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veröffentlicht am: 1. Juni 2018

Die Herrschaft der Dinge

Menschen brauchen keine Werkzeuge, die ihnen die Arbeit abnehmen.
Menschen brauchen Werkzeuge, mit denen sie arbeiten können.

Wir alle haben unsere eigenen Modi, wie wir Aktivitäten ausführen, angefangen von der Art und Weise wie wir atmen, stehen, sitzen, gehen, eine Flasche zum Mund führen, die Zähne putzen, eine Gurke schneiden, in den Rückspiegel schauen, einen Brief schreiben, etc. Die Art und Weise wie wir all diese Dinge ausführen, obliegt jeden einzelnen Menschen. Jetzt lässt sich allerdings noch ein gravierender Unterschied abzeichnen. Der Unterschied besteht zwischen dem Wort bedienen und dem Wort hantieren.

Diese alltäglichen Gewohnheiten unterliegen natürlich auch einem Wandel der Zeit. Vor nicht allzu langer Zeit haben Menschen ihre Wäsche am Fluss auf einem Waschbrett gerubbelt. Heute füllen sie eine Waschmaschine und drücken dann einen Knopf. Welcher Knopf nun gedrückt wird, wird fast zu einem kleinem Studium, denn es wäre sinnvoll, vorab die Bedienungsanleitung zu studieren, um nicht Ihren geliebten Wollpullover auf Kindergröße schrumpfen zu lassen. Anstatt den Drehknopf der Heizung auf eine bestimmte Zahl zu stellen oder den Thermostat für die komplette Wohnung zu bedienen, ging man vor nicht allzu langer Zeit in den Keller und schaffte Holz und Kohle heran, um anzuschüren. Sie können dies beliebig erweitern. Anstatt Kaffee aufzubrühen, drücken Sie eventuell einen Knopf am Vollautomaten. Anstatt selbst zu musizieren, drücken Sie eventuell auf einen Knopf an der Stereoanlage und die schönsten Töne erklingen.

Jetzt können Sie sich folgendes fragen. Herrschen eventuell die Dinge über mich? Denn wenn Sie das Ding nicht bedienen können, sind Sie ihm grundlos ausgeliefert. Es muss dem Ding ein Studium der Bedienungsanleitung vorangehen. Sie mögen jetzt einwenden, dass dies doch bequem wäre. Ich stimme Ihnen zu. Hat diese Bequemlichkeit eventuell einen Preis? Ja, Bequemlichkeit kostet. Die Geräte, welche Sie bedienen, kosten Geld. Dieses Geld müssen Sie hart erarbeiten. Diese Geräte gehen eventuell regelmäßig kaputt. Dann brauchen Sie wiederum Geld für Reparaturmaßnahmen. Oder Sie schaffen sich gleich ein neues Gerät an. Für dieses Geld arbeiten Sie dann wieder viel. Sie arbeiten für das Level der Bequemlichkeit, welches Sie haben möchten.

Das hört sich fast so an, als möchte ich all diese Bequemlichkeiten per Knopfdruck abschaffen? Sie schafften ja schließlich Freiraum für die wichtigen Dinge des Lebens. Was ist wichtig im Leben? Was ist Ihnen wichtig im Leben? Vielleicht genießen Sie das menschliche Miteinander, zusammensitzend unter einem Kastanienbaum in einem Cafe. Ich meine damit nicht, in ein Cafe zu gehen, um dort am Smartphone herumzuspielen, sondern wirklich das menschliche Miteinander. Ich bin mir sicher, Ihnen fallen noch hundert andere Beispiele ein.

Keine Sorge, ich möchte diese Dinge nicht per Knopfdruck abschaffen, sondern Ihnen lediglich einen Unterschied aufzeigen. Der Unterschied besteht zwischen dem Wort bedienen und dem Wort hantieren. Mittlerweile dürfte klar sein, wie sich eine Waschmaschine bedienen lässt und sich Wäsche rubbeln lässt, also wie Sie mit ihr hantieren. Wenn ein Mensch mit etwas hantiert, benutzt er entweder seine Hände, oder ein Werkzeug. Feldenkrais ist auch ein Werkzeug, wenn auch ein ganz anderes. Es ist ein Werkzeug oder ein Medium, hin zu sich selbst. Mit Achtsamkeit und Bewegungen im Feldenkrais-Modus, lernen Sie sich selbst näher kennen. Sie lernen ihre feinsten Gewohnheiten kennen. Sie finden heraus, wie Sie sich jeden Tag bedienen und stehen nun vor der einmaligen Chance, dies zu ändern oder alles beim Alten zu lassen. Ich will Ihnen noch ein Beispiel geben. Wenn Ihnen der Kopf weh tut, greifen Sie dann zur Tablette oder regulieren Sie die Kopfschmerzen auf andere Art und Weise herunter? Bedienen Sie sich oder hantieren Sie mit sich? Ich weiß, manchmal ist dies schwierig, zum Beispiel in einem Business-Meeting auf dem Boden eine Feldenkrais-Lektion zu absolvieren, mag ein wenig komisch aussehen. Doch was ist mit all der Zeit vor bzw. nach diesem Business-Meeting.

Nur wer bei sich ist, kann auch bei anderen sein. Das ist Leben!

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