phänomene, welche nicht mehr in der Dritte-Person-Perspektive beschreibbar sind. Es entstehen Lücken und somit kommt der Freie Wille ins Spiel. Diese Phänomene werden nun in der Erste-Person-Perspektive beschrieben. Wir tun was wir tun, da uns gewisse Faktoren dazu veranlassen. All diese Faktoren zu einem Ganzen zusammenzubauen ist sehr komplex. Wir können derzeit die vielfachen Parameter nicht wirklich überblicken. Aus diesem Grund ist es einfacher unseren Handlungen Intentionalität zu unterstellen.

Es wurde lange Zeit gedacht, es gäbe eine Kontrollinstanz, ein Konvergenzzentrum, in dem alle Informationen zusammenlaufen, um dann ausgewertet zu werden, um zu einer Entscheidung zu kommen. Es gibt aber keine Kontrollinstanz in unserem Gehirn, in der alle Informationen zusammenlaufen und wo letzten Endes eine Entscheidung für eine Handlung getroffen wird. Die Hirnarchitektur ähnelt nicht der hierarchischen Struktur eines Computers, sondern ähnelt eher einer unglaublich komplexen Vernetzung verschiedenster Gehirnareale. Diese Vernetzung bringt nun die Erfahrung zu Tage uns als freie Wesen wahrzunehmen. Erklärbar ist dies derzeit nicht und wird deshalb als das sogenannte Bindungsproblem bezeichnet, d.h. in anderen Worten, es ist derzeit unklar wie all die verschiedenen Informationen zusammenlaufen, um ein kohärentes Bild zu erzeugen, was uns schließlich die Überzeugung gibt, frei zu sein.

Kulturell konstruiert

Äußere Reize wie auch innere Reize, wie die ständig wechselnden Gehirnzustände, geben unserem Handeln die Richtung vor. Somit lässt sich die Frage stellen, ob der Freie Wille nicht zu hundert Prozent ein mentale Erfindung ist. Unser Hirn könnte man als eine Optimierungsmaschine bezeichnen, ständig damit beschäftigt, Inhalte zu ordnen, Bezüge herzustellen, Modelle zu entwerfen. Unsere Wahrnehmung ist aktiv und erwartungsgesteuert, und zu einem großen Teil unbewusst. Dies veranlasst uns erst nach dem Geschehen Erklärungen für unser Geschehen zu konstruieren. Unser Gehirn interpretiert die Welt nach dem in ihm angelegten Regeln, basierend auf der Struktur unseres Gehirns. Somit arbeitet das Gehirn rückwärts, aber auch vorwärts. Genau das macht Bewusstsein nützlich, um Voraussagen machen zu können und somit Gefahrensituationen zu umgehen. Der freie Wille ist Opfer einer Dichotomie. Auf der einen Seite ist er ein illusionäres kulturelles Konstrukt, inkompatibel mit dem, was wir über das Gehirn und seine Funktionen wissen. Er beruht auf einen kulturellen Konsens. Auf der anderen Seite kann der freie Wille erfahren werden, und genau das macht ihn real. An dieser Erfahrung halten wir fest, um nicht ohnmächtig zu werden, dass unser ganzes Leben vorherbestimmt sei. Aus diesem Grunde gefällt mir persönlich die Feldenkrais Methode so sehr, denn mit ihr können wir unsere Selbsterfahrungen erweitern und somit unser Handlungsbild verfeinern. Diese Erweiterung und Verfeinerung ist Teil unserer menschlichen Bedingtheit.

Verwendete Quellen:
Singer, Wolf: Der Beobachter im Gehirn. Suhrkamp Taschenbuch (2002)
Singer, Wolf: Ein neues Menschenbild. Suhrkamp Taschenbuch (2003)

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