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veröffentlicht am: 15. November 2017

Eine starke Mitte

Wenn Sie etwas schweres vom Boden aufheben, werden Sie wahrscheinlich feststellen, dass es wichtig ist, wie Sie dies tun. Dies ist nicht nur bei schweren Dingen der Fall, sondern auch bei leichten Dingen, wie z.B. einen Bleistift. Vielleicht spüren Sie einen gewissen Schmerz oder eine Verspannung, oder vielleicht fühlen Sie sich einfach nicht gut dabei. Womit kann das zu tun haben?

Obsessionen

In unserem Rumpf gibt es eine Anzahl an größeren und kleineren Muskeln, die Bauchmuskeln, die Rückenstreckermuskulatur, die Beckenbodenmuskulatur, das Zwerchfell, alle sind sie wichtig für die Stabilisierung unseres Körpers, unserer Wirbelsäule. Dieses fein ausgeklügelte System an verschiedenen Muskeln zusammen mit dem Nervensystem aktiviert sich sobald wir uns bewegen, etwas schweres heben, springen, uns bücken usw. Heute besteht jedoch eine regelrechte Obsession bezüglich des Trainings der sogenannten “Core”-Muskulatur. Man findet unzählige Menschen in Fitnessstudios, welche sich Bauchmuskeln aus Stahl antrainieren. Ein gesundes Maß an Muskeltonus ist ja natürlich und nützlich, doch braucht es diese extrem steifen Muskeln?

Eine starke Mitte

Eine starke Mitte ist nicht durch das minutenlange Verharren in einer gewissen Position zu erlangen, wie es z.B. beim Unterarmstütz der Fall ist. Mehr ist nicht gleich besser. Der Unterarmstütz ist eine wichtige und auch hilfreiche Übung. Die Frage ist jedoch, wie sich die Muskulatur mit diesem Stütz am besten trainieren lässt. Eine gesunde Balance zwischen Bewegung und Nichtbewegung zu finden, stellt für mich ein lobenswertes Ziel dar. Dies ist es allein schon deswegen, da tägliche Funktionen uns dazu veranlassen uns zu bewegen. Dies spricht regelrecht gegen die derzeitige Obsession in der Fitnesswelt. Eine starke Mitte resultiert also eher aus dem gesunden Zusammenspiel von Kräftigung und Mobilisation. Kräftigung bedeutet hierbei nicht für drei Minuten einen Unterarmstütz zu halten.

Bewegung, nicht Stillstand

Unsere Wirbelsäule ist für Bewegung gemacht, nicht für Stillstand. Deswegen kann genau ein zu viel an Krafttraining zuträglich sein für Rückenschmerzen. Das gleiche trifft auch auf keine Bewegung zu, also den berühmten “Couchpotatoe”. Laut Feldenkrais Lehrer Ruthy Alon ist es egal, ob Sie Profisportler, Tänzer, Arzt, Buchhalter, Bauarbeiter oder sonstiges sind. Rückenschmerzen suchen jeden heim. Niemand ist davor gefeit. Aus diesem Grunde ist über folgendes genau nachzudenken. Ein Körper, welcher sowieso schon zu unbeweglich ist, wird durch falsches Krafttraining noch unbeweglicher. Der Schmerz allein führt nämlich schon zu einer höheren Muskelspannung, und somit eventuell zu einem unbeweglicheren Körper. Ein wenig Entspannung in der schmerzenden Region wäre ein anderer Ansatz. Ich möchte hier ganz kurz anbringen, dass die Feldenkrais Methode keine Entspannungsmethode ist, sondern eine Lernmethode.

Paradigmenwechsel

Was wir brauchen, ist ein Paradigmenwechsel der Bewegung. Die Glaubenssysteme müssen sich ändern. Nicht das Credo “no pain, no gain”, sondern eher das Credo “move, in all ways, always” macht sich als Leitgedanke um einiges besser. Dies gibt schon einen ganz anderen Ton an. Somit kann man nicht sagen, eine Übung passt für jeden. Jede Person braucht ein individuelles Assessment. Einfach mit der Gießkanne gewisse Übungen über die Population zu schütten mag vielleicht marketingtechnisch gewinnträchtig sein, jedoch erfüllt dies nicht die individuellen Schmerz-, bzw. Behandlungsbedürfnisse der Patienten.

Das Spiel auf einem Bein

Machen Sie mal einen kleinen Test:

Stellen Sie sich auf ihren rechten Fuß, der linke Fuß ist dabei wenige Zentimeter über den Boden. Vielleicht merken Sie, das Sie leicht nach rechts tendieren, um den Körper auszubalancieren. Als nächstes bringen Sie ihren rechten Ellbogen zu ihrem linken Knie, so das sich beide berühren. Was ist alles nötig, um diese Bewegung “einfach” auszuführen und die Balance kinderleicht zu halten? Führen Sie diese Bewegung mehrmals aus. Wechseln Sie auch mal die Seite. Wenn dies zu leicht sein sollte, schließen Sie abwechselnd einmal das rechte und dann das linke Auge. Immer noch zu leicht? Schließen Sie beide Augen. Und, immer noch leicht? Gratulation. Unglaublich schwer? Dann haben Sie jetzt eine Bewegung, die Sie für die nächsten Wochen ausprobieren können. Beobachten Sie dabei ihren Fortschritt. Wie schnell ändert sich ihr Gefühl im Stand und im Gang? Gibt es evt. einen Zusammenhang? Große und superstarke Muskeln nützen Ihnen hier rein gar nichts. Wollen Sie mehrere von diesen Übungen? Schreiben Sie mir einfach eine Mail.

Der Propriozeption zuliebe

Wenn Ihnen die vorangegangene Übung Spaß macht und/oder vielleicht auch etwas schwer fallen sollte, verlieren Sie nicht den Mut. Machen Sie weiter! Sie schulen Ihre Propriozeption. Es gibt Exterozeptoren, wie die Augen, die Ohren, den Mund und die Nase und es gibt Propriozeptoren, wie unter anderem das vestibuläre System im Innenohr, die taktilen Rezeptoren auf der Haut und die kinesthetischen Rezeptoren, die Muskeln. Um aktiver Teilnehmer in einer Bewegung zu sein, diese Bewegung ins kleinste Detail zu kennen, machen Sie Propriozeption zu Ihrem zweiten Frühstück. Ja, hören Sie auf Sudoku zu spielen! Kreieren Sie Freiheit, in dem Sie ihre Optionen erweitern. Optionen kommen nicht einfach so, sie fallen auch nicht vom Himmel. Sie sind das Ergebnis von konstanter Arbeit, von Hingabe, von Leidenschaft und auch von Geduld und Entspannung. Kein Genie ist 24 Stunden aktiv. In den Pausen wachsen Sie.

Ich wünsche Ihnen viele kreative und erfolgreiche Pausen!

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