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veröffentlicht am: 5. Januar 2018

Entwicklungsproblem als Passungsproblem

Die Psychologie kann generell als die Lehre vom Verhalten und Erleben des Menschen verstanden werden. Das Teilgebiet Entwicklungspsychologie beschäftigt sich diesbezüglich mit quantitativen und qualitativen Veränderungen im Verhalten und Erleben des Menschen über dessen Lebensspanne, d.h. von der Konzeption bis zum Tod. Beeinflusst durch die Evolutionstheorie Charles Darwins vertritt die Entwicklungspsychologie die Ansicht der Interaktion von biologischen und kontextuellen Faktoren. Motivierend für diesen Artikel, war für mich zum einen eine Aussage von Jochen Brandtstädter, dass Entwicklungsprobleme Passungsprobleme wären, und zum anderen die Frage, ob “organisches Lernen”, ein Konzept aus der Feldenkrais Methode sich mit dem AAI Modell von Brandtstädter vereinigen lassen.

Entwicklungsprobleme sind Passungprobleme

Entwicklungsprobleme resultieren laut Brandtstädter aus einer Diskrepanz von vier verschiedenen Faktoren. Diese Faktoren unterscheiden sich zwischen den Zielen und Potentialen eines Individuums und den kulturellen Angeboten und Anforderungen des Umfelds.

  1. Individuelle Entwicklungsziele
    Frage: Welchen Beruf möchte ich ergreifen?
  2. Individuelle Entwicklungspotentiale
    Frage: Welche Kompetenzen besitze ich im Moment?
  3. Entwicklungsanforderungen des Umfelds (Familie, Schule, Kultur)
    Frage: Welche Anforderungen stellt mein Umfeld an mich (Schule)?
  4. Entwicklungsangeboten der Umwelt
    Frage: Welche Ressourcen kann ich nutzen?

Nehmen wir an, ein junger Herr möchte gerne Grundschullehrer werden (Entwicklungsziel). Es bestehen die entsprechenden Angebote in seinem näheren Umfeld, sprich schulische Ausbildung bis zum Abitur und universitäre Ausbildung zum Grundschullehrer. Die Anforderungen bestehen darin, gut in den jeweiligen Ausbildungsabschnitten abzuschneiden (Schule und Universität). Jedoch liegen die Kompetenzen des jungen Herrn eher in einem wissenschaftlichen forschenden Bereich bezüglich Molekülen. Mit Molekülen beschäftigt er sich ausgiebig jeden Tag für mehrere Stunden. Er liest die entsprechende Literatur und arbeitet in einem Schullabor an Tests mit. Hier könnte ein Passungproblem vorliegen, da ein Faktor komplett konträr ist.

Weitere Beispiele neben der Berufswahl wären die Gründung einer Familie, die Erziehung eines Kindes, etc. Diese Beispiele werden als Entwicklungsaufgaben verstanden, welche in einem gewissen Zeitrahmen stattfinden. Wenn dies nicht der Fall ist, liegt hier keine Pathologie zugrunde, sondern lediglich ein Passungproblem. Diese Passungprobleme können in Einbrüchen des Selbstwerts, der Leistung, Schwierigkeiten in Beziehungen, bis hin zu Depressionen resultieren. Diese mangelnde Passung kann, muss jedoch nicht, zu Entwicklungsproblemen führen. Eine gelingende Entwicklung besteht somit in der progressiven Adaptation eines Individuums an die Umwelt, nicht in dem Sinne, dass sich ein Individuum sich seiner Umwelt Untertan macht, sondern in einem aktiv sich mit seiner Umwelt auseinandersetzenden Sinne. Progressiv ist die Anpassung aus dem Grund, da viele kleine Schritte in Richtung eines festgelegten Ziels, langfristige Verbesserungen mit sich bringt. Dieses Bild der fortwährenden kleinen Verbesserungen steht den traditionellen Entwicklungsprognosen von Stabilität und Ordnung entgegen, zugunsten einer dynamischeren, flexibleren Sichtweise.

Einordnung der Sichtweise – Typologie Entwicklungstheorien

Fortwährende kleine Verbesserungen als eine dynamischere, flexiblere Sichtweise steht der Determination von Umwelteinflüssen und biologischen Einflüssen entgegen. Es wird nicht behauptet, dass es keine Umwelteinflüsse (exogenetisch) und biologische Einflüsse (endogenetisch) gibt, sondern, dass der Mensch die Fähigkeit besitzt durch Selbststeuerung, aktiv seine Entwicklung zu regulieren.

Dies ist die Grundannahme: Menschen können ihre eigene Entwicklung regulieren.

Die Sichtweise, welche hier in diesen Artikel behandelt wird, entspräche einer aktionalen Entwicklungstheorie. Aktional ist sie deswegen, da sich das Individuum aktiv mit seiner Umwelt auseinandersetzt. Die Umwelt ist hierbei passiv (im Bild: Selbstgestaltungstheorie). Hierfür werden dem Individuum Fähigkeiten wie Erkenntnis, Reflektion, Selektion, Interpretation und schließlich Intention zugesprochen. Das Individuum wird zum ziel- und zukunftsorientierten Handelnden und nimmt somit zu einem gewissen Teil aktiv Einfluss auf seine Entwicklung, ergo auch auf sein Glück im philosophischen Sinne. Um hierfür ein Beispiel zu geben, wäre zum einen ein junger Mensch mit ca. 18/19 Jahren zu nennen, welcher sich nach der allgemeinen Hochschulreife für eine berufliche Laufbahn entscheidet. Diese Entscheidung basierte auf Reflektion, Intention und Motivation. Dieser junge Mensch hat sich selbstständig in seiner Entwicklung positiv vorangebracht und zwar mehr durch Selbstdenken anstatt durch biologische hormonelle Einflüsse oder durch ein einfaches Reiz-Reaktionschema, wie es das exogenetische Modell darstellt.

Exogenetisch bedeutet hier, dass Entwicklung durch Umwelteinflüsse (externe Reize) kontrolliert wird. Dies datiert zurück zu den Anfängen des Behaviorismus. Individuelle Lernprozesse sind hier zugunsten eines einfachen Reiz-Reaktions-Schemas ausgeschaltet. Was sich im Kopf des Individuums abspielt, wird als “black box” bezeichnet und somit deutlich als unwichtig abgetan. Ganz anders, jedoch immer noch einschränkend sieht dies das endogenetische Modell, welches Entwicklung auf einen angelegten Plan zurückführt. Anlagen und Reifung sind zwei Schlagwörter, welche gleichzeitig den weiteren Entwicklungsverlauf kennzeichnen. Ausschlaggebend ist bei diesem Modell das Wissen von zeitlich begrenzten sensiblen Perioden, in denen ein Reiz gesetzt werden muss. Wenn dies nicht stattfindet, können zukünftige höhere Entwicklungsschritte, welche auf niedrigeren Entwicklungsschritten aufbauen, negative Einwirkungen auf die Entwicklung nehmen. Neben dem exogenetischen, endogenetischen und aktionalen Modell gibt es noch ein viertes Modell, welches die Einflüsse von Subjekt und Umwelt vereint: das interaktionale Modell (Subjekt und Umwelt sind aktiv). Hier wird dem Individuum Handlungsfähigkeit und der Umwelt Einflüssfähigkeit zugesprochen. Das Individuum entwickelt sich unter Abhängigkeit des gegebenen sozialen-ökonomischen-kulturellen Rahmens. Auf diese Sichtweise, sowie auch die endogenetische und exogenetische Sichtweise, wird hier nicht näher eingegangen.

Die handlungstheoretische Sichtweise entspricht dem aktionalen Entwicklungsmodell. Es gibt keine festgelegten Kriterien, vielmehr gibt es offene Konzeptionen. Offene Konzeptionen sind Modelle, welche Entwicklung als ein nie abschließendes Projekt ansehen. Erfolg entsteht bei der handlungstheoretischen Sichtweise darin, Probleme zu lösen, durch den Aufbau von Kompetenzen und die Nutzung verfügbarer Ressourcen. Dadurch können Defizite ausgegliechen werden was der Zielerreichung zuträglich ist. Eine gelingende Entwicklung besteht somit,

  • in der progressiven Adaptation eines Individuums an die Umwelt,
  • in der eigenständigen Auswahl der Ziele,
  • im eigenständigen kompetenten Treffen von Entscheidungen bezüglich dieser Ziele,
  • darin, Entscheidungen in Handlungen umsetzen zu können,
  • darin, Widerstände überwinden zu können,
  • darin, Ziele im Lichte neuer Erfahrungen revidieren zu können.

Umsetzung der Annahme mit dem AAI-Modell

Die Grundannahme der aktionalen Sichtweise war, dass Menschen ihre eigene Entwicklung regulieren können. Das AAI-Modell der Handlungssteuerung von Brandtstädter zeigt auf, wie ein Individuum durch drei Prozesse lernt und sich an die Umwelt anpasst. Das folgende Zitat drückt den Inhalt des Modells sehr gut aus:

„Entwicklung besteht wesentlich in der Aufrechterhaltung und Umsetzung der Fähigkeit des Individuums, sich an herausfordernde Situationen zu adaptieren, indem entweder assimilativ oder akkomodativ eine Lösung der jeweiligen Entwicklungsaufgabe angestrebt wird, sofern sie nicht dauerhaft vermeidbar ist.”1

Anbei meine eigene Zeichnung des AAI-Modells:

 

 

Dieses Modell dient der Selbstregulation durch Handlungssteuerung und basiert auf einer Differenzierung zwischen Assimilation und Akkomodation. Wie auf dem Bild ersichtlich, dient die Assimilation der hartnäckigen Zielverfolgung, d.h. angestrebte Ziele (z.B. Berufswahl, Hausbau, Partnerwahl, Kindererziehung) werden bewusst angestrebt. Dem liegt eine intentionale Selbstentwicklung zugrunde. Diese Selbstentwicklung beginnt im jungen Erwachsenenalter und wechselt im Laufe des Alterungsprozesses immer mehr Richtung Akkomodation. Mit der Akkomodation ist gemeint, dass ein Individuum Realisierungsbeschränkungen in der jeweiligen Lebensabschnittsphase wahrnehmen kann, seine Realisierungsbedingungen der angestrebten Ziele dementsprechend anpassen kann und insofern immun wird gegenüber ungünstigen Realisierungsbedingungen, sofern diese nur teilweise modifiziert werden können. Ändert sich eine Lebenssituation (external), wäre es ratsam, die Vorstellungen (internal) bezüglich der Zielerreichung in der konkreten Lebenssituation anzupassen. Dies geschieht durch Revision von Lebenssentwürfen, einer Angleichung von Zielen an Handlungsmöglichkeiten, Kontroll- und Selbstwirksamkeitsüberzeugungen, oder Bewältigungsstrategien.

Es gibt verschiedene Formen der Verhaltenssteuerung, welche an sich weder funktional noch dysfunktional sind, sondern ersterns in einem Kontext gesehen werden müssen und zweitens, sich individuell bezüglich Erfolgsträchtigkeit unterscheiden. Besitzt ein Individuum einerseits einen Pool, bestehend aus verschiedenen Methoden zur Lösung eines Problems, und andererseits die Flexibilität vorhandene Handlungsweisen zugunsten einer verbesserten Handlungsweise aufzugeben, so ist das Individuum schon im Besitz von zwei Möglichkeiten zur verbesserten Selbstregulation. Eine weitere Möglichkeit, wäre die gedankliche Umstrukturierung, “reframing”, von negativ wahrgenommenen Situationen. Diese Situationen lassen sich positiv umstrukturieren, also in einem anderen Licht sehen, z.B. mit folgender Frage: Was kann ich aus dieser Situationen lernen, um in Zukunft ähnliche oder gleiche Situationen besser bewältigen zu können? Ein Wissen über den tatsächlichen Spielraum der Entwicklung ist immer von Vorteil, d.h. sich seiner eigenen Grenzen bewusst sein. Nicht immer ist alles möglich. Ziele zu haben ist lobenswert, diese umzusetzen abhängig zum einen vom sozio-ökonomisch-kulturellen Rahmen und zum anderen von den biologisch-individuellen Kompetenzen und Ressourcen.

Flexibilität als eine besondere Persönlichkeitseigenschaft

Der Umsetzung der angestrebten Ziele, abhängig zum einen vom sozio-ökonomisch-kulturellen Rahmen und zum anderen von den biologisch-individuellen Kompetenzen, bedarf es einer angemessenen und einsetzbaren Flexibilität. Flexibilität wird im Alter immer wichtiger. Gemeint ist hier nicht die körperliche Flexibilität, welche natürlich auch sehr wichtig ist, sondern die Flexibilität Ziele an neuen Umständen anzupassen.

“Besonders die Persönlichkeitseigenschaft hoher Zielflexibilität wirkt als kompensatorischer Prozess beim Umgang mit altersbedingtem Funktionsabbau. Individuen, die bereit sind, ihre Ziele an Gegebenheiten anzupassen, erleben Funktionseinbußen weniger als Einschränkungen des allgemeinen Wohlbefindens und neigen eher zu entlastenden Interpretationen bei Verlust- oder Funktionsbedrohungserfahrung.”2

Somit wird Handlung zu einem Entwicklungsprodukt, welches durch das proaktive Individuum angestoßen wurde. Ab dem Zeitpunkt, bei dem diese Handlungen bewusst wahrgenommen werden, übertragen sich die Repräsentationen im Gedächtnis, welches das Individuum von sich und seiner Umwelt machte, auch auf zukünftige Handlungen. Flexibilität stellt hierbei für die Handlungskompetenz eine äußerst wichtige Persönlichkeitseigenschaft dar. In den nächsten Abschnitten möchte ich auf das Konzept “organisches Lernen” von Moshé Feldenkrais eingehen.

Flexibilität in der Feldenkrais Methode

„Mir geht es nicht um flexible Körper, sondern flexible Gehirne. Mir geht es darum, daß jeder einzelne seine menschliche Würde zurückerhält.”
Moshé Feldenkrais

Was genau könnte Moshé Feldenkrais mit flexiblen Gehirnen gemeint haben? Feldenkrais kann grundsätzlich als Training der Flexibilität angesehen werden. Sobald das Wort Flexibilität fällt, entstehen höchstwahrscheinlich erste Gedanken zu körperlicher Flexibilität. Vielleicht handelt es sich dabei um Flexibilität, wie sie ein professioneller Tänzer zum Ausdruck bringt, oder Flexibilität, wie sie notwendigerweise bei gymnastischen Übungen an den Ringen zu sehen ist. Davon ist jedoch nicht die Rede. Diese körperliche Flexibilität stellt lediglich ein Beiprodukt im Entwicklungsprozess innerhalb eines Feldenkrais-Settings dar. Die Flexibilität, um die es Moshé Feldenkrais wirklich ging, war die Flexibilität des Gehirns. Flexibilität des Gehirns bedeutet hierbei so viel wie die Fähigkeit eines Individuums, sich wenn notwendig in einer sich ändernden Umwelt adäquat anzupassen. Sich nicht anpassen zu können, wäre im schlimmsten Fall gleichzusetzen mit dem Tod. Sich in einer ständig ändernden Umwelt anpassen zu können ist eng verwoben mit der Fähigkeit eine Entscheidung zu treffen. Entscheidungen werden jeden Tag getroffen, und dies unzählige Male. Die Entscheidungen, welche aus der Feldenkrais Arbeit heraus resultieren, sind Entscheidungen, welche auf Differenzierung basieren. Differenzierung bedeutet hierbei soviel wie, einen Unterschied spüren. Die Unterschiede beziehen sich hier primär auf Bewegungen und sekundär auf Gedanken und Gefühlen. Je nachdem wie ein Mensch eine Bewegung ausführt, kann schon einen riesigen Unterschied produzieren.

Um dies an einem sehr anschaulichen und einfachen Beispiel zu verdeutlichen, stellen Sie sich beim Spazieren oder Gehen vor. Ein effizientes Gehen bzw. Spazieren besteht unter anderem auch darin, die Knie angemessen zu beugen und zu strecken. Tut ein Mensch dies nicht, d.h. die Knie bleiben beim Gehen mehr oder weniger gestreckt, so wird sich dies notwendigerweise nach oben und unten auswirken, z.B. auf die Hüftgelenke. Bewegt ein Mensch die Knie in einer natürlichen, funktionellen und organischen Art und Weise, so wird sich dies auch nach oben hin auswirken, und zwar auch auf die Hüftgelenke, jedoch in positiver Weise. Natürlich besteht hier nicht nur eine logische Implikation (wenn-dann-Verhältnis), also wenn jemand die Knie “richtig” benutzt, dann hat das auch positive Konsequenzen für die Hüftgelenke. Es hat neben den Hüftgelenken auch Auswirkungen auf die Wirbelsäule, die Fußgelenke, die Pendelbewegungen der Arme etc. Ergo, auf den Menschen als Ganzes.

Je mehr Unterschiede ein Mensch spüren kann, desto mehr Möglichkeiten hat er auch zur Verfügung, aus denen er wählen kann. Es lässe sich fast daraus ableiten, das daraus eine gewisse Handlungs-, bzw. Bewegungsfreiheit entsteht. Das Gegenteil von dieser Freiheit wäre eine Zwangslage, also das Nichtvorhandensein von mehreren Möglichkeiten. Ein Mensch ist somit gezwungen sich in “nur” einer Art und Weise zu bewegen. Dies entspräche einem Defizit in der Bewegung, welches aber auf ein Defizit im Gehirn zurückzuführen ist. Wie am Anfang erwähnt, ging es Moshé Feldenkrais nicht um flexible Körper, sondern um flexible Gehirne. Feldenkrais unterrichtete Bewegungen und aus diesem Grund, glauben viele, dass der primäre Grund Feldenkrais zu praktizieren darin liegt, beweglicher zu werden, und evt. Spannungen zu lösen, Schmerzen zu behandeln, etc. Dies mag “auch” richtig sein, jedoch liegt der primäre Grund in der Mannigfaltigkeit der Perspektiven. Viele Perspektiven einnehmen zu können wäre gleichzusetzen mit viele Bewegungen effizient ausführen zu können. Die Perspektiven kommen zuerst, dann die Bewegungen. Dies ist Flexibilität im Sinne von Feldenkrais.

Von der Flexibilität hin zur Bewusstheit

Im Artikel “Self-Fulfilment through organic learning”3 erwähnt Feldenkrais die Frage, was ein Selbst wäre. Bei ca. 7,5 Milliarden Menschen auf dieser Welt, hätten wir wahrscheinlich 7,5 Milliarden verschiedene Formen von Selbst. Die Definition des Konzepts “Selbst” überlässt Feldenkrais der Psychologie und nähert sich diesem Konzept aus einer anderen Richtung an. Was diesen 7,5 Milliarden Menschen jedoch und allen anderen Tieren gemeinsam ist, sind genau vier Sachen: Fortpflanzung, Lebensunterhalt, Selbsterhaltung und Selbstantrieb (im Sinne von Bewegung). Lebensunterhalt bedeutet die Fähigkeit sich entsprechend am Leben zu erhalten, also durch Nahrung, Flüssigkeit, Schlaf, Luft etc. Im Gegensatz dazu besteht die Selbsterhaltung in der Fähigkeit sich vor Angreifern zu schützen. Um diese drei Sachen (Fortpflanzung, Lebensunterhalt und Selbsterhaltung) zu bewerkstelligen, braucht es noch die vierte Sache, nämlich Bewegung. Ein Tier rennt weg bzw. greift an sofern es in Gefahr ist und um an Nahrung zu gelangen, bedarf es wieder der Bewegung, so wie dies auch bei der Fortpflanzung der Fall ist.

Fortpflanzung + Lebensunterhalt + Selbsterhaltung ↔ Selbstantrieb

Neben diesen vier Sachen, welchen allen Tieren gemein ist, sind Menschen auch fähig zu denken, zu fühlen und wahrzunehmen. Das ist auch noch nichts besonderes, den Fühlen, Wahrnehmen und Denken sprechen wir den Tieren nicht ab, wenn es auch nicht an die Komplexität eines Menschen herankommen mag. Bezeichnend für den Menschen sind allerdings die beiden Kapazitäten Bewusstsein und Bewusstheit. Bewusstsein besitzen auch die Tiere, jedoch in einer anderen Komplexität. Feldenkrais nähert sich an den Begriff Bewusstsein mit folgenden Szenario. Wenn ein Mensch nach einem Unfall bewusstlos in einem Hospital aufwacht, wird er sich wahrscheinlich als erstes fragen, wo er sei. Dies ist eine wesentliche Eigenschaft des Bewusstseins. Bevor ein Mensch sich im Gravitationsfeld orientieren kann, in dem sich die Augen mit dem Horizont verbinden, weiß er nicht, ob er schläft, träumt, sich in irgendeiner Weise bewegt. Dies macht Bewusstsein zu einem Evolutionsprodukt und die Frage,“wo jemand im Raum orientiert ist”, zu einer grundlegenden Eigenschaft des Bewusstseins. In anderen Worten, Wachsein ist nicht gleichzusetzen mit Bewusstsein. Der Unterschied von Bewusstsein, also der Orientierung eines Menschen im Gravitationsfeld mit all seinen Handlungen / Wahrnehmungen und Bewusstheit, liegt in dem kleinen feinen Unterschied, nämlich genau zu wissen was, wann, wo, wie und warum passiert.

Bewusstheit = Bewusstsein + Wissen

Zu wissen, was, wann, wo, wie und warum passiert benötigt ein ordentliches Maß an Bewusstheit. Je feiner dieser Bewusstheitszustand ist, desto mehr ist ein Individuum fähig an der Selbstverwirklichung zu arbeiten. Oscar Wilde hat es in “Das Bildnis von Dorian Gray” sehr schön zu Worte gebracht:

“Das Ziel des Lebens ist Selbstentfaltung. Seine eigene Natur vollkommen zu verwirklichen – dafür ist jeder von uns da. Die Menschen von heutzutage haben Angst vor sich selbst. Sie haben die höchste aller Pflichten vergessen, die Pflicht, die man sich selbst gegenüber hat. Natürlich sind sie wohltätig. Sie nähren den Hungrigen und kleiden den Bettler. Aber ihre eigenen Seelen sterben Hungers und sind nackt. Der Mut ist unserm Geschlecht verloren gegangen. Vielleicht haben wir ihn nie wirklich besessen. Die Furcht vor der Gesellschaft, die die Grundlage der Moral ist, die Furcht vor Gott, die das Geheimnis der Religion ist – das sind die zwei Dinge, die uns beherrschen.”
Oscar Wilde

Selbstverwirklichung durch organisches Lernen

Feldenkrais nähert sich der Frage nach Selbstverwirklichung über den Begriff der Grenzen. Nur wer seine Grenzen wahrnimmt, wird die Fähigkeit zur Selbstverwirklichung verfeinern. Er benutzt hierfür den lateinischen Begriff “tabula rasa”, was so viel wie “unbeschriebenes Blatt” bedeutet. Im Feldenkrais Kontext bedeutet dieser Begriff, dass ein Mensch geboren wird und typisch menschliche Fähigkeiten wie aufrecht laufen, sprechen, singen, rechnen, musizieren, denken, etc. noch nicht entwickelt sind, im Gegensatz zu körperlichen Funktionen wie z.B. das Schwitzen. Was dem Menschen jedoch innewohnend ist, ist die sehr hohe Flexibilität des Nervensystems. Laut Moshé Feldenkrais besteht die einzige wirkliche innewohnende Qualität eines Menschen in der Neugierde. Neugierde schafft Flexibilität im Nervensystem und zugleich ist die Flexibilität des Nervensystems Voraussetzung für die Neugierde. Ich erwähnte bereits das Bewusstheit die Summe aus Bewusstsein und Wissen ist. Diese Art Bewusstheit hat nichts mit Bildung, oder akademischen Lernen, zu tun. Akademisches Lernen befähigt einen lediglich eine sehr spezifische Tätigkeit gegen finanzielle Entlohnung auszuführen. Menschen lernen gewisse Sachen in der Schule, oder auf der Universität, welche im Leben gebraucht werden, z.B. wie ein Abwassersystem gebaut wird, oder ein Buch nach gewissen Vorgaben geschrieben wird, oder interkulturelle Verbindungen zugunsten politischer Verständigung gehegt werden. All diese Sachen sind wichtig und notwendig, jedoch haben diese Sachen nichts mit persönlichen Wachstum zu tun.

Persönliches Wachstum entsteht nicht durch akademisches Lernen, sondern durch organisches Lernen. Organisches Lernen ist an Zeit gebunden, wohingegen dies für akademisches Lernen nicht zutrifft. Ich kann auch noch mit 40 Jahren an der Universität studieren. Mit 40 Jahren das Laufen lernen grenzt eher an eine außergewöhnliche Ausnahme. Ein Mensch wird nicht geboren und fängt das Laufen an. Diese Fähigkeiten unterliegen einen gewissen Entwicklungsprozess. Bevor ein Mensch läuft, krabbelt er, und bevor er krabbelt, kriecht er, usw. Dieser Gedanke geht zurück auf Karl Bühler, welcher der Entwicklung eines Menschen gewisse Phasen zuordnet, welche sich in Richtung eines finalen Reifezustandes bewegen. Diese Phasen werden als kritische bzw. sensible Phasen bezeichnet. In einer kritischen Phase findet eine gewisse Entwicklung statt und zwar nur in dieser Phase, d.h. findet diese Entwicklung nicht statt, wird dies Auswirkungen auf spätere Entwicklungen haben. Dies soll das folgende Bild (aus Schneider, Lindenberger 2008) veranschaulichen.

Wir wissen heute von der sehr starken Einschränkung dieser kritischen Phasen und dem endgültigen Reifezustand. Würde dieses Modell zu hundert Prozent gültig sein, gäbe es nach einer verpassten Entwicklung in einer spezifischen Phase keine zweite Chance mehr, d.h. lernt ein Neugeborenes nicht anständig zu krabbeln, kann es später wahrscheinlich auch nicht richtig laufen. Dies stimmt so nicht ganz und genau dies, ist die Grundlage von organischen Lernen. Organisches Lernen, wie es in der Feldenkrais Arbeit vorkommt, beschäftigt sich mit senso-motorischen Mustern. Die Sensomotorik stellt die Steuerung und Kontrolle von Bewegung in Verbindung mit Sinnesrückmeldungen dar. Diese Muster tauchten zuerst als Neugeborenes auf, wurden gelernt und evt. wieder vergessen bzw. nicht effizient genug gelernt. Ein Neugeborenes denkt noch nicht, sondern lernt über Versuch und Irrtum. Es macht Fehler und aus Fehlern merkt es, dass eine Grenze besteht. Diese Grenze gilt es zu überwinden, z.B. der Versuch aus der Rückenlage über die Seite auf den Bauch zu kommen. Sobald das Neugeborene auf dem Bauch angekommen ist, stellt sich bereits die nächste Aufgabe. Wie bewegt es sich fort oder hin zu einem interessanten Objekt. Dieses organische Lernen ist allerdings nicht nur auf sensible Phasen begrenzt, sondern kann auch im Erwachsenenalter nachgeholt bzw. angewandt werden. Eine Feldenkrais Gruppenlektion stellt einen zeitlichen Rahmen von ca. 60 Minuten dar, in welchem vereinzelte Schritte organisch wieder erlernt werden können. In anderen Worten wird somit das Nervensystem noch einmal überschrieben und eine Funktion wird neu und besser erlernt.

Resümee

In der aktionalen Entwicklungstheorie lautet die Grundannahme: Menschen können ihre eigene Entwicklung regulieren. Ein Mensch nimmt hierbei aktiv bei der Gestaltung seines Lebens teil. So geschieht dies auch beim organischen Lernen der Feldenkrais Methode, in welcher ein Mensch auch aktiv seine Entwicklung gestaltet.

Überdies besteht eine weitere Gemeinsamkeit bezüglich der Problemlösungsfähigkeit. Erfolg darin, Probleme zu lösen, besteht im AAI-Modell darin, Kompetenzen aufzubauen und verfügbare Ressourcen zu nutzen. In der Feldenkrais Welt ist die Rede von einem Spielraum, welcher eine gewisse Grenze aufweist. Sich dieser Grenze zum einen bewusst zu sein und zum zweiten die Fähigkeit zu besitzen diese Grenze zu verschieben gleicht einem erfolgreichen Entwicklungsschritt. Ich erwähnte, dass ein Neugeborenes noch nicht denkt, sondern über über Versuch und Irrtum lernt. Aus diesen Fehlern lernt es seine Grenzen zu verschieben. Dieses Verschieben von Grenzen, was mit einer Funktionsverbesserung einhergeht, z.B. vom Rollen zum Krabbeln, gleicht der Assimilation des AAI-Modells. Das Neugeborene verfolgt hartnäckig ein Ziel, sei es auch noch nicht bewusst. Als Erwachsene entscheiden wir uns aktiv und bewusst für oder gegen etwas. Als Erwachsene können wir immer noch, und zwar bis ins hohe Alter, an unserer Flexibilität, sich neuen Umständen anzupassen, arbeiten. Dies entspräche der Akkomodation des AAI-Modells, was einer flexibleren Zielanpassung entspricht.

Gelingend ist die Entwicklung dann, wenn eine progressive Adaptation eines Individuums an die Umwelt überhaupt möglich ist. Sich eigenständig Ziele auszuwählen und mehrere Wege zu besitzen, diese Ziele zu erreichen, darin besteht die Feldenkrais Arbeit. In anderen Worten besteht sie in einer Erweiterung des Spielraums der Möglichkeiten. Das Schlüsselelement zur Erweiterung des Spielraums ist Lernen. Bei einer Feldenkrais Lektion sucht der Teilnehmer nach organischen Bewegungen. Organisch kann auch als leicht und effektiv verstanden werden, also eine Bewegung frei von Spannungen und Einschränkungen. Diese leichte und effektive Art der Bewegung kann als Fortschritt verstanden werden, Fortschritt durch aufmerksame Bewegung. Dieser Prozess der Bewusstwerdung hat kein Ende in Sicht.

 

Verwendete Literatur

  • Behringer, Elizabeth (2010). Embodied Wisdom. The collected papers of Moshé Feldenkrais. Berkeley: North Atlantic Books
  • Brandtstädter, Jochen (2001). Entwicklung, Intentionalität, Handeln. Stuttgart: Kohlhammer
  • Brandstädter, Jochen (2011). Positive Entwicklung. Heidelberg: Spektrum
  • Flammer, August (1988). Entwicklungstheorien. Bern: Hans Huber Verlag
  • Harman, Ann (2004). Choose Flexibility. In: http://www.feldenkraisguild.com/ URL: http://www.feldenkraisguild.com/article_content.asp?edition=1&section=15&article=204 (abgerufen am 16.12.2017)
  • Heckhausen, Heinz; Heckhausen, Jutta (2010). Motivation und Handeln. Berlin: Springer
  • Schneider, Lindenberger (2008). Entwicklungspsychologie. Basel: Beltz
  • Wilde, Oscar (1996). Das Bildnis des Dorian Gray. Zürich: Diogenes

Verwendete Bildquellen

  • Schneider, Lindenberger (2008). Entwicklungspsychologie (S. 29). Basel: Beltz

 

1   Schneider, W.; Lindenberger, U. (2012). Entwicklungspsychologie (S. 576 f.) Basel: Beltz
2   Heckhausen, Heinz; Heckhausen, Jutta (2010). Motivation und Handeln (S. 423) Berlin: Springer
3   Behringer, Elizabeth (2010): Embodied Wisdom. The collected papers of Moshé Feldenkrais (S. 77-90) Berkeley: North Atlantic Books

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