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veröffentlicht am: 1. Juni 2017

Feldenkrais, Amygdala und Hippocampus

Vor kurzen stieß ich auf ein interessantes Buch mit dem provokanten Titel “Why Therapy Works”. Ich kaufte es mir sofort und began darin zu lesen. Im Kapitel “Those things we don´t remember yet never forget” startet Louis Cozolino, das Ziel einer Therapie zu umschreiben. Laut Freud ist das Ziel das Unbewusste bewusst zu machen. Für Cozolino besteht das Ziel der Therapie darin, die Bewusstheit zu erweitern und die verschiedenen neuronalen Systeme des bewussten und unbewussten Erinnerungsvermögens zu integrieren. Die Vereinigung der beiden Systeme entspricht einem holistischen Ansatz.

Explizites und Implizites Erinnerungsvermögen

Dafür unterscheidet man zwei Arten der Erinnerung. Auf der einen Seite haben wir das explizite Erinnerungsvermögen. Dieses Vermögen entwickelt sich erst im Laufe der Jahre. Es verleiht unseren Erfahrungen einen gewissen Kontext und ist vorwiegend zuständig für bewusstes Lernen, nämlich semantischen, sensorischen und motorischen Formen des Lernens. Das semantische Vermögen lässt sich nochmals unterteilen in das episodische, narrativ-autobiographische, welches später sehr wichtig wird für die Instandhaltung der Emotionsregulation, die Formung einer Identität und die Weitergabe unserer kulturellen Tradition. Auf der anderen Seite befindet sich das implizite Erinnerungsvermögen. Dieses Vermögen ist größtenteils unbewusst und beinhaltet unter anderem Dinge wie das Fahren eines Rads, sich unwohl fühlen bei verdorbenen Essen und auch traumatische Kindheitserfahrungen. Wir könnten das explizite Erinnerungsvermögen als die Spitze des Eisberges bezeichnen und das implizite Erinnerungsvermögen als den Rest. Das implizite Vermögen bildet sich schon vor der Geburt heraus, wie sich an der Fähigkeit des Neugeborenen bezüglich der Erkennung des mütterlichen Gesichts herausstellt. Dafür sind primitivere Gehirnstrukturen zuständig, wie unter anderem die Amygdala. Dadurch dass das explizite Vermögen erst sehr viel später angelegt wird, können wir zuerst laufen und reden, ohne überhaupt zu wissen, ob die Welt sicher ist.

Die Freundschaft zwischen Amygdala und Hippocampus

Zuerst ein kurzer Überblick, bzw. eine Gegenüberstellung der beiden Hirnregionen:

Amydala Hippocampus
Implizit Explizit
Unbewusst Bewusst
Generalisiert Diskriminiert bzw. differenziert
Vor der Geburt schon anwesend Wird im Laufe des Lebens (ab dem 2.ten Jahr) gebildet
Keine Auffassung von Zeit Gutes Zeitverständnis; Arbeitet mit dem Präfrontalen Cortex zusammen
Verarbeitet soziale und emotionale Eindrücke und übersetzt diese in den körperlichen Ausdruck Verarbeitet bewusste, logische und kooperative Eindrücke und differenziert zwischen verschiedenen Erinnerungen
Primär am Überleben interessiert; Wichtig bei Annährungs-Vermeidungs-Verhalten Essentiell an der Verfeinerung von Handlung interessiert
Arbeitet im Hintergrund Arbeitet im Vordergrund
Bindungsverhalten Identität

Ein depressiver Mensch ist überwältigt von seinem negativen Gefühlen und somit unfähig einen Realitätscheck auszuführen. Man könnte sagen, dass die Emotionen die Kognition manipulieren und nicht, wie wir immer denken, dass die Kognition die Emotionen in Schach hält. Menschen mit Störungen des impliziten Erinnerungsvermögen suchen eine Therapie auf, um unter anderem ihr Bindungsverhalten wieder herzustellen und sich besser regulieren zu können. Eine Überreaktion, z.B. das extrem laute Sich-Verteidigen in einem Restaurant, zeigt die Unangemessenheit in einer Situation an, welche auf eine höhere Empfindlichkeit aufgrund von traumatischen Erlebnissen zurückzuführen ist. Depression kann zu einer Schrumpfung des Hippocampus führen und diesen brauchen wir unbedingt, um stressbedingte Situationen zu regulieren. Ausserdem führt Depression auch zu einer Herabsetzung unserer Fähigkeit vernünftige Entscheidungen zu treffen. Aus diesen genannten Gründen ist es sinnvoll und notwendig Freundschaft zu schließen zwischen der Amygdala und dem Hippocampus. Eine gute Psychotherapie kann langfristig für positive Affirmationen sorgen und nach und nach Änderungen in der Gehirnstruktur hervorrufen, in dem sie alte negative Gedankenmuster überschreibt. Laut Louis Cozolino sind gute Therapeuten jene, welche verbal die Amygdala so beruhigen können und mit anderen Gehirnzentren besser arbeiten zu können. Bezeichnen wir dies mal als einen “Top Down” Versuch die Selbstorganisation zu ändern. Ein anderer Begriff für “Top Down” wäre Deduktion. Das Gegenteil hierzu wäre die Induktion, also der “Bottom Up” Versuch. Ich möchte nun auf die Feldenkrais Methode eingehen, als adäquaten “Bottom Up” Versuch, gewisse Änderungen in der Selbstorganisation herbeizuführen.

Mit Feldenkrais die Amygdala neu organisieren

Yoga, Meditation oder auch Feldenkrais können sehr wichtige Ergänzungen zu einer Therapie sein. Durch solche Methoden gelangt der Mensch zu einem tieferen Verständnis seiner körperlichen Reaktionsmuster und im Umkehrschluss zu einem tieferen Verständnis seiner emotionalen Muster, welche verkörpert sind. Den Blick nach innen zu richten, kann dazu führen implizite Erinnerungen aufzulösen. Hier wird Geschichte geschrieben und zwar auf zwei Ebenen. Einmal auf der emotionalen-kortikalen Ebene durch die narrative Psychotherapie, welche die schwerverständliche Vergangenheit in ein lückenloses Geschehen übersetzt und somit verstehbar macht und zum zweiten durch die Umorganisierung der neuro-muskulären Bewegungsmuster mit Feldenkrais, welche wiederum neue emotionale Muster mit sich bringen.

Die Amydala lässt uns aus Angst bei einer Spinne an die Decke hüpfen. Der Hippocampus teilt uns mit ruhig zu bleiben, da keine Gefahr droht. Bei der kleinsten Wahrnehmung von Gefahr setzt uns die Amygdala in entweder Kampf-, oder Fluchtbereitschaft. Doch kurz vorher setzte ein Gefühl der Angst ein. Dieses Gefühl der Angst setzt immer ein, sei es bei einem Bombenalarm oder bei einer harmlosen Spinne. Angst setzt unsere Fähigkeit Probleme zu lösen und Emotionen zu regulieren ausser Kraft. Angst ist auch der einzigste Instinkt, welcher die Bewegung hemmt. Was hier nun köperlich geschieht, ist die Aktivierung sämtlicher Beugermuskeln, ein Anhalten des Atems und anderer vasomotorischen Reaktionen, wie z.B. beschleunigter Puls, Schwitzen etc. Erst nachdem alle Beugermuskeln aktiviert wurden, kommt es zu einer noch stärkeren Aktivierung der Streckermuskeln, welche dann die Flucht oder den Kampf einleiten. Kommt es nicht zum Angriff oder zur Flucht, verharren wir in dem gebeugten Zustand, bis die Gefahr vorüber ist. Laut Moshé Feldenkrais ist die Angst vor dem Fallen die ursprünglichste Angst. Als nächstes kommt die Angst vor lauten Geräuschen. Beide Ängste leiten die Anspannung der Beugermuskulatur ein. In einer Feldenkrais Lektion liegen wir unter anderem auf dem Boden, in Bauch und/oder Rückenlage und versuchen unsere Strecker-, und Beugermuskulatur besser zu koordinieren, bzw. kennenzulernen. In dem wir die Beuger benutzen, müssen wir notwendigerweise lernen die Strecker zu hemmen und vice versa.

Durch das ständige Forschen in einer Feldenkrais Lektion, lernen wir nicht nur einzelne Muskeln anzusteuern, sondern all diejenigen Muskeln, welche für eine komplexe Bewegung benötigt werden, optimal zu organisieren. Optimal bedeutet hier, ohne zusätzlichen Kraftaufwand, d.h. wir machen nur so viel wie wir wirklich benötigen und nicht mehr als das. Wir arbeiten konstant an unser Effizienz hin zu noch mehr Leichtigkeit. Wie vorher schon hervorging, geht es bei Feldenkrais nicht um Bewegungen bzw. den Körper, sondern um den ganzen Menschen, denn ändere ich mein Bewegungsverhalten, ändert sich notwendigerweise auch der ganze Mensch. In welche Richtung die Reise gehen soll, entscheiden Sie.

 

Verwendete Literatur:
Cozolino, Louis: Why therapy works. W.W. Norton & Company (2016)
Feldenkrais, Moshé: Die Entdeckung des Selbstverständlichen. Suhrkamp Taschenbuch (1987)
Myers, David G.: Psychologie. Springer Verlag (2014)
Sweeney, Michael S.: Brain. The complete mind. National Geographic Society (2009)

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